Artikel 2014

  • 0

2014 in Europa

Es gibt sie. Die böse, reale Welt außerhalb der heilen Eurovisionshemisphäre. Zum Beispiel in Odessa. Dort stürmte Sonntagabend ein mit Knüppeln bewaffneter Mob ein Konzert der Popdiva Ani Lorak. Die Sängerin erlangte durch ihre Teilnahme am Eurovision Song Contest 2008, wo sie den zweiten Platz mit „Shady Lady“ belegte, größere Bekanntheit in Europa und gilt in der Ukraine als eine der populärsten Künstlerinnen des Landes. Seitdem sie jedoch im Mai dieses Jahres zwei Musikpreise in Moskau entgegen genommen hatte, werfen ihr nationale Kräfte „unpatriotisches“ Verhalten vor.

Den Auftritt im Nachtclub „Ibiza“ nahmen nun 200 Randalierer – Faschisten des „Rechten Sektors“ sowie Anhänger der nationalistischen „Swoboda“-Partei – zum Anlass ihres gewaltsamen Protests. Die Nationalhymne singend und lauthals Parolen skandierend gelang es ihnen, den Lorak-Auftritt zu stören, bis schließlich mehrere Hundertschaften Polizisten eintrafen und die aufgebrachte Menge daran hinderten, den Klub anzuzünden. Trotz des Zwischenfalls wurde die Veranstaltung danach fortgesetzt.

Als Kommentar zu den Auseinandersetzungen gab das ukrainische Innenministerium derweil bekannt, in den kommenden Tagen eine schwarze Liste mit 500 (russischen) Künstlern veröffentlichen zu wollen, die künftig ein Auftrittsverbot in dem Bürgerkriegsland erhalten werden. Frau Lorak soll angeblich nicht dazu gehören.


  • 2

Geschüttelt, nicht gerührt – 2014 remixed

Remix ESC 2014 Cover 1000leer
Fertig! Selten hat der eurovisionaer so lange an nem Mix rumgefummelt wie an diesem. Dabei lag die Schwierigkeit wohl weniger in einer bislang unbekannten Pingeligkeit des Blogbetreibers, denn in der zwischen Gibraltar und Hammerfest plötzlich ausgebrochenen Zurückhaltung paneuropäischer DJ’s begründet, die sich 2014 offenbar nur noch widerwillig an eurovisionäres Liedgut herantrauten. Egal, nun liegt der Mix ja aufm Tisch bzw. kann er in der Leiste rechts oder via Soundcloud angeklickt werden. Und das passende Tracklisting gibt es selbstverständlich hier.  Ob sich das Unterfangen gelohnt hat, mag der geneigte Zuhörer dann selbst entscheiden…

Grafik: eurovisionaer


  • 0

Was darf Johnny Depp, was Conchita Wurst nicht darf?

…fragt sich dieser Tage das Fräulein Sichtermann. Nicht schon wieder in der eurovisionaeren Küche, sondern am Rande eines eher eintönigen WM-Spiels – dort genehmigten sich die beiden beim mittlerweile so populären Rudelgucken unter freiem Himmel einige Bierchen – und plapperten sich in kurzer Zeit vom Pilgerfahren über den Schlagerzahnarzt hin zur wundervollen Conchita. Der höchsten Song-Contest-Weihe zum Trotz schlägt sich diese nämlich weiterhin mit der vordergründig aufrichtigen, letztlich jedoch hinterfotzigen Volksmeinung tapfer und niemals müde werdend herum. Grund genug also, das Fräulein Sichtermann um Hilfe einen Gastbeitrag zu diesem Thema bitten, für den sich der Chef sehr herzlich bedanken möchte. Und alle anderen eurovisionaere hoffentlich auch!

conchita www.julianlaidig.com

leer

Was darf Johnny Depp, was Conchita Wurst nicht darf?

Als Johnny Depp seine Cross-Gender-Performance als Captain Jack Sparrow in Fluch der Karibik ablieferte, war nicht nur das Feuilleton begeistert. Auch die Besucherzahlen an der Kinokasse gaben ihm Recht. Jack Sparrow, Verzeihung, Captain Jack Sparrow, kultivierte den Machismo des von seiner Selbstverliebtheit besessenen Egomanen mit einer androgynen Attitüde, die nicht selten in Selbstironie umschlug und gerade deshalb die Karikatur und die Rollenklischees vermied.

