Monthly Archives: Juni 2015

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Schmierentheater in der EBU

Nachdem sich Volkes Meinung – zwischenzeitlich ein wenig müde vom ewigen Griechenland-Bashing – vor einigen Wochen an der FIFA bzw. an den Nun  gegen deren Präsidenten abreagieren durfte, ist nun die EBU dran. Zumindest in der ESC-Community, denn in Jan Olas Genfer Abteilung rummst es gewaltig. Dessen Kommunikationskoordinator Jarmo Siim, zuständig für den Eurovision Song Contest und dessen Ableger Junior ESC, hat seinen Job gekündigt. Allerdings nicht heimlich, still und leise, sondern erst nachdem bekannt wurde, dass er in jüngster Vergangenheit ganz offensichtlich Stimmung gegen den diesjährigen schwedischen Beitrag – und späteren ESC-Sieger – „Heroes“ gemacht hatte.

Als die EBU Belege für die Anschuldigungen einforderte, fackelte die schwedische Boulevardzeitung Aftonbladet (normalerweise weniger für investigativen Journalismus bekannt) nicht lange und legte diese nun vor einigen Tagen auf den Tisch. Kern der Querelen ist ein Facebookchat, in dem sich Siim angeblich mit einem (bislang anonymen) griechischen „ESC-Journalisten“ über die Ähnlichkeit von „Heroes“ zu dem David-Guetta-Titel „Lovers in the Sun“ austauschte. Offensichtlich waren sich beide einig, den Schweden eins auszuwischen, denn Siim beendete den Gedankenaustausch mit folgender Nachricht: „“Unter uns, mach mit den Angriffen gegen das schwedische Lied weiter und setze uns unter Druck!”

Wie wir heute wissen, hat es dem skandinavischen Sänger Zelmerlöw nicht geschadet, (denn jeder ESC-Fan mit halbwegs funktionierenden Ohren wußte längst, dass sich die schwedischen Autoren sehr ungeniert bei Herrn Guetta bedient hatten), wohl aber dem Presse-Chef des Song Contests. Der wies zuerst noch alle Vorwürfe von sich und behauptete, sein Account sei gehackt worden, zog dann aber Anfang dieser Woche doch die Konsequenzen. Möglicherweise nicht ganz freiwillig, zeugt doch das Chatprotokoll über den beanstandeten Inhalt hinaus von einer mehr als vertraulichen Ebene zwischen EBU-Offiziellem und Pressevertreter.

Zu allem Übel will nun Christer Björkman, schwedischer Delegationsleiter und Hans-Dampf in allen eurovisonären Gassen, das Thema beim heutigen Treffen der Reference-Group auf die Tagesordnung bringen. Die sollte eigentlich den Song Contest 2016 vorbereiten, muss aber nun wohl erst einmal Ordnung in den eigenen Laden bringen. Es steht also zu vermuten, dass das anstehende ESC-Sommerloch noch ausreichend Raum für weitere Negativ-Schlagzeilen liefern könnte.

Grafik: EBU


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Und jährlich grüßt das ESC-Murmeltier

Dunkle Wolken am Horizont derer, die schon in Vorfreude auf die Rückkehr ins Mutterland der Eurovision, Schweden, ihre Reservierung für Stockholm vorgenommen hatten, um auf den Spuren der ewig göttlichen Agnetha F. zu wandeln. Wie heute bekannt wurde, stehen weder die 50.000 Sitzplätze fassende Friends- noch die Tele-2-Arena für den Song Contest 2016 zur Verfügung. Wie so häufig in den vergangenen Jahren, können sich die modernsten Veranstaltungsorte Europas, zu denen beiden Arenen zweifelsfrei gehören, eine 6-wöchige Blockade einzig durch den Eurovision Song Contest nicht leisten und stehen anderen Nutzern, so zum Beispiel dem ortsansässigen Fußballverein AIK Solna, im Wort.

Und so steht in Schwedens Hauptstadt nur noch der Globen zur Verfügung, stimmungsvolle Heimstätte des ESC 2000, heutzutage mit 16.000 Sitzplätzen allerdings als viel zu piefig wahrgenommen. Wenig reizvolle Alternativen bieten das etwas in die Jahre gekommene Scandinavium in Göteburg mit einer Kapazität von ca. 14.000 Plätzen oder die Saab-Arena in Linköping. Die verfügt über stattliche 11.500 Plätze, hat aber ansonsten infrastrukturell rein gar nichts zu bieten. Lachender Vierter könnte also erneut Malmö werden. Dort wurde der Wettbewerb erst 2013 ausgetragen und hinterliess seinerzeit ein mitteltiefes Loch in der Stadtkasse. Allerdings kann die Metropole am Öresund auch weiterhin mit ihrer einzigartigen Nähe zum nachbarlichen Kopenhagener Flughafen und den dortigen Hotelangeboten punkten. Laut Veranstalter, dem schwedischen TV-Sender SVT, soll die Wahl des ESC-Austragungsortes spätestens Anfang August 2015 gefallen sein.

