Baku 2012

Logo 2012 black 3Finale: 26. Mai 2012
Ort: Aserbaidschan /Baku Chrystal Hall / 16.000 Zuschauer
Teilnehmer: 42 Länder
Sieger: Schweden
Voting: 50% Televoting / 50% Jury
TV-Zuschauer ges.:64 Mio (19,4 HF1 / 19,6 HF2)
TV-Zuschauer Dt.: 8,3 Mio (unbek. HF1 / 0,5 HF2)
Interval-Act:Emin Ağalarov
Moderation:Leyla Aliyeva, Eldar Gasimov, Nargiz Birk-Petersen

 

Teilnehmer 2012

ALB Albanien Rona Nishliu Suus
AZB Aserbaidschan Sabina Babayeva When the Music dies
BEL Belgien Iris Would you
BIH Bosnien & Herzegowina Maja Sar Korake ti znam
BUL Bulgarien Sofi Marinova Unlimited Love
DEN Dänemark Soluna Samay Should have known better
GER Deutschland Roman Lob Standing still
EST Estland Ott Leppland Kuula
FIN Finnland Pernilla Karlsson När jag blundar
FRA Frankreich Anggun You and I
GEO Georgien Anri Jokhadze I'm a Joker
GRE Griechenland Eleftheria Eleftheriou Aphrodisiac
IRE Irland Jedward Waterline
ICE Island Greta & Jonsi Never forget
ISR Israel Izabo Time
ITA Italien Nina Zilli L'Amore et femmina
CRO Kroatien Nina Badric Nebo
LAT Lettland Anmary Beautiful Song
LIT Litauen Donny Montell Love is blind
MAL Malta Kurt Calleja This is the Night
MAC Mazedonien Kaliopi Crno i belo
MOL Moldawien Pasha Parfeny Lautar
Montenegro Rambo Amadeus Euro Neuro
NL Niederlande Joan Franka You and me
NOR Norwegen Tooji Stay
AUT Österreich Trackshittaz Woki mit deim Popo
POR Portugal Filipa Sousa Vida Minha
ROM Rumänien Mandinga Zaleilah
RUS Russland Buranovskiye Babushki Party for everybody
SNM San Marino Valentina Monetta The Social Network Song
SWE Schweden Loreen Euphoria
CH Schweiz Sinplus Unbreakable
SRB Serbien Zeljko Joksimovic Nije ljubav stvar
SR Slowakei Max Jason Mai Don't close your Eyes
SLO Slowenien Eva Boto Verjamem
ESP Spanien Pastora Soler Quedate conmigo
TUR Türkei Can Bonomo Love me back
UKR Ukraine Gaitana Be my Guest
HUN Ungarn Compact Disco Sound of our Hearts
UK Ver. Königreich Engelbert Humperdinck Love will set you free
BLR Weißrussland Litesound We are the Hereos
CYP Zypern Ivi Adamou La La Love

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Fazit 2012

Mit Aserbaidschan assoziierte nicht nur der eurovisionaer in erster Linie Öl, Korruption und den ständigen Austausch von 12 Punkten mit der Türkei beim Eurovision Song Contest. Doch nachdem 2011 das Duo Ell & Nikki den Wettbewerb in Düsseldorf gewonnen hatte, blickte die Eurovisionsgemeinde mit Spannung und Neugierde auf das kaukasische Land, das nun den nächsten Wettbewerb ausrichten sollte. Und während sich zu Beginn des Jahres die ersten Länder im Rahmen mehr oder weniger komplizierter Vorentscheidungsrituale für die Teilnahme am 57. Song Contest rüsteten, baute man vor Ort kurzerhand die mondäne Veranstaltungshalle Baku Crystal Hall. Die sah zum Schluss zwar weit weniger schick aus, als es die Organisatoren uns noch im Winter mittels Computergrafik vorgegaukelt hatten, aber egal. Auch ein anderer ambitionierter ESC-Wunsch der stolzen Aseris wurde leider nicht wahr: die Absage Polens sowie der kurzfristige Rückzieher Armeniens machten die Hoffnung auf eine Rekordteilnehmerzahl zunichte und so verharrte der Contest mit 42 startenden Nationen etwas unter dem Level von 2008 und 2011. Durch die erneute Teilnahme Italiens sollten im Finale 26 Nationen um den Grand Prix 2012 um die Wette singen.

Dem ESC-Gott sei dank blieben uns dort – wir sind bei den positiven Aspekten der 12-er Ausgabe – die mittlerweile berühmt-berüchtigten, überaus nervigen “Lääänd offf Feier”-Sprüche nahezu erspart (sehen wir mal vom verkitschten Logo ab). Auch die Idee, den Greenroom mitten in die Halle zu verfrachten, war zwar vom schwedischen Mello geklaut, aber trotzdem ganz nett. Warum es für die dortigen nichtssagenden Künstlerinterviews jedoch unbedingt eine Juristin brauchte, wird wohl ein ewiges eurovisionäres Geheimnis bleiben. Auch die Bühne, dafür bürgte immerhin die deutsche Brainpool, war selbstredend nicht so spektakulär wie in Düsseldorf, aber passabel gelöst. Schade nur, dass die LED-Backgrounds meistens nach dem Prinzip farbenfroh zusammen gesucht und daher eher langweilig bis anstrengend wirkten.

Doch schon sind wir nahtlos bei all jenen Kritikpunkten angekommen, die den Kaukasus-Contest wahrlich zu einem Tiefpunkt der ESC-Historie werden ließen: Die platten, sich ständig wiederholenden, die Umbaupausen überbrückenden 26 Werbefilmchen über Baku und eins, zwei andere Regionen des Landes wirkten – eigentlich tourismusfördernd gedacht – im Verlauf der Show immer lächerlicher und nervtötender. Ähnlich peinlich wie die Selbstbeweihräucherung, mit der sich die Aseris in Person der eh schon unsäglichen Safura noch während der Sendung “The best Show ever” attestierten. Erstaunlich auch, dass es offensichtlich nur osteuropäische Veranstalter schaffen, so viele weibliche Eurovisionsfans in die Halle zu locken, die zudem allesamt so ganz anders als des Homos beste Freundin aussehen… Offensichtlich scheint es in jenen Ländern eine Art vorgeschaltetes Publikumscasting zu geben, bei dem nur die hübschesten und heterosexuellsten Zuschauer des Landes reüssieren. Die dann vom eigentlichen Showtreiben allerdings rechtschaffen gelangweilt waren. Ergebnis: Die Stimmung in der Halle – und folglich ebenso die vor dem Fernseher – blieb auf der Strecke. Daran änderte auch der sich-von-Decke-schwingende, präsidenteneigene Intervalact nichts, der sich mit seinem musikalischen Unvermögen wunderbar in die öde Show einfügte. Gerne danken wir jedenfalls an dieser Stelle dem norwegischen Redakteur auf Knien für jene geniale Flashmob-Idee anno 2010, die wohl auf einige Jahrzehnte unerreicht bleiben wird.

Und die Musik, die ja eigentlich den Kern des gesamten Spektakels darstellen sollte? Kurz und knapp: kein guter Jahrgang! Die Titel, die es aus allen 42 Einsendungen jemals in die All-Time-Liste schaffen werden, lassen sich an wenigen Fingern abzählen. Dazu gehören allen voran Schweden, Italien, Israel, Albanien und die Schweiz (welche übrigens ein unfassbares Grauen in Form einer singenden Lys Assia bereits in ihrer Vorauswahl verhindert hatten, wofür ihnen auf ewig großer Respekt gebührt). Mazedonien, Bosnien, Estland und Island waren allenfalls nett – der ganze Rest schwankte zwischen alberner Peinlichkeit und unsäglicher Einfaltslosigkeit. Selten sind einem Jahr so viele (schlechte) Kopien bekannter Eurovisionsmuster verbraten worden wie 2012. Ein Rambo macht keinen Laka, eine Ivi niemals eine Helena und Tooji keinen Eric. Diese Liste ließe sich unendlich lang weiterführen.

