Artikel 2015

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Ab in den Endspurt

Kurz vor seiner Abreise ins ESC-Mekka liegt der eurovisionaer schon in den letzten Zügen. Hmmm… schön wäre es, (das mit den Zügen), zumindest wenn es sich auf den frühmorgendlichen Transport zum Flughafen bezöge. Der aber dürfte sich – streikbedingt – etwas mühsamer als gedacht gestalten.

Der schlechten Nachrichten aber nicht genug! Zudem von allen guten Wetterpropheten verlassen, kündigen sich gar noch dunkle Wolken über Wien an, welche sich angeblich tagelang nicht vertreiben lassen wollen. Kurzum: ein Regenschutz musste heute noch im Rahmen unabdingbarer Reisevorbereitungen gekauft werden! Doch statt einer modisch-schicken Allwetterjacke ist es letztlich ein etwas rustikalerer – allerdings weitaus kostengünstigerer – Nässeschutz geworden, der nichtsdestotrotz, so ist zu hoffen, alle Wolkenbrüche der Alpenrepublik zuverlässig abhalten wird. Schließlich spart der halbwegs kluge ESC-Fan lieber am falschen Ende, damit die Urlaubskasse elastisch genug für wichtigere Ausgaben in Österreichs Hauptstadt bleibt.

Der Betriebsausflug zum Eurovision Song Contest 2015 steht bislang also unter keinem wirklich guten Stern. Über weitere nahende Katastrophen (Eurofancafe-Tickets sind auf immer und ewig ausverkauft oder – noch schlimmer – umnachtete Jurymitglieder verhindern den Finaleinzug der geliebten Esten Elina und Stig) mag der eurovisionaer daher erst gar nicht weiter grübeln. Statt dessen freut er sich auf den heutigen Abend im vertrauten Dochtmund. Dort soll beim feier- und public-viewing-erprobten Bürgermeister (aufmerksame Leser wissen, welcher Hotspot gemeint ist) die erste Wiener Show mit ausreichend Bierchen runter gespült werden. Sofern der Kneipenchef den richtigen Kanal findet. Der NDR nämlich bewertet das Event mal wieder als Quotengift und versteckt überträgt das Spektakel gleich auf drei seiner Spartensender: EinsPlus (in internationaler Gebärdensprache), Phoenix (vermutlich mit hipper SocialMedia-Leiste) und Einsfestival.

Endlich ist es also soweit! Wie es die versammelte Leserschaft unter Eid bezeugen könnte, hatte der eurovisionaer schließlich über Wochen und Monate auf genau diesen Moment hingearbeitet, der nun gleichsam das allmähliche Ende der 2015-er Saison einläuten wird. Und wenn heute das kleinere (und vermutlich staubtrockene) erste Semifinale in Wien über die Bühne geht, entscheidet es darüber, welche zehn Beiträge im großen samstäglichen Finale noch einmal auftreten dürfen. Stimmberechtigt sind neben den 16 Teilnehmerländern ebenso Frankreich, Spanien, Australien und Gastgeber Österreich.

Ach, und ein wenig Kaffeesatzlektüre wagt der Chef du Blog selbstverständlich auch noch: EST und BEL sollen es, ARM, FIN, RUS, SRB, HUN, ROM, GEO, GRE könnten es werden. Allen eurovisionaeren jedenfalls einen schönen ersten Feiertag, äh, ESC-Abend …


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Heute Abend: 1. Semi in Wien

Endlich! Über Wochen und Monate hat – nicht nur – der eurovisionaer auf diesen Moment hingearbeitet, doch nun naht in wenigen Stunden das allmähliche Ende der 2015-er Saison. Das kleinere (und schwächere) Semifinale geht heute in Wien über die Bühne und entscheidet darüber, welche zehn Beiträge im großen samstäglichen Finale noch einmal auftreten dürfen. Stimmberechtigt sind neben den 16 Teilnehmerländern ebenso Frankreich, Spanien, Australien und Gastgeber Österreich.

TN 2015 SF1

Grafik: eurovisionaer


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In der Blase

mans bi foto per kristiansenUnerhörte Neuigkeiten aus dem eurovisionären Wiener Mikrokosmos! Wir schreiben erst Tag 2 der ESC-Festwochen und schon jagt ein Aufreger den nächsten. Gestern waren es noch schwule Ampelmännchen, heute ist es – na, welch eine Überleitung! – der Liebling aller Berichterstatter, Måns Zelmerlöw. Wie wir gerade bei den Wiwibloggs-Kollegen lesen dürfen, hat der schmucke Schwede rechtzeitig zur heißen Phase des Song Contests für sich herausgefunden, dass er auch ganz gerne mal einen Jungen daten würde. Hurra, der (feuchte) Traum aller ESC-Fans wird endlich wahr, denn bis vor kurzem geisterten eher böse Schlagzeilen über den schwedischen Schwarm durch die Fachpresse, nach denen sich dieser wohl irgendwann einmal vor laufenden TV-Kameras homophob geäußert habe. Alles vergessen! Nun lässt uns Måns wissen, was er zuvor noch nie zu sagen wagte, wie zum Beispiel, dass er mit seinem Hinterteil unzufrieden sei und er seine Gefühle nicht nach Geschlechterzugehörigkeit sortiere. Prompt sinnieren die Fanboys quasi minütlich via Twitter und Facebook, ob das Unglaubliche tatsächlich wahr und der ESC-Favorit bisexuell sein könnte. Der eurovisionaer kann darauf natürlich auch keine zufriedenstellende Antwort geben, vermutet aber, dass das Management des Sängers ganz einfach mal dessen Zielgruppe genauer analysiert hat, und dieser in spätestens zwei Wochen von solch umtriebigen Gedanken wieder erlöst sein dürfte.