Foto: Google Maps


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Der eurovisionaer sieht rosarot!

Der Wiener Song Contest ist Geschichte. Mit großem Vorsprung schnappte sich der schmucke Mans Zelmerlöw den Pokal vor Russland und Italien und holte damit zum sechsten Mal den Sieg nach Schweden. Doch bevor wir uns auf die nun anstehende 61. Saison in der glamourösen Stockholmer Friends Arena freuen, hier noch ein kurzer Rückblick auf den besten Song Contest aller Zeiten.

Da wären zuallererst die wundervollen Moderatorinnen des Abends, Arabella Kiesbauer, Miriam Weichselbraun und Alice Tumler zu nennen. Locker wie keine ihrer Vorgängerinnen führten sie durch die drei spektakulären ESC-Abende, die ganz Europa beeindruckten. An keinem in schäbigen Redaktionsbüros zusammengepinnten Drehbüchern hängend, waren sie vor Spontanität kaum zu bremsen und in ihren atemberaubenden Designerroben selbstverständlich auch optisch eine wahre Augenweide. Charmant und dennoch routiniert erfüllten sie ihren wahrlich anspruchsvollen Job und gaben selbst dem bekanntermaßen überaus kritischen ESC-Fan keinen einzigen Grund zur Klage. Lediglich die Green-Room-Reporterin Conchita Wurst fiel da etwas ab, spulte sie doch die ewig gleichen Fragen herunter und machte auch sonst keine besonders gute Figur. Nun ja, kein Wunder bei dieser unschlagbaren Moderatorinnenkonkurrenz.

Apropos – die Konkurrenz! Ein wenig flach war sie schon anno 2015, das derenthalben in der Rückschau wohl kaum als einer der besseren Jahrgängen reüssieren wird. Doch wir können von Glück reden, dass zumindest auf die schwedischen Autoren weiterhin Verlass ist. Nicht allein, dass sie uns mit dem wundervollen Siegertitel, dem musikalischen Kleinod “Heroes” verzückten – bescheiden und wahrhaftig unauffällig für die große ESC-Bühne umgesetzt, und das Herzstück des Wettbewerbs, den Song, immer im Auge behaltend. Nein, in ihrer offenbar nicht enden wollenden Kreativität und ihrem unerschöpflichen Einfallsreichtum zauberten sie ebenso selbst- wie auch konkurrenzlos für nicht weniger als sieben weitere Mitbewerber (GEO, RUS, MOL, NED, MAZ, AZB, ESP) Melodien für die Ewigkeit aufs Papier. Thank you for the Music – einzig übertroffen von den drei strammen italienischen Tenören! Deren herrliches “Grande Amore”, eigentlicher Sieger der Televoter, erinnerte uns wehmütig an die grandiosen Canzoni der Vierzigerjahre und wurde verdientermaßen Gewinner der europäischen Herzen!

Auch das Voting, eigentlicher Kult der Veranstaltung, das in den Vorjahren leider allzu häufig wegen unangenehmer Nachbarschaftswertungen von sich durch negative Schlagzeilen reden machte, gab 2015 keinen Anlass zur Kritik. Vorbildlich die nunmehr unvoreingenommenen Abstimmungen aus Baku, Tiflis, Tirana oder Jerewan. Endlich und unwiderruflich hat in Wien der heilige Geist, das Lied alleine für sich und nicht nach deren Herkunft oder politischem Hintergrund zu beurteilen, Einzug in den European Song Contest gehalten. Freudig bejubelten die 10.000 Fans in der Halle daher auch jeden Punkt an die russische Sängerin Polina Gagarina, für die es zum Leidwesen der vielen Eurovisionsanhänger zum Schluss dann doch nur für den undankbaren zweiten Platz reichte.

Aber bleiben wir bei den Wiener Organisatoren: Sie wussten, wie man eine atemberaubende Show zusammenstellt. So zum Beispiel mit einem spektakulären Pausen-Act. Vergessen sind die Zeiten, als irische Tänzerinnen lediglich einen folkloristischen “Flusstanz” aufführten oder Europa in übersichtlichen Live-Schaltungen zu einem sogenannten “Flashmob” genötigt werden sollte. Österreich besann sich auf die Anmut längst vergessener Grand-Prix-Abende und vereinte die heimischen Sängerknaben in einem Potpourri klassischer Sinfonien unter der Leitung von Martin Grubinger mit wahrhaftig großer, anrührender Musik. Einzig die legendären Tanz-darbeitungen des Ehepaares Trautz aus den frühen Siebzigern bleiben dagegen noch einnehmender, gar mitreißender in Erinnerung.