Einzig und allein die Siegerin des diesjährigen Wettbewerbs stand am Ende genau dort, wo sie auch hin gehörte. Loreen, die Schwedin, führte in den Tagen nach Baku alle relevanten Charts Europas an. Ein erfreuliches Fazit, das einen ansonsten auf ganzer Linie enttäuschenden Song Contest jedoch nur oberflächlich kaschierte. Für die “Geschichtsschreibung” wird sie später einmal zur einzigen Überlebenden dieser titanischen Kakophonie werden.

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Ergebnisse 2012

Grafiken: eurovisionaer
Fotos: Wikimedia / Vugarİbadov; officelenomade

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Der Weg nach Baku 2012

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Video Albanien | Rona Nishliu | Suus

Lange war unklar, ob der Sieger des traditionellen Festivali i Këngës auch automatisch das Ticket für Baku erhält. Um sich nach der Fehlentscheidung des Vorjahres eine Option offen zu halten, überlegte Tirana, ob man aus allen Teilnehmern – ähnlich wie Italien in 2011 – einen Kandidaten für den Song Contest bestimmt. Dann aber wurde kurzum das versprochene Televoting ersatzlos gestrichen, das Ergebnis entsprach den Wünschen des Senders und die mit den Stimmen der Jury auf Platz 1 gesetzte Rona Nishliu durfte getrost nach Baku reisen, wo sie für Furore sorgen sollte.
Auch bei der Songauswahl schienen sich die Albaner an den Italienern zu orientieren, denn das mit Bombastorchester vorgetragene Liedgut erinnerte an große italienische Melodramatik. Und da jene Südeuropäer zu Beginn der Saison noch überlegten, ob sie trotz Einladung überhaupt kommen sollten, hatte der traditionell eingestimmte Fan mit Rona einen mehr als passenden Ersatz gefunden. Ätsch!

Foto: Fadil Berisha / EBU

Armenien

Hinreichende Bedingungen werden in Baku für die armenischen Eurovisionsvertreter geschaffen

versicherte das aserbaidschanische Ministerium für Kultur und Tourismus, nachdem die Teilnahme Armeniens vor dem Hintergrund des Karabach-Konflikts unendlich lange als nicht entschieden galt. Eine vorläufige Zusage des armenischen Fernsehens ArmTV kam Mitte Januar 2012 quasi auf den letzten Drücker, aber rechtzeitig zur Meldefrist. Wäre ja auch zu schön gewesen, ausgerechnet beim Erzfeind zu gewinnen… im Idealfall mit Folklore aus Bergkarabach.
Endgültig wollten sich die Armenier allerdings erst zum finalen Stichtag am 18.03.2012 entscheiden, wenn alle Delegationen die Tonträger ihrer Beiträge in Baku auf den Tisch gelegt haben. Ganz so lange haben sie es dann aber doch nicht hinausgezögert, bereits Anfang März kam die definitive Absage. Damit ersparte der Nachbar dem Ausrichter zwar weitere Querelen, allerdings auch die Rekordteilnehmerzahl von ursprünglich 43 gemeldeten Nationen.

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Video Aserbaidschan | Sabina Babayeva | When the Music dies

Mit Stolz nahm Aserbaidschan am Wettbewerb im eigenen Land teil. Der offene Aufruf, Interpreten mit “einer guten Stimme, Tanzerfahrungen und Bühnenpräsenz” sollten sich bitte melden, sorgte dafür, dass sage und schreibe 119 hoffnungsfrohe Talente herbei geströmt kamen, die ähnlich wie im Vorjahr in monatelangen Castingshows gedrillt ausgesiebt wurden.
Mitte Januar 2012 blieb dann eine halbwegs überschaubare Schar potentieller Vertreter übrig, aus der wiederum nach eher undurchschaubarem Modus im Rahmen der weltgrößten Snoozle-und-Schnarch-Show weiter selektiert wurde. Am längsten wach blieb die Sängerin Sabina Babayeva, gegen die selbst Safura bescheiden und sympathisch wirkt. Und da alle anderen schon weggenickt waren, konnte niemand mehr Sabina ein Lied auf den formvollendeten Körper schneidern. Das wurde in der Nacht zum 19. März 2012 nachgereicht, nachdem die Aseris die Beiträge ihrer eurovisionären Konkurrenten analysiert hatten.

Foto: Euromedia Company LTD / EBU

Video Belgien | Iris | Would you

Am 18.11.2011 gab der flämische Sender VRT seine Interpretin für Baku bekannt: Iris aka Airis sollte in die Fußstapfen von Tom Dice treten – naheliegend, da beide bei der gleichen Plattenfirma unter Vertrag sind. Monate später, am 17. März – einen Tag vor Nominierungsschluss – bestimmten die Belgier den Song für Ihre Kandidatin, indem sie ganze zwei Beiträge in der kürzesten Vorentscheidung aller Zeiten zur Auswahl stellten. Das Land der Flamen und Wallonen ist halt von jeher sehr bescheiden.
Ganz in diesem Sinne haben sich die Belgier auch für eine äußerst sparsame Ballade entschieden, die wie eine Demoaufnahme wirkte und in Baku sang und klanglos unterging.

Foto: VRT Bart Musschoot / EBU

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Video Bosnien & Herzegowina | Maya Sar | Korake ti znam

Nachdem es lange zwischen Sarajevo und Banja Luka still blieb, rührte sich der nationale TV-Sender Anfang Dezember und bestätigte eine Teilnahme am ESC 2012. Unkommentiert blieben jedoch die Gerüchte um einen potentiellen Kandidaten Hari Mata Hari (ein Veteran, der 1999 wegen einer Disqualifikation vom Contest in Jerusalem fern bleiben musste, 2006 dann aber in Athen mit dem dritten Platz rehabilitiert wurde). Nach der Ankündigung Serbiens, dass die Lichtgestalt Zeljko Joksimovic in Baku antreten werde, schien das bosnische Rennen wieder offen zu sein, auch wenn die Freunde angeblich, um eine Ähnlichkeit ihrer Beiträge zu vermeiden, tagtäglich telefoniert hatten…
Diese Verbindung dürfte spätestens am 15.12.2011 unterbrochen worden sein, denn unterdessen teilte BHRT mit, dass Maya Sar die Landesflaggen vertreten soll. Wer? Maya hat bislang mit Dino im Chor in Düsseldorf gesungen. Zudem konnte sie 2011 erstmals eine Eigenkomposition in den heimischen Charts platzieren. Ihr Mitte März erstmals öffentlich präsentierter Song war ähnlich unspektakulär, allerdings in seiner Einfachheit weitaus wohltuender als so manch andere auf Teufel komm raus auf Eurovision gepimpte Nichtigkeit.

Foto: Jasmin Fazlagic / EBU

Video Bulgarien | Sofi Marinova | Unlimited Love

In Sofia hatte man sich 2012 einiges vorgenommen. Eine Jury sollte aus allen Einreichungen 22 Titel auswählen, die am 14. Januar in einem Semifinale vorgestellt wurden. Die zwölf besten Beiträge nahmen dann an der Endauscheidung am 29. Februar teil. Heraus kam eine Hitparade des Grauens, denn offensichtlich wollten sich die “Künstler” gegenseitig mit schiefen Tönen und skurrilen Auftritten überbieten.
Nur die stimmgewaltige und in Bulgarien kultige Sofi Marinova behielt zum Schluss die Nase vorn und durfte nun endlich auch mal zur Eurovision fahren. Bereits 2005 hatte sie einen solchen Versuch unternommen, blieb dann aber der televisionären Vorentscheidung gänzlich fern, da sie Schiebung vermutete. Die überforderten TV-Redakteure beschlossen damals kurzerhand, lediglich ihr Playback zur Abstimmung zu stellen, was aber immer noch zu einem zweiten Platz im Televoting reichte. Nicht auszudenken, welch heißes Eisen die Bulgaren im Feuer haben, sollte Frau Marinova tatsächlich jemals eine Bühne betreten…

Foto: Sunny Music / EBU

Video Dänemark | Soluna Samay | Should’ve known better

Wie schon seit Jahren konkurrierten zehn, ähem nach Disqualifikation nur neun Beiträge im Finale des Melodi Grand Prix miteinander. Von diesen wurden sechs aus öffentlichen Einsendungen ermittelt, vier Wildcards gingen an Komponisten, die speziell von Redakteuren des dänischen Fernsehens eingeladen wurden. Deren weichgespülter Geschmack ist nicht erst seit der 2010er Ralph-Siegel-Gedächtnis-Hymne “A Moment like this” berühmt-berüchtigt.
Dementsprechend seicht und radiofreundlich präsentierte sich auch das diesjährige Starterfeld, aus dem kein Beitrag wirklich auffallend heraus stach. Siegerin wurde die in Guatemala geborene Soluna Samay, die folglich per Freifahrtticket direkt nach Baku befördert wurde. Bei ihrem vor Harmlosigkeit nur so strotzenden Titel musste jedoch von Beginn an bezweifelt werden, ob das hehre Ziel der Dänen, dieses Jahr mal wieder zu gewinnen, auch nur ansatzweise hätte wahr werden können.

