Monthly Archives: August 2014

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Hayır, teşekkürler*

turk eye… sagen die Türken zu einer Eurovisionsteilnahme in Wien 2015, wenn der eurovisionaer den Meldungen diverser ESC-Webseiten glauben darf. Also ausgerechnet jene Türkler wollen erneut aussetzen, die lange Jahre auf Teufelkommraus um Anerkennung beim europäischen Schlagerwettbewerb buhlten und inbesondere in den 80ern arg lächerliche Kopien der übelsten Westkaufhausmucke abkommandierten? Erst nach dem Jahrtausendwechsel hatten sie allmählich raus, was Europa wirklich von ihnen hören wollte und wurden in der Folge gar mit dem Sieg 2003 belohnt. Dann plötzlich wollten sie nicht nach Malmö kommen und nun auch nicht nach Wien. Liegt es an Erdogans Politik, Conchitas Gesichtsbehaarung, dem eigenen – 2013 ins Leben gerufenen – recht nationalistisch geprägten Format „Türkvizyon“ oder doch an den wahnwitzigen Regeln der EBU, die besonders laut in Ankara kritisiert wurden? Keiner weiß es genau.

Nehmen wir einfach mal an, das Genfer Regelwerk ist tatsächlich der Stein des osmanischen Anstoßes. Schon häufig hat der eurovisionaer an dieser Stelle seinen Unmut über die seit 2009 wieder auferstandenen Jurys geäußert und steht den Türken daher gerne argumentativ zur Seite. Allein – ihr Groll stößt bei der EBU auf taube Ohren. Diese hält an ihrem erst 2013 noch perfider strukturiertem Wertungsprozedere fest, so lange die Teilnehmerzahl halbwegs stimmt und pausierende Staaten (in diesem Jahr waren es immerhin sieben) eher finanzielle Schwierigkeiten, denn Kritik am System als Entschuldigung für ihr Fernbleiben anführen.

Doch die Nachfahren Atatürks stören sich wohl ebenso an einer anderen heiligen Kuh, die ihrer Meinung nach schnellstens geschlachtet werden sollte. Konkret geht es ihnen um die Big-Five-Regel. Seit 1997 nämlich genießen die angeblich reichsten Einzahler Großbritannien, Frankreich, Spanien und Deutschland und Italien das Privileg, für jedes Finale gesetzt zu sein, während die übrigen Mitbewerber um den Grand Prix entweder ein Jahr lang pausieren oder (ab 2004) ein Semifinale durchlaufen müssen. Ein kurzer Blick ins dicke eurovisionaere Geschichtsbuch erklärt auch warum: 1996 verpasste Deutschland mit dem singenden Frisör Leon die Endrunde, verbannte den Wettbewerb ins 3. Programm und drohte damit, fortan gar nicht mehr mitspielen zu wollen. Das wäre der sichere Tod des ESC gewesen, krähen seitdem unermüdlich die einen. Nicht etwa, weil Europa dann auf Dauer deutsche Sangeskunst vorenthalten worden wäre, sondern einfach, weil der EBU-Etat für die jährlichen Partys nicht mehr gereicht hätte. Total unfair, lamentieren die anderen. Neben der Türkei mokieren das übrigens auch sehr viele Fans. Doch wer hat nun recht?

Schwer zu sagen, denn bis heute will niemand so genau beziffern, wie viele Euros die „Großen Fünf“ überhaupt in die Kollekte stecken und was die übrigen Teilnehmer dann noch drauf legen müssen. Transparenz, nein danke*! Dem unbescholtenen Zuschauer jedenfalls fällt es nicht leicht, sich ausgerechnet Spanien und Italien als zahlungskräftige Geberländer vorzustellen. Aber hoppla… Spanien, das schreit ja geradezu nach einem Fußballvergleich. Denn, wofür die EBU in unserem Beispiel gescholten wird, das praktiziert die UEFA im Rahmen ihrer Fünfjahreswertung mit der Bereitstellung zusätzlicher Startplätze in der Champions League seit Jahren. Und es stört niemanden.