Und so seien abschließend nur noch einige Anmerkungen zu den deutschsprachigen Wettbewerbern des Abends gestattet. Die bundesrepublikanische Sängerin Ann-Sophie, Liebling aller internationalen Medien im Vorfeld des Wettbewerbs, erlebte eine völlig niederschmetternde Erfahrung in ihrem noch jungen Musikerinnendasein. Fand sich doch deren frischer Song “Black Smoke” (Schwarzer Rauch) – energetisch und mit Herzblut vorgetragen – kurz nach Mitternacht unverhofft am Ende des Punktetableaus wieder. Schade, denn damit straften die Juroren auch den nationalen Veranstalter NDR – wegen seiner außerordentlichen ESC-Anstrengungen zuvor noch als innovativ und transparent gelobt – unverdientermaßen ab.

Den österreichischen Vertretern dagegen, der Hippieband “The Makemakes”, widerfuhr eine Null-Punkte-Platzierung gerade recht. Schließlich wurden hier alle zuvor warnenden Hinweise, es handele sich auch fürderhin um einen Schlager- und Melodien- und nicht um einen Zirkuswettbewerb, komplett ignoriert – so dass sich das unglückliche Austria nicht wundern darf, nun als erfolglosestes Gastgeberland aller Zeiten in die Song-Contest-Historie eingehen zu müssen. Das tut weh!

Grafik: eurovisionaer


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Schön sind wir sowieso

Noch Tage nach der fetten Blamage ist die Zero-Points-Bauchlandung der deutschen Vertreterin Ann Sophie Thema der heimischen Berichterstattung. Doch das einhellige bundesrepublikanische Lamento über die ESC-Höchststrafe und die sich anschließende Selbstbeweihräucherung nerven den eurovisionaer mit jeder Zeile, die er liest. Pech habe sie, die nationale Hoffnung, gehabt, toll und professionell sei sie gewesen und der Song selbstredend von ausnehmender Qualität. Und trotzdem war das alles nicht gut genug für Europa?

Es ist erbärmlich, jetzt darüber zu streiten, wer von den beiden Null-Pointern, ob Österreich oder Deutschland, nun auf den letzten Platz gesetzt werden sollte. Es ist verräterisch, wenn sich plötzlich eine für unser Selbstverständnis typische Diskussion damit beschäftigt, ob das Punktesystem noch zeitgemäß ist, wo es uns doch lange Jahre einen feuchten Dreck geschert hat. Es werden Rechenspiele betrieben, die in ihrer Absurdität kaum zu unterbieten sind: Nur um den Preis, dass die deutsche Sirene bei irgendeinem irgendwo um einen unauffälligen Platz 20 gerankt wird und die nationale Schande offenbar ein wenig erträglicher ist? It sucks!

Ebenso wie der Urbansche Kommentar in jener Nacht, der erst die Blaupause für alle sich anschließenden Rechtfertigungsbemühungen einer aus deutscher Sicht von Anfang an verkorksten ESC-Saison abgab. Denn auch der vertraute ESC-Flüsterer stotterte sich wie gewohnt durch seine Kommentarkarten, um völlig erschrocken zu konstatieren, dass in dem 27-er Feld einfach viel zu wenige Punkte verteilt wurden, um die Deutschen in ihrer Gier nach internationaler Anerkennung halbwegs zu befriedigen. Dass die wieder einmal nichts gewagt hatten, dass die “modernen” Sounds, die er bei der lettischen Aminata noch hochtrabend (und recht gönnerhaft) gelobt hatte, bei der nationalen Vorentscheidung in Personae der Ladiesband Laing aber überhört bzw. abgestraft wurden – egal.

Statt dessen wurde in bekannt großmännischer Manier auf alles eingeprügelt, was sich noch schlechter als das heimische Angebot gerierte. Großbritannien, laut Herrn Urban die führende Popnation Europas, schickte statt eines angeblich in London an jeder Ecke zu findenden zeitgemäßen Popacts eine lahme Swingkopie in Österreichs Hauptstadt. Russland wußte er – ganz regierungskonform – als scheinheiligen Putinschen Friedensappell zu verunglimpfen, um sich kurze Zeit später über die mittlerweile ach so böse Song-Contest-typische Verquickung von Unterhaltung und Politik zu empören. Peinlich.

Der eurovisionaer hätte genügend Grund gehabt, in diese Ätzerei einzustimmen – scheiterten doch an jenem Finalabend all seine Favoriten aus Slowenien, Estland und Norwegen ebenso an ihren eigenen Ansprüchen wie auch die von Kümmerts Gnaden Getriebene. Doch was nutzt es, auf beleidigte Leberwurst zu machen oder die Besserwisserkeule zu schwingen? Nichts! Der ESC ist halt jedes Jahr auf’s Neue ein Spiel mit Gewinnern und Verlierern, das – niemals gerecht und stets von persönlichen Geschmäckern abhängig – trotzdem unbändigen Spaß macht.

Wer jedoch in diesem erlesenen Kreis hochdotierter Player einigermaßen sympathisch rüber kommen möchte, sollte sich vielleicht, lieber NDR, hinsichtlich der (subjektiv empfundenen) Ungerechtigkeiten dieser Welt bedeckt halten und sich in seinem Unmut zuallererst mal an die eigene Nase fassen.

Foto: eurovisionaer


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