Foto: Justine Hoegh / EBU

Video Deutschland | Roman Lob | Standing still

“Unser Star für Baku” sollte als Kopie des Erfolgsformats aus dem Jahr 2010 für die optimale Lena-Meyer-Landrut-Nachfolge sorgen. Wegen des Rückzugs von Stefan Raab übernahm Thomas D den Juryvorsitz. Nach einem Marathon, der fünf Vorrunden, ein Viertel- und ein Halbfinale umfasste, nahte das Ende der groß angelegten Suche zur Weiberfastnacht am 16.02.2012. Damit nicht allzuviel Nostalgie aufkam, führten statt Opti und der göttlichen Sabine Heinrich nun der sturzlangweilige Steven Gätjen und Carolin Reiber Sandra Rieß vom Bayerischen Rundfunk durch die Liveshows, die eher wegen der nervtötenden innovativen Blitztabelle, denn durch Sangeskunst für Furore sorgte. Daran änderte sich bis zum Schluss nichts, denn im Laufe der Zeit wurde klar, dass sie eigentlich nur die Funktion hatte, notgeilen Schwulen, biederen Hausfrauen und gelangweilten Teenagern das Geld aus der Tasche zu ziehen, indem sie für Roman Lob anriefen. Der brüllte dann “Standing Still” im aserbaidschanischen Finale, kurz bevor die meisten hierzulande das Castingopfer dann auch schon wieder vergessen hatten.

Foto: Willi Weber / EBU

Video Estland | Ott Lepland | Kuula

Ebenso wie die Dänen rüttelten auch die Esten nicht an ihrem Auswahlmodus. Aus zwei Halbfinals mit jeweils zehn Beiträgen qualifizierte sich die Hälfte für das beste, weil absehbar modernste Finale der Saison.
Dort jedoch blieben die chillig-trancig-poppig-elektronischen Töne von Teele Viira, Traffic, Loos Paranoias u.v.a. allesamt auf der Strecke, lediglich der knödelnde Ex-Estland-sucht-den-Superstar-Barde Ott Lepland jammerte sich mit seiner Jury-kompatiblen Ballade ins Ziel. Schade, denn bereits im letzten Jahr hatten die Esten das famose “I wanna meet Bob Dylan” einfach überhört und sich um alle Chancen für einen zweiten Eurovisionsieg gebracht. So aber waren die Fanboys schon allein ob der Körpermaße Otts kaum noch vor der Raserei zu bewahren, Resultat war Platz 6 beim Model Songcontest.

Foto: Toomas Volkmann EBU

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Video Finnland | Pernilla Karlsson | När Jag Blundar

Nachdem sie uns offenbar jahrelang mit uraltem Liedgut versorgt hatten, veranstalten die Finnen 2012 erstmals einen “Wettbewerb für neue Musik” (Uuden Musiikin Kilpailu). Einschließlich diverser Eliminierungsrunden und einem Finale bestand das Auswahlverfahren für den Eurovision Song Contest aus sechs Liveshows, die jedoch selbst für den größten Eurovisionsenthusiasten von Woche zu Woche mehr Langeweile verbreiteten.
Dementsprechend bildeten drei Schnarchsongs das Superfinale, bei denen von neuer Musik letzten Endes gar keine Rede mehr sein konnte. Die Zuschauer straften so wenig Kreativität sehr böse ab: Finnland musste in Baku mit der niedlichen Nicole Pernilla antreten, zu allem Übel schwedisch singen und deren Bühenpräsentation mit einer expressiven Tanzeinlage garnieren, die wahrscheinlich schon 1983 nicht mehr “à la mode” war.

Foto: Tom Hakala – Anatom Allstar / EBU

Video Frankreich | Anggun | You and I

Seitdem die französische Teilnahme in Baku ausnahmsweise sehr früh bestätigt wurde, hat man in Paris nicht lange gefackelt und am 29. November die 37-jährige Künstlerin indonesischer Abstammung Anggun als Vertreterin bekannt gegeben. Diese äußerte sich bereits in ersten Interviews zu ihren Plänen für Baku, die sich zuerst ganz vielversprechend anhörten – auch wenn es nach dem knödelnden Korsen kaum hätte schlimmer kommen können…

Ich weiß, dass die Wahl des Songs entscheidend sein wird. Wir haben bereits mehrere Vorschläge zur Entscheidung, die unser Team gemeinsam mit France Television treffen wird, unterbreitet. Aber ich weiß, dass wir eine gute Show haben werden, deren amerikanischer Stil die Menschen begeistern wird. Ich möchte ein hübsches Kleid, eine gute Performance und schöne Musik. Ich möchte einen Up-Tempo-Song, und ich möchte ganz Europa zum Tanzen bringen!

Und offensichtlich hatte der französische Delegeationsleiter Bruno Berberes die fesche Anggun gleich für sechs Monate gebucht, denn seit Jahresbeginn tingelte diese durch wirklich jede kontinentale Vorentscheidungsshow. Madame Anggun nahm ihren Job so ernst, dass sie am 26. Mai letztlich keiner mehr hören wollte… null Punkte im Televoting für das einstige Siegerland waren da schon eine Klatsche sondergleichen.

Foto: Paolo Zambaldi / EBU

Video Georgien | Anri Jokhadze | I’m a Joker

Georgien wird nicht nur als Teilnehmer am Event partizipieren, wir möchten während der Eurovision auch einen Pavillion errichten, in dem die Besucher einiges über unser Land lernen können

ließ das georgische Tourismusministerium in Tiflis verlauten. Ebenso wollte man mit einer sehr großen Delegation ins Nachbarland anreisen. Doch wer im Pulk der Funktionäre dann an den Start gehen sollte, war lange Zeit eher zweitrangig.
Ambitionen den Wettbewerb zu gewinnen, konnte man den Georgiern aber nach Bekanntgabe ihres Beitrags wahrlich nicht unterstellen. Von den Fans schon im Vorfeld als schrecklichster Beitrag aller Zeiten gehandelt, intonierte der etwas ungelenke Anri Jokhadze das alle Gehörgänge sprengende “I’m a Jocker” (sic!). Ergebnis: Georgien kam erstmals nicht ins Finale, die erwartete bzw. befürchtete “Null-Punkte-Wertung” blieb allerdings aus.

Foto: Leli Blagonravova / EBU

Video Griechenland | Eleftheria Eleftheriou | Aphrodisiac

Entgegen aller Gerüchte zog sich das griechische Staatsfernsehen ERT auch 2012 nicht vom Wettbewerb zurück: Der staatliche Sender setzte zwar trotz einer weiterhin drohenden Staatspleite im Bereich der Eurovision keinen Rotstift an, allerdings einigte man sich im Verbund mit Universal, der man die Verantwortung für die Vorauswahl aufs Auge gedrückt hatte, auf eine preiswerte Vorentscheidungsvariante. Diese fand am 12. März ausgerechnet am Rolltreppenaufgang eines Einkaufszentrums statt. Seitdem kann niemand mehr behaupten, die Griechen hätten keinen Sinn für Humor.
Und auch Finalinterpretin und Lied hörten sich so an, als habe man beide aus zig bereits bekannten Ersatzteilen preiswert zusammengebaut. Da Europa schon mit Sakis, Sarbel, Helena und Kalomira gut leben konnte, sollte es mit der schönen Eleftheria bestens bedient werden. Und so klang mal wieder die alljährliche Bouzouki durch die Sommernacht und die Hellenen ernteten nicht nur aus Zypern eine verhältnismäßig reichhaltige Punkteausbeute.

