„… alles sehr unglücklich gelaufen“

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„… alles sehr unglücklich gelaufen“

so fasst Volker Herres, Programmdirektor der ARD laut Welt am Sonntag das bundesdeutsche ESC-Drama um Xavier Naidoo zusammen:

„Xavier Naidoo hat mehrfach Äußerungen getätigt, die man nicht gutheißen kann und missbilligen muss. Ich hätte es begrüßt, wenn diese Diskussion ARD-intern hätte geführt werden können, bevor mit der Nominierung Fakten geschaffen wurden.“

Hätte, wäre, Fahrradkette. Fakt ist: Der NDR hat innerhalb von zwei Tagen ein mediales Schlamassel à la Grandeur aufs Parkett gelegt, von dem sich alle Beteiligten so schnell nicht erholen werden. Denn nachdem 48 Stunden lang die Sozialen Netzwerke ob der Auswahl Xavier Naidoos explodierten, rüsten seit der Rückrufaktion des NDR am frühen Samstagnachmittag nun die Naidoo-Befürworter verbal auf.

Ganz offensichtlich sind es besorgte Bürger, die jetzt den schändlichen Shitstorm der „Twitter-Hater“ als Ursprung des Dilemmas ausmachen und blitzschnell Vokabeln wie „Schwulenmafia“ bzw. „Gutmenschen“ in die Forentasten hauen. Fehlt eigentlich nur noch der mehrstimmige Abgesang auf die „Lügenpresse“.

Dumm nur, dass sie Ursache und Wirkung verwechseln, wenn sie dem angeblich linken Internet-Mob nun vorwerfen, dieser ignoriere demokratische Prozesse. Also noch einmal von vorne: Zu Beginn war es der Alleingang des NDR, Xavier Naidoo als Resultat einer Hinterzimmerentscheidung zu nominieren, der die ganze Aufregung ins Rollen brachte. Erst danach kam die für viele ESC-Fans unerträgliche Einsicht, dass gerade dieser Sänger sich nicht von rechtsradikalen und homophoben Verstrickungen klar distanzieren mochte. Und das in Zeiten, in denen die abendlichen Spaziergänge mancher Bürger dieses Landes zu einem scheußlichen Ritual geworden sind.

Allerspätestens an dieser Stelle hätte man kurz innehalten und überlegen können, ob wir uns mit dem auserkorenen Kandidaten wirklich einen Gefallen tun. Statt dessen wurde gewitzelt. Brauche ein Künstler eine politisch-korrekte, lupenreine Weste, wenn er doch eh nur drei Minuten trällern solle?

Natürlich braucht es die, denn der ESC ist längst auch ein Politkum, so unerhört das sein mag. Conchitas Bart, die plötzliche Ablehnung Russlands in den vergangenen zwei Jahren, die Diskussion um Baku als Veranstaltungsort sind hierfür nur einige Beispiele der jüngsten Wettbewerbshistorie. In Stockholm wären Naidoos verbale Entgleisungen, kaum aber sein Liedgut Thema der europäischen Presse gewesen – übrigens auch ohne Mitwirkung der hiesigen „Hater“.

Folglich ist es richtig gewesen, die Reißleine zu ziehen. Dass es überhaupt dazu kommen musste, unterstreicht die aus deutscher Sicht beispiellose ESC-Katastrophe. Mit beiden Entscheidungen sorgte der NDR dafür, dass der Song Contest hierzulande mittlerweile endgültig zur Lachnummer verkommen ist.

Da dürfte es wenig helfen, schnell einen anderen ARD-Sender oder gar das ZDF zu beauftragen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Was sich der Norddeutsche Rundfunk – und eben nicht der so genannte Twitter-Mob – da eingebrockt hat, muss er jetzt alleine auslöffeln. Und das könnte schwierig werden, schließlich dürfte der Großteil aller bislang halbwegs interessierten Künstler längst auf dem Baum sein, um in diesem Schmierentheater bloß nicht den Lückenfüller zu geben.

Bliebe als halbwegs vernünftige Lösung nur der komplette Rückzug, um dann – 2017 – mit unbelasteten Verantwortlichen und frischen Konzepten einen Neustart zu wagen. Allein, der EBU wiederum dürfte diese Variante nun gar nicht gefallen, schließlich ist Deutschland der potenteste Nettozahler der Veranstaltung. Fällt sein Beitrag weg, wird es für alle anderen viel teurer und damit für einige unmöglich, überhaupt noch teilzunehmen.

Tja, „unglücklich gelaufen“ ist in diesem Kontext wohl die Untertreibung der Saison.

Grafik. Vince / CC BY-ND 2.0


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