Ein anderes Beispiel gefällig? David Beckham war einst ein begabter Fußballer, von dem nicht weiter zu handeln wäre, hätte er nicht irgendwann Posh Spice kennen gelernt, die sich fortan als Victoria Beckham neu erfinden sollte. Sie lehrte ihn die Kunst der Mode, die alles, was bis dahin wichtig war, zumindest im Leben eines Fußballers, in den Schatten stellen sollte. Mit ihm war die Metrosexualität geboren, die als neuer Hype das noch junge Millenium beflügeln sollte. Wen kümmerte es, dass David Beckham nicht länger zum Spielgeschehen beitragen konnte, solange nicht ein fähiger Stylist seine Haare in jeder Pause wieder in Form bringen sollte. Schwitzen, keulen, wie weiland Hans-Peter Briegel mit seiner Prolo-Dauerwelle, war nicht sein Ding und so erfreut sich die Gelfrisur noch heute in der Amateurliga ebenso große Beliebtheit wie das Haarband bei den Fußballern, die die gepflegte Matte bevorzugen.

Spätestens seit die Modemacher androgyne Männermodels auf den Laufsteg schicken, um, ja, Frauenkleider zu präsentieren, sollte klar geworden sein, dass sich einiges getan hat: Gender is an illusion. Nun ja, nicht ganz: Es betrifft wohl nur die Ebene der optischen Oberflächen, dahinter, noch immer, waschechte Homophobie. Das Fräulein, ganz arglos zum ersten Mal beim Eurovisionsfinale mit Conchita Wurst konfrontiert, fragt sich noch immer, was genau den Sturm der Entrüstung um diesen Travestiekünstler ausgelöst haben mag, der mit Entgleisungen einher ging, die zu beleidigend sind, um hier wiederholt zu werden.

Das Spiel des Androgynen beruht stets auf dem Schein. Und solange alles ein Spiel bleibt, eine Rolle in einem Film, ein Habitus in einem Trend, applaudiert man gern. Was für eine Bigotterie. Wenn sich jemand dem Spiel der Maskeraden verweigert, weil er die eindeutige Geschlechterzuschreibung selbst in der Illusion durchbricht, das Männliche im Weiblichen und das Weibliche im Männlichen offen zeigt, dann kehrt er die Regeln des Spiels nicht nur um. Er stellt das Spiel selbst in Frage. Genau das scheint Conchita Wurst so unbehaglich zu machen. Hier nimmt sich jemand das Recht, das Konzept des Transgender nicht als Attitüde, sondern als Leben zu leben und dessen Widersprüchlichkeiten auszuhalten. Der Österreicher, der Wiener zumal, könnte einmal an Sigmund Freud denken, der schon wusste: Das Gegenteil von Spiel ist nicht Ernst, sondern Wirklichkeit. Und jeder, der mit dem Spiel der Figur und der Wirklichkeit des Künstlers nicht umgehen kann, ist eine verdammt armselige und ängstliche Wurst.

(Das Fräulein Sichtermann sieht fern und denkt hier regelmäßig über die Naturgesetze im Kosmos der Seifenoper nach.)

Foto: julianlaidig.com


  • 0

The bad old Days

hammersichelKlassische Form von Überreaktion! Um vor dem Fernseher sitzenden Kindern nicht mehr erklären zu müssen, warum da eine Frau mit Bart singt, machen die Russen nun die Rolle rückwärts. Igor Matvienko, Moskauer TV-Produzent, plant angeblich für Oktober dieses Jahres die Wiederbelebung des Intervision Song Contest. Dieser galt zu Zeiten des Kalten Krieges als die sozialistische Antwort auf die Eurovision und wurde von 1977 bis 1980 alljährlich im polnischen Sopot ausgetragen. Eine Reaktivierung dieses Politikums wäre ein ähnlich deutliches Signal an die EBU wie das der Türken, die durch den ESC bereits lange vor Conchita ihre eigenen kulturellen Werte verletzt sahen und kurzerhand im Dezember 2013 eine Türkvizyon veranstalteten.