Foto: ERT / EBU

Video Irland | Jedward | Waterline

Jedward hatte es in Düsseldorf 2011 so gut gefallen, dass bereits den ganzen Sommer über berichtet wurde, die Brüder würden angeblich gleich auch am nächsten Song Contest in Baku teilnehmen wollen. Ende 2011 bestätigte das irische Fernsehen RTE diese Nachricht: Jedward erhielten – im Wettbewerb mit vier anderen Künstlern – einen Startplatz in der nationalen Vorentscheidung EUROSONG 2012.
Danach dauerte es einige Wochen, bis klar war, wer sich dieser ungleichen Konkurrenz überhaupt noch stellen wollte, denn der Sieg der Turbozwillinge war von Beginn an ausgemachte Sache. Immerhin konnte man so den keltischen Altdiven Niamh Kavanagh und Linda Martin als Mentorinnen mal wieder zu einem TV-Auftritt verhelfen, denn die Iren mixen seit jeher wenig Musik mit viel Gequatsche. Von den beiden (erstaunlicherweise nüchternen) Ex-Eurovisionsheldinnen für ausreichend gut befunden, gab es dann zum Schluss für John & Edward mal wieder kein Halten mehr und quietschvergnügt stürzten sich die Lipsticks mit dem gemäßigteren “Waterline” in das eurovisionäre Abenteuer anno 2012.

Foto: RTE / EBU

Video Island | Gréta & Jónsi | Never forget

Während viele Länder mit einer zuweilen unüberschaubaren Anzahl an Entscheidungsrunden protzten, gaben sich die Isländer 2012 bescheiden. Anders als in den Vorjahren sollte lediglich ein kleines Finale den Vertreter für Baku bestimmen. So der Stand der Dinge Anfang November. Nach einem Blick in die Portokasse hatten es sich die Isländer dann doch noch einmal überlegt und kurzerhand drei Vorrunden mit jeweils fünf Teilnehmern vorgeschaltet. Das Finale wurde auf den 11. Februar in Reykjavik terminiert.
In der wunderschönen Harpa Konzerthalle (die in den kommenden Jahren sicherlich ein fantastischer – wenn auch etwas beengter – Austragungsort für das Song Contest-Finale wäre) sangen sieben Interpreten um die Wette. Nachdem die Sendung mehrmals unterbrochen werden musste, weil die Moderatorin frei nach Lena Meyer-Landrut bereits eine Kackwurst in der Hose hatte, da sie zu lange vor der Damentoilette anstand, der Co-Präsentator Paul Oskar nicht genügend junge Herren zwischen die Finger bekam, die dicke Hera Björk ihm kurzerhand das Mikrofon wegschnappte und die ersten Sänger eigentlich schon nach Hause wollten, weil sie noch Gäste zu Besuch hatten … ja, dann endlich war es so weit und die mittlerweile erleichterte Ansagerin öffnete einen dicken Umschlag und verkündete den schon 2004 gescheiterten Jonsi samt seiner Violine spielenden Greta zum Siegespaar. Das verstimmte zwar die ebenfalls ins Superfinale gevotete Rasselbande Blar Opal ein wenig, im Grunde genommen waren jedoch alle mit dieser stimmungsvollen Vorentscheidung mehr als zufrieden, so dass selbst die Zuschauer auf den Rängen freudig in die Kameras winkten … und das ohne die die doofen Melodifestivalen-Luftballons zu schwenken! In Baku lief die Chose für die Isländer dann nicht ganz so gut – Platz 20.

Foto: Gassi / EBU

Video Israel | Izabo | Time

Wegen Sicherheitsbedenken und einem jüdischen Feiertag wollten die Israelis ursprünglich auf eine Teilnahme 2012 verzichten. Irgendwann aber waren diese Überlegungen plötzlich doch wieder vom Tisch. Der verantwortliche Sender ließ vielmehr verlautbaren, “dass man die größten Anstrengungen unternehmen werde, um einen Beitrag zu finden, auf den die israelische Öffentlichkeit stolz sein kann”. Nachdem Ende 2011 zu Einsendungen für die öffentliche Vorentscheidung Kdam aufgerufen wurde, ließ der Sender dann Anfang Januar mitteilen, dass man nun doch intern auswählen wolle. Offensichtlich hatte man bislang kein Liedgut herausfiltern können, das dem israelischen Stolz gerecht geworden wäre…
Irgendwann sickerte dann durch, dass die Indieband Izabo nach Baku reisen werde – und bereits vor dem offiziellen Präsentationstermin am 01. März fand eine Demoversion des israelischen Beitrags ihren Weg ins Netz. An das großartige “Same’ach” aus dem Jahr 2000 erinnert, feierte der eurovisionaer prompt einen weiteren ESC-All-Time-Klassiker! Damit stand er dann in Baku ziemlich alleine da, denn für “Time” war bereits im Semifinale Schluss. Schade…

Foto: Daniel Chechik / EBU

Video Italien | Nina Zilli | L’Amore e femmina

War die von der EBU mit dem zweiten Platz honorierte italienische Teilnahme in Düsseldorf nun ein einmaliges Gastspiel oder nicht? Endlich, endlich, endlich äußerten sich die Verantwortlichen der RAI am 12.01.2012 und bestätigten, dass sie nach Baku fahren wollten. Die geheimsten Sehnsüchte der hartgesottensten Fans wurden somit befriedigt und mit etwas Glück sollten wir sogar wieder eine punktevergebende Raffaela Cara “fullll offff saaauuuul” erleben. Juchu!
Und während die großartige kroatische Nina die eurovisionären Erwartungen nicht ganz erfüllte, so ist die in San Remo ausgewählte italienische Nina an Glanz und Glamour kaum zu überbieten. Die Amy Winehouse Piacenzas konnte es sich sogar leisten, aus drei famosen Songs auswählen zu dürfen. Letzten Endes entschied sie sich für das elegante Canzzone “Per sempre” “L’Amore é femmina”, Europa jedoch votierte im Finale für eine andere Diva.

Foto: Toni Thorimbert / EBU

Video Kroatien | Nina Badric | Nebo

Das kroatische Fernsehen HRT wollte nach den faulen Zaubertricks in Düsseldorf zum klassischen Vorentscheid, der DORA, zurückkehren und dafür die besten Künstler des Landes gewinnen. Nach dieser Ankündigung Ende 2011 wurde es dann in Zagreb um weitere Infos wieder still, wahrscheinlich verhandelte man hinter den Kulissen gewaltig, weil sich die großen Stars nicht in mindestens fünf Trickkleider je Auftritt zwängen lassen mochten. In diesem Poker durchgesetzt hatte sich letztlich die großartige Nina Badric, die bereits 2003 hätte zur Eurovision fahren sollen. Wer einen solchen Fisch an der Angel hat, lässt eine Vorentscheidung dann auch gerne mal wieder sausen, daher sollte die Königin Badric ihren Beitrag 2012 im Rahmen einer Mini-DORA ohne Konkurrenz erstmals öffentlich vorstellen.
Dass sie es mit der Wahrheit nicht immer so genau nimmt (die Geschichte mit dem Sexentzug war wahrscheinlich auch ne Finte…), merkten wir dann aber recht schnell. Statt der englischen Powerballade schob uns die Kroatin einen Albumtrack aus dem Vorjahr unter, der zwar eurovisionär aufgehübscht wurde, aber trotzdem die großen Erwartungen nicht erfüllen konnte.