Der Vergleich macht deutlich, die Big-Five-Regel beruht nicht allein darauf, wer die Taschen voller Geld, folglich die dickste Hose besitzt. Auch nicht, wer die fanatischsten Fans hat, denn dann wäre Schweden längst ständiges Mitglied in jenem Elite-Club. Nein, das Regularium definiert sich rein marktwirtschaftlich. Indizien hierfür: Seit neuestem veröffentlicht die EBU voller Stolz stets rekordverdächtige Einschaltquoten, die immer neue potente Sponsoren anlocken sollen und zu deren Erfolg ohne Zweifel die einwohnerstärksten Länder des Kontinents zahlenmäßig beitragen. Zudem stellen sie gewaltige Absatzmärkte nicht nur für Tonträger bzw. Downloadtitel dar, sie generieren im Zeitalter des TV-Merchandisings auch zusätzliche fette Gewinne durch den Verkauf von Fanartikeln jedweder Art. Selbst der Konsument lässt sich eher von einem Sticker „Top-Ten Hit in Germany“ leiten, als von einer müden  „Nummer-1 in Litauen“. Logisch, dass die EBU ihre großen Zugpferde nicht verlieren will und ihnen nahezu jeden Wunsch von den Augen abliest.

Es sind also auch im eurovisionaeren Kosmos die Märkte, die die Richtung bestimmen. Wenn daher die potenteren Sender ein wenig mehr beisteuern als die anderen – prima! Doch deren Obolus ist es eben nicht allein, der das EBU-System absichert. Und da kann die Türkei – trotz 76 Mio. potentieller Zuschauer – so lange meutern, wie sie will, die konservative alte Dame EBU orientiert sich aus Gewohnheit lieber am alten kapitalistischen Europa. Schade nur, dass ihr so die zwischenzeitlich ans Herz gewachsenen türkischen Melodien durch die Lappen gehen.


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Erica Vaal remixed

Euromix Summer 2014 kleinMittlerweile weiß es wohl jeder: Am 23. Mai 2015 trifft sich Europa in Wien, um den 60. Eurovision Song Contest zu zelebrieren. Grund genug also für den eurovisionaer, seine Remixed-Reihe um eine kleine Sommer-Sonderausgabe zu ergänzen, die einige Wohlfühlmixe der vergangenen Jahre friedlich miteinander vereint.

Doch wo ist der Wien-Bezug? Der Fan weiß, 1967 war es, als dort zuletzt um die Wette gesungen wurde. Damals natürlich noch in schwarz-weiß und im festlichen Rahmen der Wiener Hofburg, wo die wunderbare Erica Vaal – ganz polyglotte Grande Dame – in sechs Sprachen und mit einem dicken Buch bewaffnet durch den Abend führte. Nebenbei entschuldigte sie sich, dass ihr leider die Zeit gefehlt habe, weitere Sprachen zu lernen. Ebenso unvergessen das Voting, in dem es Frau Vaal mehrfach mit einem unberechenbaren Scoreboard zu tun bekam, ein bedauernswerter Umstand, der zu dem bis heute legendären Ausspruch „“I hope our technical order, I mean disorder, will get in order in a few seconds“ führte.

Höchste Zeit also, die im letzten Jahr verstorbene Moderatorin sowie die künftige ESC-Hauptstadt Wien angemessen zu ehren. In der „Remixed: Erica-Vaal-Summer-Edition 2014“ präsentiert uns la Conférencière alter Schule daher einen bunten Reigen beatlastiger Melodien, zu denen der eurovisionaer gute Unterhaltung wünscht.
Foto / Grafik: Juan Buchelli /eurovisionaer


Tracklist:
01 Habibi Group | Halaylah (Morning Remix)
02 Beth | Dime (Neno Club Mix)
03 Antique | Die For You (Eric S Club Mix)
04 Aisha |What for (Boyza II extended Remix)
05 Nelly | Hora (Club Remix)
06 Sabina Babayeva | When the music dies (Babaeff Dark Remix)
07 Imaani | Where Are You (Blue Icon’s Vocal Club Mix)
08 Azucar Moreno | Bandido (F-M-I-F extended Mix)
09 Datz | Kan (Middle East Party Mix)
10 Olsen Brothers | Fly on the wings of love (TA2’s Extended Mix)
11 Ruth Lorenzo | Dancing In The Rain (Stormby Extended Club Mix)
12 Doce | Bem Bom (Mainmix Edit)
13 Elena | The Balkan Girls (David DJ Club Remix)
14 Gemini | Cry Baby (Andy Rossa Remix)
15 Alyona Lonskaya | Solayoh (Promostella Club Mix)
16 Ell & Nikki | Running scared (Adrian Sina Remix)
Hinweis: Den Mixdown hat der eurovisionaer selbst zusammengestellt, er verfolgt hiermit keinerlei gewerblichen Interessen. Die Urheber- und Verkaufsrechte verbleiben bei den Rechteinhabern der jeweiligen Tonaufnahmen.