Homophobe aller Länder vereinigt euch, könnte man rufen, denn nun sind auch alle ehemaligen Staaten der UdSSR herzlich eingeladen, an einem weiteren reaktionären Wettsingen teilzunehmen. Und damit es auch der letzte Depp versteht, soll die russische Vorentscheidung gleich im Juni auf der Krim abgehalten werden. Zugelassen sind aber wahrscheinlich nur glatt rasierte Künstler.

Ob Matvienko mit seiner Idee durchkommt, wird sich also in den nächsten Wochen zeigen, einer breiten Unterstützung durch Politik und Gesellschaft darf er sich wohl sicher sein. Für den Eurovision Song Contest, dessen Grundgedanke auf der  Zusammenführung unterschiedlicher europäischer Kulturen basiert, wäre es eine fatale Entwicklung.


  • 0

Fräulein Sichtermann in meiner Küche

Die Eurovisionäre

Frl SichtermannDas Fräulein fühlt sich schäbig, wenn es sich zunächst distanziert und bekennen muss: Es ist eigentlich kein Fan des Eurovision Song Contest. Das letzte Mal, als es noch einigermaßen engagiert geschaut hat, war es zwölf Jahre alt und die Chose hieß noch irgendwas mit Grand Prix. Es erinnert sich allerdings auch, im Alter von vielleicht achtzehn, einmal die deutsche Vorentscheidung gesehen und dabei einen überaus vergnüglichen Abend gehabt zu haben, weil das ganze ziemlich schräg und mit Menschen, die Schräges zu würdigen wissen, noch schräger war.

Merke, es kommt auf die Gesellschaft an. So ist es ein Glück, dass das Fräulein seit einigen Jahren enthusiastische Eurovisionäre zu seinen Freunden zählt. Und weil wir lernen zu lieben, was Menschen, die wir sehr lieben, lieben, hat das Fräulein seitdem kein Finale mehr verpasst.

Zugegeben: Das Fräulein ist vor allem auf die Party aus, die die Eurovisionäre zu diesem Anlass schmeißen, denn die ist immer großartig. Und auch wenn dem Fräulein noch nie gelungen ist, den Wanderpokal zu ergattern, liegt es doch mit seinen Tipps verlässlich daneben, freut es sich jedes Jahr auf eine neue Chance. Und zehrt derweil von der Erinnerung an eine lange Düsseldorfer Nacht, an deren Ende sich das Fräulein frühmorgens, inmitten all der Frühaufsteher auf dem Weg zur Arbeit, mit einem aufblasbaren Mikrophon unter dem Arm auf den Heimweg machte und Bernd Begemann für diese Zeilen dankbar war: Die verachten mich, dachte ich. Nein die beneiden mich, denn ich muss nirgendwo hin. Ich komm heil hier raus und steck nirgendwo drin.

Und in diesem Jahr? Gewonnen hat ein Travestiekünstler mit Bart, dem das Fräulein seinen Erfolg von Herzen gönnt und das beste Lied ist auf den zweiten Platz gekommen. Alles gut. Danke liebe Eurovisionäre, macht’s gut und bis zum nächsten Jahr. Eure Julia.

Fräulein Sichtermann trifft man übrigens hier!

Foto: eurovisionaer


  • 0

Wurst oder Wiener Schnitzel?

Treffen EBU ORF - FOTO ORF Milenko Badzic
leer

So schnell kann’s gehen: Kaum ist Conchita phoenixgleich der Asche entstiegen, ist schon wieder alles vorbei und die ersten Fans plagt die leidvolle PED.  Immerhin – in dieser Woche  trafen sich in Wien bereits EBU-Vertrteter und die TV-Gewaltigen des österreichischen Rundfunks zum lockeren Plausch mit Gruppenfoto, um die Eckdaten des  60. Eurovision Song Contest 2015 zu besprechen. Nach dem ESC ist halt vor dem ESC! Laut ORF soll die Entscheidung über den Austragungsort in ca. zwei Monaten fallen, der aber – so will es die EBU – nicht unter freiem Himmel sein darf, folglich wäre wohl jeder andere Ort als Wien eine fette Überraschung. Derweil ist auch Frau Wurst fleißig: Während alle Welt sich in der eignen Toleranz suhlt, gibt sie in „fluent English“ der BBC Interviews, lässt sich von 10.000 begeisterten Anhängern auf dem Wiener Ballhausplatz feiern und werkelt insgeheim sicherlich schon an ihrem nächsten Traum, der Moderation des in 12 Monaten anstehenden Schlagerfestivals.