Foto: Darko Drinovac / EBU

Video Lettland | Anmary | Beautiful Song

Der baltische Staat hatte sich für einen komplizierten Vorentscheidungsmarathon entschieden, der bereits im Dezember 2011 mit einem anonymen Online-Voting begann. Im Anschluss veröffentlichte LTV Namen der Autoren und Interpreten, die dann im Januar in zwei Vorrunden antraten, um die Plätze für das Finale in der Hafenstadt Ventspils auszusingen.
Trotz des Aufwands war die musikalische Ausbeute mehr als mager (Textauszug des Siegerbeitrags “…I was born in a distant 1980, the year the irish Johnny Logan won…”). Diese an Blödheit kaum zu überbietenden Verse wurden durch eine unterirdisch alberne Bühnenshow noch in den Schatten gestellt. Dabei blätterte die glupschaugige Anmary mit ihren besten Freundinnen in Eurovisionsmagazinen, wühlte in einer alten Eurovisionskiste und schnürte sich letztlich einen schäbigen Kartoffelsack um den Unterleib. Für Baku kündigte sie einen noch spektakuläreren Auftritt an. Aus ihrem Mund war das jedoch weniger ein Versprechen, denn eine Drohung, die kurze Zeit später in Aserbaidschan böse bestraft wurde.

Foto: Aigars Altenbergs / EBU

Video Litauen | Donny Montell | Love is blind

Auch der litauische Sender LRT hatte sich monatelang mit den Vorbereitungen für den nationalen Vorentscheid beschäftigt, welcher nach diversen Vorrunden am 03.03.2012 ausgetragen wurde. Trotz dieses mühseligen Verfahrens blieb uns eine zweite Evelina Saschenko erspart. Zwar strafte die gestrenge litauische Jury jeden klitzekleinen Ansatz von Tonk-Tonk ab, entschied sich dann aber doch für Donatas Montvydas. Dieser hatte nicht nur den außergewöhnlich verrückten Einfall, zu Beginn seines Beitrags eine Augenbinde zu tragen, auch legte er sich kurzerhand noch einen internationalen Künstlernamen zu.
Der besagte Song für Baku war eigentlich ein klassischer Discosong der 70er Jahre; dumm nur, dass er ständig von freejazzigen oder balladesken Elementen unterbrochen wurde. Das mag der Grund gewesen sein, warum Gloria Gaynor der Teilnahme am Wettsingen in Vilnius widerstand.

Foto: Atlikejai.com / EBU

Video Malta | Kurt Calleja | This is the Night

Maltas TV-Station PBS kündigte einen öffentlichen Vorentscheid an, für den es zwei offizielle Bewerbungszeitfenster am 20. und 21. Oktober, jeweils zwischen 9-12 Uhr sowie zwischen 14-16 Uhr, gab. Innerhalb dieser doch sehr kurzen Sprechzeit wurden immerhin 161 Beiträge angemeldet, die mittels Zwischenrunden auf 24 Teilnehmer eingedampft wurden. Letztlich hat es dann der in Malta bislang nur im Rahmen diverser Vorentscheidungen zu Ruhm gekommene Kurt Calleja geschafft, der jedoch einen zu dicken Hintern hat optisch und musikalisch zu wenig hergab, um in Baku den großen Wurf zu machen. Sein Discoliedchen, das immerhin bis ins Finale kam, hatte er dreist beim göttlichen Sakis abgekupfert und für die Show wollte er ursprünglich den Choreographen von Daria Kinzer engagieren. Waren das noch Zeiten, als Ira Losco vom 7. Weltwunder schwärmte…

Foto: Kris Micallef / EBU

Video Mazedonien | Kaliopi | Crno i belo

Beharrlichkeit machte sich bezahlt! Kaliopi, die seit 1996 jedes Jahr versuchte, einen Fuß in die eurovisionäre Tür zu bekommen, wurde am 19. November vom mazedonischen Staatsfernsehen MKRTV direkt für die Teilnahme in Baku nominiert. Während der clevere Sender damit die Kosten für eine öffentliche Vorentscheidung sparte und gleichsam dem Generve der in jedweder Hinsicht penetranten Künstlerin ein Ende setzte, ließ diese in einer Pressekonferenz verlauten:

Ich weiß noch nicht, ob ich eine starke Ballade singen werde oder eher einen energiegeladenen Song wie beispielsweise Tina Turner. Mit Sicherheit wird der Song jedoch auf eine moderne Art präsentiert, mit einem folkloristischen Hintergrund.

Doch oh Wunder: Im Vorlauf zu Baku haben wir den an Modernität kaum leicht zu überbietenden Song aus Skopje herzlich in den Eurovisionskanon aufgenommen. Fürs Airplay auf dem Balkan sollte es die nächsten zwei bis drei Jahre, am Kaspischen Meer sogar für die samstägliche Finalteilnahme reichen…

Foto: Dejan Milicevic EBU

Video Moldau | Pasha Parfeny | Lautar

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. In Moldau hüllte man sich bis Mitte März in Letzteres um das alljährliche Vorentscheidungsritual. Und nachdem die Verantwortlichen aus dem zuvor bekannt gewordenen Starterfeld eine Vielzahl an Eurovisionswilligen (darunter die Wiederholungstäter Sunstroke Project) aus fadenscheinigen Gründen heraus gekickt hatten, war der Weg für den moldawischen Alexander Rybak, Pashy Parfeny, frei. Der hatte bereits in den Vorjahren mehrere eurovisionäre Anläufe unternommen und war daher trotz der auch für diese Region Europas noch unangenehmen Außentemperaturen gleich in kurzen Hosen zum Termin erschienen. Wer so viel Feuer in sich trägt, hatte bei jeder Jury dieser Welt schon mal ein Stein im Brett, und so schickte Chisinau 2012 mal wieder eine typische Balkan-Polka ins Rennen, die auch in Baku erwartungsgemäß für Furore sorgte.

Foto: TRM / EBU

Video Montenegro | Rambo Amadeus | Euro Neuro

Damit hatte keiner gerechnet: Das Land mit dem schwarzen Berg kehrte 2012 nach zweijähriger Pause zur Eurovision zurück! Diese Breaking News bestätigte der Direktor des montenegrinischen Fernsehens, Rade Vojvodić, höchstpersönlich. Für ihn sei es wichtig, sich auf internationaler Bühne zu präsentieren, das Ergebnis sei letztlich unwichtig. Diese lobenswerte Einstellung hatte ihre Gründe, wie sich kurze Zeit später herausstellte, denn die Auswahl fiel auf…
Rambo Amadeus! Wahrhaftig, Nomen war auch in diesem Fall Omen, denn wir bekamen einen äußerst zwiespältigen Beitrag präsentiert, der sich den Neurosen Europas widmete. Eigentlich gut so, denn es wäre sturzpeinlich gewesen, sich mit der verstaubten Siegel-Nummer von 2009 aus dem Wettbewerb zu verabschieden. Anders als der penetrante Münchener Eurovisionsfreak nahm das Multitalent Rambo die Mission nämlich erfrischend locker zur Kenntnis und hatte bereits Anfang des Jahres ein erstes Gerüst seines Jurohits stehen:

“I am making Euro Hit, that is the best way to take a part on this heppening. Before of all , i am going to break down the language barier, because language barrier is strongest barrier among the nations. I am going to improve my English, Deutch, France, Spanish, Italian, Turkish, Russian and other languages in next few days , in order to understand needs of Euroaudience. Here is something for the bloggers, the first part of the Euro hit , song for the Eurovision in the progress”. Euro_Hit_beginning.mp3

Europa allerdings wollte so viel Selbstironie nicht belohnen, im Semifinale war Schluss!

Foto: Mapa – Montenegro Advertising and Production Agency / EBU

Video Niederlande | Joan Franka | You and me

John De Mol, der Vater, Bruder oder Ehemann von Linda – der eurovisionaer weiß es ehrlich gesagt nicht – wurde vom niederländischen Rundfunk TROS beauftragt, den nationalen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest in Baku zu organisieren. Seine Firma Endemol galt mit Formaten wie “Big Brother“und “Traumhochzeit” als produktionserfahren. Für das Finale wurden aus über 450 Beiträgen eine Handvoll Kandidaten vorausgewählt. Dieser hinter verschlossenen Türen abgehaltene Entscheidungsprozess zog sich über Monate hin, angeblich, um den Verantwortlichen Gelegenheit zu geben, aus der immensen Zahl an Einsendungen eine gewissenhafte Auswahl zu treffen.
Wir werden nie erfahren, ob die Juroren über Tage einfach weggenickt waren oder aufgrund ihres aberwitzigen Geschmacks in die Auswahlkommission berufen wurden… Die Präsentation der finalen sechs Titel glich jedoch dem glanzvollen Abschluss einer Kaffeefahrt zum Keukenhof, bei der zu allem Übel offensichtlich auch noch Kostümpflicht bestand. Siegerin wurde deshalb die aus unerfindlichen Gründen als Squaw verkleidete Joan Franka, deren Song ganz in der Tradition von Sieneke und Vader Abraham stand. Den Witz verstand keiner.