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Wien wird’s

wien 2015 red

Weißer Rauch aus den Schornsteinen des ORF! Habemus Locum! Leider nicht im Festsaal der Wiener Hofburg wie Anno 1967, sondern in der praktischen Stadthalle der österreichischen Hauptstadt wird der 60. Eurovision Song Contest am 19., 21. und 23. Mai 2015 stattfinden.

Was für alle Anhänger des Wettbewerbs eigentlich von Beginn an auf der Hand lag, war für die Funktionäre des zuständigen Senders wohl doch keine so leichte Wahl. Denn aus dem Alpenland wurde während der letzten Tage Folgendes mehrfach kolportiert: Der Intendant Alexander Wrabetz habe sich zwar stets eindeutig für Wien ausgesprochen, allerdings sei er, durch die Spendierhosen der Bürgermeister der anderen Bewerberstädte Graz und Innsbruck, die plötzlich – im Falle ihrer Wahl – die Übernahme jeglicher Mehrkosten garantierten, in der Diskussion mit kleinlichen Kämmerern mächtig in die Defensive geraten. Wahrscheinlich auch, weil erst Anfang des Monats publik wurde, dass sich der diesjährige Gastgeber Kopenhagen ordentlich verrechnet hat und nun auf ca. acht Millionen Euro Schulden sitzen bleibt.

Doch zum Teufel mit der Vernunft, einmal im Jahr pfeift der Buchhalter gerne mal auf die Sparsamkeit und haut dann halt die ganze Portokasse auf den Kopf. Selbst wenn die Wiener ihrer Stadthalle den Charme eines russischen Bahnhofs attestieren, mit einer Kapazität für maximal 16.000 Zuschauer und ausreichenden Flächen für den Greenroom und andere Kinkerlitzchen war sie wohl ebenso der Favorit der EBU-Gewaltigen in Genf. Und der Liebling der Fans ist Wien sowieso. Vorerst sind also alle ob der Wahl glücklich und die Verantwortlichen des ORF werden spätestens im Sommer nächsten Jahres wissen, ob ihnen der Pleite-Coupe-Denmark erspart bleibt.

Nach der Klärung des „Wo?“ beginnen nun die nächsten brennenden Fragen mit „Wann?“ und „Wer?“. Wann gibt es Tickets? Wer moderiert? Der ORF macht jetzt erstmal Urlaub will diese Angelegenheiten innerhalb der nächsten Monate klären, daher konzentriert sich der eurovisionaer vorerst auf das Wesentliche und schließt für heute mit den Worten der legendären Erica Vaal, Moderatorin des Song Contest 1967: „Dass dem schönsten und besten Lied der Grand Prix zufallen möge, ist unser aller Wunsch.“


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2014 in Europa

Es gibt sie. Die böse, reale Welt außerhalb der heilen Eurovisionshemisphäre. Zum Beispiel in Odessa. Dort stürmte Sonntagabend ein mit Knüppeln bewaffneter Mob ein Konzert der Popdiva Ani Lorak. Die Sängerin erlangte durch ihre Teilnahme am Eurovision Song Contest 2008, wo sie den zweiten Platz mit „Shady Lady“ belegte, größere Bekanntheit in Europa und gilt in der Ukraine als eine der populärsten Künstlerinnen des Landes. Seitdem sie jedoch im Mai dieses Jahres zwei Musikpreise in Moskau entgegen genommen hatte, werfen ihr nationale Kräfte „unpatriotisches“ Verhalten vor.

Den Auftritt im Nachtclub „Ibiza“ nahmen nun 200 Randalierer – Faschisten des „Rechten Sektors“ sowie Anhänger der nationalistischen „Swoboda“-Partei – zum Anlass ihres gewaltsamen Protests. Die Nationalhymne singend und lauthals Parolen skandierend gelang es ihnen, den Lorak-Auftritt zu stören, bis schließlich mehrere Hundertschaften Polizisten eintrafen und die aufgebrachte Menge daran hinderten, den Klub anzuzünden. Trotz des Zwischenfalls wurde die Veranstaltung danach fortgesetzt.

Als Kommentar zu den Auseinandersetzungen gab das ukrainische Innenministerium derweil bekannt, in den kommenden Tagen eine schwarze Liste mit 500 (russischen) Künstlern veröffentlichen zu wollen, die künftig ein Auftrittsverbot in dem Bürgerkriegsland erhalten werden. Frau Lorak soll angeblich nicht dazu gehören.


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