Bevor also am 16. Mai kommenden Jahres eine neue Wurst gekürt wird, tut sich derzeit in den kontinentalen Charts Erstaunliches. Besser als erwartet schlägt sich „The Queen of Europe“ in den Hitparaden, schließlich bedient „Rise like a Phoenix“ nicht gerade dortige kommerzielle Erfolgsmuster. Noch begnadeter schneiden die niederländischen Common Linnets ab, die zumindest in der ersten Verkaufswoche nach dem Wettbewerb in nahezu jedem Winkel der alten Welt Spitzenpositionen einnehmen. Und auch wenn diese in der Folgewoche wahrscheinlich kaum zu halten sind, so wundert sich die Musikwelt dennoch über das große Interesse an den diesjährigen Beiträgen, das beispielsweise – dem schnellen Download sei Dank – zu insgesamt 12 Neunotierungen im ehrwürdigen United Kingdom bzw. 13 in den deutschen Top-100 führte. Respekt!

Foto: EBU / ORF / Milenk Badzic
Calm after the Storm 9 3 1 1 4 3 5 4 2 6 1
Rise like a Phoenix 17 5 2 3 9 2 17 10 6 2 8


  • 3

Ene mene muh – wie wertet eine ESC-Jury?

votingliste azbleer
Kaum hat Deutschland Conchita Wurst in sein großes Herz geschlossen, schwappt auch schon Empörung durchs Volk und die heimischen Medien mischen munter mit. Quell des Genörgels: die deutsche Jury bestehend aus Sido, Madeline Juno, Andreas Bourani, Konrad Sommermeyer und Jennifer Weist. Sie hätte im Ernstfall – wenn’s nur nach ihr gegangen wäre – der Alpendiva vergangenen Samstag keine Punkte zuteil werden lassen! Skandalös? Okay, offensichtlich verfügte die Kommission über einen anderen Geschmack als die Zuschauer, kann ja mal passieren und sollte respektiert werden. Schließlich ist es Sinn und Zweck eines solchen Gremiums, eine auf Fachkompetenz basierende Beurteilung quasi als Komplementär dem Willen der Allgemeinheit entgegenzusetzen. Seitdem die EBU jedoch in diesem Jahr erstmals alle detaillierten Bewertungen veröffentlicht hat, sind Nachfragen nicht nur gegenüber dem NDR-Ausschuss angebracht.

Wie setzt sich überhaupt eine solche Jury zusammen? Laut EBU sollen es Musikschaffende sein, also sind Sänger, Komponisten, Texter oder gar DJs erwünscht, nicht aber Journalisten oder Wissenschaftler. Die Jurymitglieder bewerten folglich ihre eigene Zunft. Dennoch, der NDR hat regelkonform besetzt, lediglich über eine fehlende Stilrichtungsbandbreite innerhalb der fünfköpfigen Gruppe mag man streiten.

Nach welchen Kriterien wird gewertet? Das weiß außerhalb der EBU niemand. In ihren Regularien bezieht sie sich auf ein so genanntes „Green Document“, das sich die Juroren zu Gemüte führen müssen, dessen Inhalt der interessierten Allgemeinheit jedoch verwehrt bleibt. Vermutlich aber gibt es dort klare Anweisungen, zum Beispiel Diaspora-Votingerfolge zu verhindern. Beleg hierfür: das belgische Voting für Armenien. Im Juryranking auf Rang 25, bei den Anrufern auf Platz 1; das ergibt in der Summe Null Punkte für den Kaukasusstaat. Ähnlich werden die Griechen und Russen – nicht erst seit diesem Jahr – herunter gewertet, insbesondere seitdem die Jurys ein komplettes Ranking von Platz 1 bis 26 erstellen, der Televoter aber natürlich nicht. Machen sich die Juroren damit nicht zum Instrument einer hinter verschlossenen Türen ausgeklügelten Wahlfälscherei?