Foto: Vossen Foto / EBU

Video Norwegen | Tooji | Stay

Norwegen wählte den Beitrag für den Eurovision Song Contest 2012 abermals durch den traditionellen Melodi Grand Prix. Vor dem eigentlichen Finale wurden drei Vorrunden abgehalten, erstmals entfiel die Trostrunde. Mitte Februar war es dann so weit, als ein kleiner dicker norwegischer Dirk Bach und eine langweilige große blonde Judith Rakers im berühmten Osloer Schpektrüm Eric Saade den iranisch-stämmigen MTV-Norway-Moderator Tooji zum Sieger kürten. Der freute sich wie Hulle. Diese wurde allerdings ein wenig getrübt, nachdem er erfuhr, dass er ohne seine wahrscheinlich eigens aus Shiraz eingeflogene Mama nach Baku reisen müsse. Unklar blieb bis zum heutigen Tag, ob er stattdessen die schreiende und knutschende Frau mit den riesigen, grünen Spitzbrüsten mitnehmen durfte musste. Doch auch so wird er sich an Baku nicht gerne erinnern: Tooji wurde 26. von 26 Finalteilnehmern.

Foto: Hans Fredrik Asbjørnsen / EBU

Video Österreich | Trackshittaz | Woki mit deim Popo

Anders als die italienische RAI hatte das österreichische Fernsehen ORF mit der Rückkehr 2011 offensichtlich wieder eurovisionäres Blut geleckt. Neben den am 01. Dezember bekannt gegebenen 9 Interpreten (darunter erneut die famosen Trackshittaz) war mit der Anfang Januar ernannten Wildcard “Mary Broadcast Band” das Line-Up der für den 24. Februar angesetzten Vorentscheidung komplett, aus der sich schnell Favoriten heraus kristallisierten. Dass sich die Ösis zwischen einer Sängerin namens Conchita Wurst und dem Titel “Woki mit deim Popo” entscheiden sollten, stand daher schon frühzeitig fest. Letztlich gewann der dicke Hintern vor dem stoppeligen Bart, seitdem fantasierten hormongesteuerte europäische Fans (leider zu Unrecht – wie sich später herausstellte) von einem Sieg Austrias…

Foto: ORF / EBU

Polen

Polen nahm 2012 nicht am Eurovision Song Contest teil. Die Kosten rund um die FIFA Fußball-EM frassen den Sender TVP angeblich dermaßen auf, dass kein Geld fürs Singen übrig blieb. So unkreativ waren die ukrainischen Mitveranstalter dagegen nicht: Die nutzen die Eurovisionsbühne, um deren offizielle Fußballhymne “You can be my Guest” in einem Aufwasch gleich in Baku zu präsentieren.

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Video Portugal | Filipa Sousa | Vida Minha

Nach Angaben portugiesischer Medien war eine Teilnahme am Eurovision Song Contest 2012 in Baku trotz Wirtschaftskrise und der geplanten Privatisierung des Senders RTP nicht nur jederzeit wahrscheinlich, sondern seit dem 26. November auch endgültig sicher. Wie in nahezu jedem Jahr ließ man sich daher auch nicht den Spaß an einer Austragung des für seine endlosen, nahezu orgiastischen Wertungsexzesse bekannten Festival da Canção nehmen. Dort wurde in einer mehrstündigen Fernsehshow, die den Eindruck erweckte, sie dauere mehrere Tage, eine Armada nichtssagenden Liedgutes und untalentierter Interpreten aufgefahren. Und mit diesem geschickten Schachzug hatte man wahrscheinlich der einzigen halbwegs Töne treffenden Mitbewerberin den Sieg ermöglicht. Die intonierte eine Neuauflage des Klassikers “Senhora do Mar”, allerdings mit weitaus weniger Inbrunst und Persönlichkeit vorgetragen, folglich ging sie auch in Baku unter.

Foto: Cátia Castel-Branco / EBU

Video Rumänien | Mandinga | Zaleilah

Wir werden jedes Jahr teilnehmen…

so Corina Cosma, Delegationsleiterin des rumänischen Fernsehens. Trotz dieses für Fans vorbildlichen Bekenntnisses verschob sich die bekannte Selectia Nationala jedoch weit in den März, da man in Bukarest wohl etwas halbherzig in die Saison gegangen war. Und während noch gemunkelt wurde, man wolle nach interner Vorauswahl klammheimlich die europaweit bekannte Inna entsenden, tauchte dann plötzlich doch ein buntes Teilnehmerfeld mit den bekannten, mehr oder weniger eingängigen rumänischen Songperlen auf. Den Vogel hatte dabei schließlich die trommelnde Truppe Mandinga abgeschossen, deren Schlager glatt als potentieller Sommerhit durchgehen konnte und sich sehr auffälliger Lambada-Anleihen bediente.

Foto: Edward Aninaru / EBU

Video Russland | Buranovskiye Babushki | Party for everybody

Lys Assia sollte wahrscheinlich im heimischen Genf vor Wut toben, seitdem die Russen das Großmuttertum für die Eurovision entdeckt hatten. Nach einem erfolglosen Anlauf vor zwei Jahren starteten nun endlich die Babushkis aus dem udmurtischen Ort Buranovo beim Songcontest. Zuvor schafften sie es, das hochfavorisierte Duo Dima Bilan & Julia Volkova (Ex-Tatu) im nationalen Vorentscheid auszustechen.
Die an lebendig gewordene Matrjoschkas erinnernden putzigen Omas sangen in genuscheltem Englisch einen über alle Maße nervtötenden Schunkelsong. Dieser eignete sich allenfalls in sturztrunkenem Zustand für eine fröhliche Polonaise, allerdings war der Niedlichkeitsfaktor der Damen dermaßen hoch, dass sich die paneuropäische Presse bereits Wochen vor dem Contest mit Schlagzeilen überschlug. Die Eurovision war damit um eine Freakshow reicher und hätte bei einem Sieg der Babushkis endgültig die letzte Chance verspielt, halbwegs ernst genommen zu werden. Mit Platz zwei ist sie da soeben noch einmal herumgekommen.

Foto: RTR / EBU

Video San Marino | Valentina Monetta | The Social Network Song

Obschon San Marino lange Zeit seine Teilnahme 2012 nicht bestätigen wollte, verdichteten sich im Herbst die Zeichen, dass der Zwergstaat längst die Erlaubnis von der alten italienischen Tante RAI erhalten hatte, mitspielen zu dürfen. In der Eurovisionsaison 2012 war das jedoch nicht die einzige Schlagzeile, die man sich in der ältesten Republik der Welt gönnte. Nachdem die Verantwortlichen lange um den diesjährigen Beitrag ein großes Geheimnis gemacht hatten, wurde dieser dann kurz vor der Einreichungsfrist im Rahmen einer Nacht- und Nebelaktion vorgestellt.
Und die Fangemeinde raunte: Der Altmeister himself, Ralph Siegel, hatte mal wieder Unterschlupf gefunden. Obschon er zuvor seine Finger in Moldau und Malta im Spiel hatte, dort aber niemand seine Kompositionen gouttierte, musste halt der kleinste Staat der Eurovion dran glauben. Doch damit nicht genug, denn Onkel Ralph wollte endlich mal wieder richtig Aufsehen erregen: Also betitelte er sein widersinniges Machwerk “Facebook”, was die EBU wiederum natürlich so nicht durchgehen lassen konnte. Fortan durfte er sich allen Gazetten gegenüber als Opfer präsentieren und erhielt somit die von ihm beabsichtigte Publicity.
Anstatt diesen Müll zu entsorgen, gab die EBU San Marino daraufhin fünf Tage Zeit, einen überarbeiteten oder anderen Song zu präsentieren. Dafür hätte Siegel zwar eigentlich nur fünf Minuten gebraucht, aber so verkaufte er uns die gleiche Grütze dann als satirisch gemeinten “Social Network Song”. Schade, denn diesen Etikettenschwindel hätte San Marino sicher nicht nötig gehabt, könnte man sich doch unzähliger italienischer Barden und Diseusen bedienen. Hoffen wir also auf 2013, wenn das dauerstalkende Münchener Eurovisionsurgestein endlich Hausverbot erhalten hat.