Werden überhaupt konkret musikalische Kriterien als Bezugsrahmen benannt, nach dem bewertet werden soll? Nein, es geht nicht um besonders pfiffige Texte oder ausgeklügelte Kompositionen, andernfalls hätte die deutsche Jury wohl kaum das relativ nichtssagende Liedchen „Cliché Love Song“ aus Dänemark kollektiv (!) auf Platz eins gesetzt. Oder gar Ralph Siegels Möchtegern-Opus „Maybe“ nahezu einstimmig auf den letzten Platz verbannt, was belegt, dass hier persönliche Vorlieben wohl eher den Ausschlag geben. In der Konsequenz zählt also der Geschmack von fünf Szeneyoungstern ebenso viel wie der von Millionen von Televotern.

Dürfen sich die Preisrichter untereinander abstimmen? Vergleicht man die Wertungen aller Nationen, fällt häufig (nicht nur bei der deutschen Vorliebe für dänischen Schlager) eine seltsame Einstimmigkeit im Ergebnis auf. Nichts mit kontroversen Diskussionen der Experten, das Votingsheet dabei lautstark argumentierend in die Luft fuchtelnd. Geheim sind die Entscheidungen daher offensichtlich nicht, wenngleich die EBU Unabhängigkeit einfordert – was auch immer das in dem Kontext bedeutet. Aber Achtung! Man darf das System der Schieberei nicht überreizen, siehe Georgien, wo das Gremium ein identisches Ranking für Platz eins bis acht auf den Tisch legte. Ein Ergebnis, das von dem EBU-Schiedsrichter Ola Sand umgehend annulliert wurde, was wiederum für Aufsehen sorgte. Etwas cleverer war dagegen der Jurytrupp aus Aserbaidschan, der lediglich seine Abneigung gegen armenischen Dubstep und sein Faible für russische Popschlager kund tat – einhellig! Ähnliche Beispiele finden sich auch in den Entscheidungen aus Armenien, Belarus oder Moldau und und und, die die Idee eines fairen Wettbewerbs ad absurdum führen.

Und zu welchem Zeitpunkt werten eigentlich die Jurys? Am Freitagabend. Für sie wurde die Generalprobe in Jury Finale umbenannt. Allerdings wird diese nicht im Fernsehen übertragen. Der gemeine Televoter darf bekanntermaßen erst am Samstag ran. Also ist das ESC-Herzstück, das kultige Voting, ein von der EBU raffiniert gemixter Obstsalat, für dessen Rezept 50% Äpfel und 50% Birnen benötigt werden. Denn, hat beispielsweise die osteuropäische Diva mal einen schlechten Probenabend, reiben sich einen Tag später die Televoter verwundert die Augen, wenn sie erfahren, dass die Jury ihren Liebling gnadenlos abgestraft hat.

Es war also so einiges faul letzten Samstag im Staate Dänemark, auch wenn die EBU nach den jüngsten Televotingmanipulationsvorwürfen stolz ihre neue Transparenz propagiert. Interessant auch, dass der ganze Juryaufwand eigentlich gar nicht nötig wäre, denn die kaiserliche Wurst hätte selbst im reinen Televoting gewonnen, sogar weitaus überlegener. Also, liebe EBU, erspare uns und unseren C-Promis den Ärger um skandalöse Expertenentscheidungen und fahre eine ganz einfache Schiene: maximal drei Zuschauerstimmen je Telefonanschluss und der böse Diaspora-Ostblock-Spuk hat ein Ende.