Foto: Claude Langlois / EBU

Video Schweden | Loreen | Euphoria

3.485 Beiträge wurden für das schwedische Melodifestivalen 2012 eingeschickt. Aus den Entsendungen erreichten 16 Beiträge die Vorrunden, 15 weitere Titel wurden per Wildcard durch den Sender SVT nominiert, ein Beitrag schaffte es, sich über einen Online-Vorentscheid zu qualifizieren. Neben vier Vorrunden mit je acht Beiträgen gab es traditionsgemäß eine Second Chance-Runde sowie das große Finale. Wie jedes Jahr, so war auch 2012 in dem von den Fans so geliebten Vorentscheid eine Armada von Festvial-Veteranen am Start, wie zum Beispiel Charlotte Perrelli oder Afro-Dite.
So viel zu den offiziellen Facts im Vorfeld. Für sich entscheiden konnte das Spektakel letztlich die bereits im Vorjahr Aufmerksamkeit erregende Loreen. Seitdem euphorisierte sie alle Hardcore-Fans zwischen Gibraltar und Hammerfest, gleichwohl dem Gesetz der Regel nach eigentlich der vorjährig Zweitplatzierte Danny Saucedo das Rennen hätte machen müssen. Doch leider fiel bei ihm offensichtlich im mittlerweile zu 92% geplaybackten Festival der Melodie das eigens installierte Auto-Tuning komplett aus, so dass er die restlichen 8 Prozent nicht über die Ziellnie retten konnte.
Mit Loreen forderten die Schweden damit die EBU heraus, klar zu stellen, ob die gute alte Eurovision mal wieder einen zaghaften Schritt Richtung zeitgenössischer Musik gehen oder doch lieber in einem Panoptikum von Absurditäten auf die schreiendste Skurrilität setzen würde. Mittlerweile wissen wir, wie die Entscheidung ausging.

Foto: Carl-Johan Söder / EBU

Video Schweiz | Sinplus | Unbreakable

Bereits während der Düsseldorfer Finalwoche legten die Eidgenossen das umfangreiche Regelwerk für die Kandidatensuche 2012 vor: Sechs Interpreten sollten sich durch ein Internet-Voting qualfizieren, drei weitere sollten vom deutschsprachigen Radioprogramm DRS 3 nominiert, drei vom französischsprachigen RTS und zwei vom italienischen Sender RSI gesetzt werden.
Anfang Dezember war es dann bereits soweit, nachdem im Vorfeld der Endausscheidung insbesondere die Teilnahme der ersten Contest-Siegerin anno 1956, Lys Assia, für Furore gesorgt hatte. Während deren alptraumhafte Interpretation des Siegelschen Chansons “C’était ma Vie” jedoch wider aller Erwartung Befürchtung mit einem achten Platz (unter 14 Teilnehmern) abgestraft wurde (den Pressewirbel um angebliche Beleidigungen der Jurymitglieder lassen wir an dieser Stelle mal außer Acht), zeigte die Conföderation Mut zum Risiko und schickte den modernsten Schweizer Beitrag ever der Tessiner Brüder Sinplus ins 2012-er Rennen. In Aserbaidschan wurde diese Courage nicht honoriert, so dass schon im kommenden Jahr mit einer erneuten Rückkehr von Madame Assia zu rechnen ist.

Foto: Diego Di Guardo / EBU

Video Serbien | Zeljko Joksimovic | Nije ljubav stvar

Am 18.11. informierte RTS darüber, dass der den Eurovisionären bestens bekannte Zeljko Joksimovic nach Baku fahren sollte. Für eingefleischte Fanboys keine Überraschung, war der smarte Serbe doch bereits 2004 als Sänger, 2006 als Komponist, 2008 als Präsentator und Komponist im Rennen. Nur 2010 hatte er wohl anderweitige Verabredungen, die offensichtlich für 2012 alle verschoben werden konnten. Und als Zeichen der serbischen Großzügigkeit durfte der Meister seinen Song selbst bestimmen, denn Geld für eine Vorentscheidung ausgeben mochte der verantwortliche Sender sowieso nicht. (Dass die Serben an sich sparsam sind, wissen wir ja schon länger…).
Da machte selbst der Großverdiener Zeljko keine Ausnahme, denn seinen Wettbewerbsbeitrag hatte er sich aus allen auf dem Balkan verfügbaren ESC-Versatzstücken der letzten 20 Jahre zusammengebastelt. Und die waren entweder so gut, dass ihn nahezu jeder im Vorfeld als einen Mitfavoriten auf den Sieg handelte, oder aber dermaßen einlullend, dass einem die Gehörgänge verschmolzen. Egal, am Ende stand der dritte Platz zu Buche.

Foto: RTS / EBU

Video Slowakei | Max Jason Mai | Don’t close your Eyes

Als der nationale Sender RTVS Anfang Oktober offiziell eine Teilnahme in Baku aus Kostengründen abgesagt hatte, kam wenige Tage später das Dementi vom Dementi. In einer Pressemitteilung hieß es,

dass man zu gegebener Zeit eine endgültige Entscheidung treffen werde“.

Am 16.11.2011 dann eine eher überraschende Entscheidung: der Casting-Teilnehmer Miroslav Smajda sollte für die Slowakei am Contest antreten, aber wohl auch nur, weil er zugesagt hatte, alle für die Teilnahme entstehenden Kosten selbst zu tragen. Offensichtlich rechnete dieser aber noch einmal nach, denn die von RTVS veröffentlichte Pressemitteilung wurde zwei Tage später wieder gelöscht. Es hieß, der Sender und das Management des Künstlers wollten noch die Vertragsbedingungen ausarbeiten.
Ende Januar dann die nächste Verwirrung: Nun wurde der 1. – ähm… lieber doch der 7. März angepeilt, um den Act für die Eurovision im Rahmen einer Pressekonferenz in Bratislava offiziell zu präsentieren. Damit schien Miroslav wieder aus dem Rennen zu sein. Doch die Slowakei wäre sicher nicht die Slowakei, wenn fortan nun alles den geregelten Gang gegangen wäre. Als Teilnehmer 2012 wurde offiziell (und endgültig) Max Jason Mai vorgestellt. Die findigen Eurovisionsjournalisten brauchten wenigen Stunden Minuten, um heraus zu finden, dass sich bei diesem Pseudonym um den neuen Künstlernamen von…. Miroslav Smajda handelte!

Foto: Jan Varchola / EBU

Video Slowenien | Eva Boto | Verjamem

Bereits im Spätsommer 2011 begannen die offenen Castings für den nationalen Vorentscheid “Misija Evrovizija“, der sich an das deutsche Format “Unser Star für…” anlehnte. Für die Teilnahme zugelassen waren sämtliche Bürger aus EU-Staaten, sowie Menschen mit Arbeitserlaubnis in Slowenien. Nach diversen Vorrunden im Herbst kürte der famose Moderator Klemen Slakonja in der großen Finalshow Ende Februar 2012 die 16-jährige Eva Boto zur Siegerin mir ihrer angestaubten Marija-Serifovic-Gedächtnisballade. Viel lieber hätte sich der eurovisionaer für Klemen entschieden, aber der wollte den Spass wohl nicht ernsthaft mitmachen. Schade, denn mit der Eva klappte es auch nicht!

Foto: Ziga Culiberg – RTV Slovenia / EBU

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Video Spanien | Pastora Soler | Quedate conmigo

Am 21.12.2011 präsentierte TVE seine Kandidatin Pastora Soler. Ganz offensichtlich ging der Sender nach den erfolglosen Versuchen der Vorjahre, einen geeinigten Vertreter per Internetvoting zu entsenden, nun auf Nummer Sicher. Den Blick auf die Jurywertung ausgerichtet, schien die Pastorin von Natur aus eher gemäßigtere Töne anzuschlagen, so dass die Fans bereits im Vorfeld der Entscheidung von einer ganz großen spanischen Ballade träumten. Diese frommen Wünsche wurden im Rahmen einer feierlichen TV-Gala Anfang März erfüllt, bei der sich die Zuschauer zwischen drei Schnarchsongs entscheiden durften. Gewonnen hat der mit dem langen Schrei, wahrscheinlich weil alle zuvor Entschlummerten hochschreckten und noch schlaftrunken sofort eine SMS verschickten.

Foto: Luis Tabuena / EBU

Video Türkei | Can Bonomo | Love me back

Dass die Türken beim Wettbewerb im verbrüderten Nachbarland nicht mitmachen wollten, stand vollkommen außer Frage, allerdings widersprachen sich türkische Medien lange Zeit, wie der nationale Vertreter 2012 bestimmt werden sollte. Während die einen von einer offenen Vorentscheidung erfahren haben wollten, berichteten andere von einer (mittlerweile traditionellen) internen Vorauswahl. Dabei hofften viele Fans auf irgendwelche Discoflittchen, aber in der ersten Januarwoche hatte sich TRT dann doch für den jungen Barden Can Bonomo entschieden. Nach dem vorjährigen Vorrundenaus schien er eine mutige und gute Wahl zu sein, zumal sein Beitrag gewohnt landestypisch rüberkam.

Foto: Berfu Merve Bolulu / EBU

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Video Ukraine | Gaitana | Be my Guest

Die Ukrainer lieben es ihre Konkurrenten zu verwirren: Zuerst hieß es, Ani Lorak und der russische Musikmogul Philip Kirkorov hätten eine Castingshow ins Leben gerufen, mit der der ukrainische Teilnehmer für Baku bestimmt werden sollte. Dann aber gab es im Februar eine kleine Vorentscheidung zur Mittagszeit, die ausnahmsweise ganz ohne Skandale über die Bühne gebracht wurde.
Passend zur Fussball-EM entschied man sich für das stimmungsvolle “Be my Guest”, das somit die eurovisionäre Halbwertszeit bis Ende Mai ein wenig überleben dürfte, da es noch im Juni die Ballverrükten Gäste in Kiew und Umgebung bei Laune halten soll. Vorgetragen wurde der Stadionsong von der 32-Jährigen Gaitana, Tochter einer Ukrainerin und eines Kongolesen. Prompt gab es lautstarke Schmähungen aus den bekannten rechten Ecken, bis endlich die Gutfrau Ruslana Solidarität bewies und Gaitana öffentlich als «Freundin und Schwester» bezeichnete. Für den Europameistertitel reichte es in Baku trotzdem nicht.

Foto: Lavina Music / EBU

Video Ungarn | Compact Disco | Sound of our Hearts

Nach der Hängepartie um eine Teilnahme in Düsseldorf gab das ungarische Fernsehen MTV frühzeitig im Sommer 2011 bekannt, dass man auch 2012 einen Kandidaten ins eurovisionäre Rennen schicken wollte. Erstmalig klotzten die sonst kleckernden Ungarn, denn anders als bei der Besenkammerpräsentation des Vorjahres wollten sie nun mit zwei Semifinals und einer großen Finalshow das heimische Hauptabendprogramm glamourös aufwerten.
In einer für ungarische Verhältnisse spektakulären Show mit der fabelhaften Wolf Kati als Jurorin setzte sich letzlich das 2008 gegründete Rocktrio Compact Disco mit einem gefälligen Allerweltsradiosong durch, der zu einem der besseren Beiträge des 2012-er Jahrgangs zählte.

Foto: Csaba Aknay / EBU

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Video Ver. Königreich | Engelbert Humperdinck | Love will set you free

Seit jeher sind die Briten für ihren Hang zur Exzentrik bekannt. Ein Clou war daher deren eurovisionäre Auswahl 2012: Engelbert Humperdinck, Schnulzenbarde der 60er und frühen 70er Jahre, sollte sich auf seine alten Tage auf den mühsamen Weg nach Baku machen und nach eigenen Worten dort das ganze Ding auch noch gewinnen. Damit er das gewaltige Vorhaben gemächlich angehen konnte, hatte ihm der EBU-Ola aus reiner Nettigkeit die Startnummer Eins zukommen lassen, denn so konnte sich Opa Engelbert nach seinem fulminanten Auftritt erst einmal einem kleinen Nickerchen hingeben, bevor denn dann am 27.05.2012 um 2 Uhr Ortzeit die Punkte verteilt wurden.
Was die Popnation als genialen Coup verkaufte, war in Wahrheit jedoch das sprichwörtliche Armutszeugnis. Offensichtlich fand sich – abgesehen von “Künstlerinnen” wie Nicki French und Konsorten – im Königreich niemand mehr, die/der den Eurovision Song Contest als Meilenstein auf der eigenen Karriereleiter nutzen mochte. Dem für den ESC so notwendigen Impuls der Erneuerung verweigerte sich also ausgerechnet das Mutterland der Popmusik. Was die nostalgieschwangeren Fans im Vorfeld noch enthusiastisch beklatschten, hätte der Sargnagel künftigerer Wettbewerbe sein können – zumal auch die bislang so tapfer liefernden Osteuropäer 2012 allmählich das eurovisionäre Interesse verloren und schwächelten. Zum Glück war da noch Schweden und Europa doch nicht ganz blöd…

Foto: BBC / EBU

Video Weißrussland | Litesound | We are the Heroes

Welch ein Eurofest! Wie der Sender BTRC ausdrücklich betonte, wollte man 2012 ausnahmsweise in Übereinstimmung mit den Regeln und Vorgaben der EBU eine Vorentscheidung durchführen. 15 vorausgewählte Beiträge wurden am 21. Dezember im Rahmen eines Semifinals präsentiert, aus denen sich wiederum fünf für das Finale Mitte Februar qualifizierten. Dass dabei Sturzlangeweiliges weiter gereicht wurde, sollte uns vorerst nicht beunruhigen, schließlich sind die Weißrussen seit langem dafür bekannt, dass sie letztlich dann doch mit einem ganz anderen Song um die Ecke kommen…
In einer von Resteuropa unbeachteten (weil hierzulande nachmittags ausgestrahlten) Billigshow wurde Alena Lanskaya ausgewählt, über die wir an dieser Stelle jedoch kein weiteres Wort verlieren wollen, alldieweil diese kurz nach ihrer Proklamation zur Siegerin zickig verkündete, sie werde in Baku ein ganz anderes Lied als das – zugebenermaßen furztrockene – “All my Life” zum Besten geben. Siehe oben!
Zu guter Letzt war aber so viel Hochmut selbst in Belarus nicht mehr angesagt: Kurzerhand wurden die zweitplatzierten Litesound nachnominiert. Tja, so läuft das in Minsk!

Foto: BTRC / EBU

Video Zypern | Ivi Adamou | La La Love

Zypern erklärte Anfang August 2011, Ivi Adamou zum Song Contest nach Baku schicken zu wollen. Die 17jährige wurde durch ihre Teilnahme an der griechischen X-Factor-Show bekannt. Am 25. Januar trug die Sängerin – geplaybackt – verschiedene Songs öffentlich vor, aus denen sich die Zuschauer mehrheitlich für das seichte Popliedchen “La La Love” entschieden. Wie der Titel es bereits andeutet, steht der Refrain in der Tradition von Salomé und Helena Paparizou und setzt auf eingänge Lyrik, die sich nach dem zweiten Bierchen locker mitsingen lässt. Kurze Zeit später in diversen Foren von übermütigen Fans schon zur Favoritin erkoren, zeigte sich in Baku dann aber, wo der Frosch die Krawatte hat: die gesanglichen Qualitäten der Ivi schwankten nämlich zwischen denen eines rostigen Ofenrohres und – eben jenen eines Frosches!

Foto: John Mitropoulos / EBU

Blogartikel 2012


Der eurovisionaer schmeißt nix weg - den verstaubten alten Kram gibt's hier...