  • 1

We are unstoppable

conchita von unten

leer
Europa hat in der Nacht von Samstag auf Sonntag ein Zeichen gesetzt. Von Helsinki bis Lissabon, von Reykjavík bis Moskau. Ja, auch Russland hat Punkte nach Österreich geschickt (unsere reaktionäre deutsche Jury jedoch leider nicht)! Alles nur ein Sieg der das Festival liebenden Gay Community? Nein, denn so viele Homos kann es beim besten Willen europaweit gar nicht geben. Hatten die zumeist heterosexuellen Zuschauer auf den unzähligen alkoholschwangeren Eurovisionspartys zu tief ins Glas geschaut, ohne zu wissen für wen sie da abstimmen? Ebenso nein, denn dann hätte ja die – herrlich selbstironische – polnische Titteninvasion siegen müssen. Die Wiener Kunstfigur Conchita Wurst hat gewonnen, weil sie eine Botschaft hatte. Weil ihre Stimme für eurovisionäre Verhältnisse wirklich gut war. Weil ihr Song überzeugen konnte. Weil sie auf Hamsterräder und runde Klaviere verzichtete. Weil ihre dramatischen Gesten so perfekt einstudiert waren und hohen Unterhaltungswert hatten. Und eben weil sie einen Bart trägt.

Die Wurst reckte bei der Siegerehrung in Tränen aufgelöst ihre Faust zum Dach der 60 Meter hohen B&W Hallerne. Da hatte sich einiges angestaut: Nachdem der ORF im September vergangenen Jahres ihre Direktnominierung bekanntgegeben hatte, beschimpfte der österreichische Internetmob sie pausenlos als „häßliche perverse Mißgeburt“. Die Künstlerin blieb trotz der Hetze souverän und erklärte wiederholt ihr Credo: „Einzig und allein der Mensch zählt, jeder soll sein Leben so leben dürfen, wie er es für richtig hält, solange niemand zu Schaden kommt.“ Jetzt, zwei Tage nach dem Contest, entzündet sich – auch in deutschen Foren – erneut eine Diskussion. Wie schon beim Hitzlsperger-Outing schreit die heterosexuelle Mehrheit verschreckt auf und fürchtet eine Regentschaft der Schwulen, womöglich unter der Führung der autoritären Kaiserin Conchita.

Die Diskussion belegt, das Wurstsche Plädoyer für Respekt und Toleranz ist noch nicht ganz beim Volk angekommen, denn um die explizite Diskriminierung Homosexueller geht es zwar auch – aber eben nicht nur. Und der Sieg einer Dragqueen bedeutet beileibe nicht „das Ende Europas“, wie russische Politiker heute schwadronieren, denn für ein solches sorgen dieser Tage dickköpfige Politiker in West und Ost alleine. Die Wurst: das ist kein Trash, kein Kitsch, lediglich die Bitte um Achtung für die, die anders sind als die anderen, steht im Zentrum dieses Acts – man könnte auch ganz einfach konstatieren, es geht um Individualität. Und wer ist schon freiwillig so dumm, nicht einzigartig sein zu wollen? An dieser Stelle sollte sich übrigens auch die eurovisionäre – überwiegend schwule – Gemeinschaft noch einmal fragen, ob sie Conchitas Message wirklich verstanden hat. Wie schon im Semifinale war sich das (Final-)Publikum nämlich erneut nicht zu blöd, zu pfeifen respektive zu buhen, was das Zeug hält, als die Russen das Schlagerkarussell bestiegen.

Doch es gab eine weitere Überraschung, die mich am Samstag schier ausrasten ließ und die ich der betulichen Eurovision zwar zuvor prophezeit, aber bei vollem Verstand dennoch nie erwartet hatte. Der hypnotisch einfache, fernsehtechnisch wunderschön inszenierte Beitrag der Niederländer war lange Zeit ernstzunehmender Konkurrent für Conchita im Wettstreit um die europäische Popmusikmeisterschaft und landete schlussendlich auf Rang zwei. Seitdem beherrscht „Calm after the Storm“ die paneuropäischen Singlecharts. Das üblicherweise sonst gerne inszenierte Affentheater mit Tänzern, Requisiten und artistischen Einlagen, welches häufig von abgrundschlechten Kompositionen ablenken soll, landete unter „ferner liefen“. Bei allem Trara um Gesichtsbehaarung – auch aus musikalischer Sicht (und ganz im Sinne Conchitas) ist das ein sehr versöhnlicher Abschluss des diesjährigen ESC in Kopenhagen. Noch treffendere Worte findet der Kopfkompass im „Freitag„, der sich bereits gestern äußerst feinsinnig mit dem Phänomen Wurst beschäftigte:

Entspannt euch. Seid Kinder. Spielt. Überkommt eure Hemmungen, wenigstens ein bisschen, und seid was euch gefällt. Wenn euch Haare unter den Armen wachsen oder auf den Wangen, dann ist das cool. Und wenn nicht, dann ist das auch cool. Und wenn ihr Lipgloss mögt dann tragt welchen, auch wenn ihr im Stehen pinkelt.

Foto: EBU / Andreas Putting


  • 0

Sissis legitime Nachfolgerin: Conchita Wurst

conchita

Foto: EBU / Andreas Putting

leer
Es ist unglaublich! Österreich gewinnt den 59. Eurovision Song Contest! Was niemand mehr jemals für möglich gehalten hätte, Conchita Wurst singt „Rise like a Phoenix“ und holt nach 48 Jahren für die Alpenrepublik den Sieg mit 290 Punkten. Zweiter wird das niederländische Duo „The Common Linnets“ mit dem wundervollen  „Calm after the Storm“.

Der eurovisionaer ist – zwar nicht ganz so dolle wie die neue österreichische Kaiserin – überwältigt und noch immer siegestrunken, daher heute nur noch ein kurzer Blick auf die Wertungstafel.

split voting 2014 final
Grafik: eurovisionaer


  • 0

2015 – Wien oder Amsterdam?

vor finaleleer
Endlich, der große Tag ist gekommen! Heute Abend findet der 59. Eurovision Song Contest in Kopenhagen statt. Entgegen mancher Erwartung haben die Dänen außergewöhnlich kreative Shows produziert und dem Contest der 10-er Jahre ein neues Gesicht gegeben, auf das wir uns freuen dürfen.

Gegen 24 Uhr wird also die diesjährige Gewinnernation, die wiederum in 12 Monaten einen weiteren „Jubiläums-Grand-Prix“ ausrichten darf, feststehen. Wie in kaum einem anderen Jahrgang sind in den vergangenen Wochen die Favoriten auf den Sieg gekommen und gegangen. Nicht nur das macht die heutige Entscheidung so ungemein spannend, denn sie bleibt auch weiterhin offen wie nie. Schien Armeniens recht sperriger Künstler Aram Mp3 vor Wochen noch mit einer Wettquote von 1.0 als „Schlager“-Europameister eindeutig festzustehen, so haben sich erwartungsgemäß die erfolgsverwöhnten Schweden mit der Sängerin Sanna Nielsen stetig herangearbeitet. Auch Ungarn, bereits im letzten Jahr mit „Kedvesem“ der – Achtung Pathos! – Sieger der Herzen, hat mit „Running“, einem Song gegen Kindesmißhandlung, erneut einen textlich und musikalisch starken Beitrag in das 2014-er Rennen geschickt.

Doch der ESC ist keine Fußball-EM. In seinem Finale kämpfen nicht zwei, sondern 26 Nationen um den Titel. Nach der Probenwoche und den Halbfinals in Dänemarks Hauptstadt ist nichts mehr wie es vorher noch war. Schossen am Dienstag die niederländischen „Common Linnets“ in die Spitzenränge der I-Tunes-Listen Europas, so war es am Donnerstag die Frau mit dem Bart, Conchita Wurst aus Österreich, die die alte Werfthalle in Kopenhagen nicht allein zum Toben, sondern zum Wackeln brachte.

Der eurovisionaere Tipp: Heute Nacht wird es einen eindeutigen Sieg entweder für die Niederlande oder für Österreich geben. Noch wird gerätselt, wie die Dragqueen in Osteuropa abschneiden wird, wo es in den vergangenen Monaten Forderungen gab, die Livesendung während des Auftritts des Wiener Künstlers Tom Neuwirth auszusetzen. Im eigenen Heimatland wurde die Sängerin als „Kreatur“ beschimpft, die Schande über die Nation bringe. Ich vermute, der gesamte Kontinent wird sich toleranter zeigen, als wir es jetzt noch denken. Sei es, weil er für unglaublich entspannte, wunderschöne Countrymusik aus Holland und / oder eben für den Act mit der Stimme und der Gesichtsbehaarung votet. In 24 Stunden sind wir alle klüger.

Foto: EBU / Andreas Putting


Der eurovisionaer schmeißt nix weg - den verstaubten alten Kram gibt's hier...