trijntje kleid EBU PuttingDie heimatlichen Headlines zu vergessen, dürfte für die niederländische Teilnehmerin Trijntje Oosterhuis dagegen schwerer werden. Hat sie doch beim Kofferpacken für Wien geschmacklich arg daneben gegriffen und muss sich nun anhören, dass sie mit einem solchen Fümmel Kleidungsstück wie in der gestrigen Probe die eurovisionäre Bühne besser nicht betreten solle. Abgesehen von einer kurzfristig eingekauften Stilberaterin wäre ihr eventuell noch ein unverbindliches Telefonat mit Joy Fleming zu empfehlen. Die hat schließlich ähnliches bereits vor 40 Jahren mitmachen müssen und weiß davon noch heute in jeder Talkshow zu berichten.

Übrigens: Wer den Song Contest eher in Absurdistan vermutet, liegt richtig, wenn er sich mal die Probenberichte der vor Ort weilenden Journalisten auf den einschlägigen Fanblogs zu Gemüte führt. Bis ins kleinste Detail wird dort jede Geste, jedes Outfit, jeder Texthänger auseinandergenommen und die Künstlerschar je nach Gusto wahlweise für immer abgeschlachtet oder in den Himmel gelobt. Viele wissen bereits heute (an besagtem Tag 2 der Vorbereitungen auf das Wettsingen) zu rapportieren, dass beispielsweise die eurovisionaeren Favoriten Elina & Stig lieber gleich zurück nach Tallinn fahren sollten – so kakophonisch und lustlos mute ihre Darbietung an. Was von solchen Expertenurteilen zu halten ist, wissen wir spätestens seit 2014, als die akkreditierte Meute dem portugiesischen Untalent Suzy Finalchancen einräumte und die fabelhaften Common Linnets zugleich komplett übersah. Egal – amüsant zu lesen ist die Kaffeesatzleserei der Fachleute allemal, streut sie doch erst das notwendige Salz in die eurovisionäre Suppe.

Ob es unserem Liebling Jon O-la-la jedoch so recht ist, wenn an jeder Ecke getrascht wird, was das Zeug hält, wissen wir nicht. Zumindest hat er heute schon einmal den Asservatenschrank aufgeschlossen und den frisch polierten Siegerpokal auf den Tisch gestellt, damit ein jeder sich daran erinnert, worum es in der schmucklosen Wiener Stadthalle überhaupt geht: um den Sieg beim 60. Eurovision Song Contest!

Pokal EBU Putting

Fotos: Per Kristiansen / Schriftzug Grafik: eurovisionaer (1); EBU / Andreas Putting (2,3)


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Der Wahnsinn geht los!

ampelUnd Wien dreht durch, sollte man glauben. Sofern der eurovisionaer auf einige (wenige?) verklemmte Zeitgenossen hören würde. Wie nämlich die internationale Presse berichtet (also weniger die, deren Vertreter seit heute um die dicksten Pressebags oder Teilnehmer-CDs rangeln), hat die Stadt Wien anlässlich des Eurovision Song Contests einige ihrer Fußgängerampeln mit schwulen bzw. lesbischen Pärchen verziert.

Eine kleine, feine Idee, die die Ösis da hervorzaubern – doch auch in der LGBT-Community gibt es nun einige, die das so gar nicht gutheißen. Sie wähnen, die österreichischen Veranstalter – und mit ihr die EBU – wolle den Wettbewerb verschwulisieren, was mittel- bis langfristig dazu führen werde, dass wiederum die straighte Gemeinschaft dem ESC den Rücken zukehren und dieser sein Standing verlieren werde.

Herrje, entfährt es da dem eurovisionaer, der Untergang des Song-Contest-Abendlandes sähe aber anders aus. Zum Beispiel, wenn die geschlechtsneutralen, grauseligen Italo-Tenöre 2015 tatsächlich gewinnen sollten. Und man muß es ja nun nicht unbedingt bei jeder Gelegenheit auf dem Silbertablett drapieren, aber wo wäre denn der ESC heute, wenn nicht die Homos Mitte der Neunziger den Laden am Laufen gehalten hätten? Damals wollte schließlich niemand mehr irische Balladen hören, die Einschaltquoten waren europaweit im Keller, von CD-Verkäufen oder Chartnotierungen ganz zu schweigen.

1998 dann hatten die Briten beim ESC in Birmingham die fabelhafte Idee, den Hallenton ein wenig aufzudrehen und so ganz sachte auf die verbliebenen treuen, schwulen Fans zuzugehen. Deren Begeisterung hat dem Wettbewerb in den Jahren danach erst neues Leben eingehaucht und einen Hype generiert, der den Song Contest mittlerweile für alle Zuschauer – egal, welch sexueller Orientierung zugehörig – wieder zum TV-Event des Jahres werden ließ. Der männliche Showbesucher mit Landesflagge gehört seitdem zum festen Repertoire gelungener Zwischenschnitte und auch die im Fernsehen übertragene Londoner Sause zum 60. Geburtstag wäre wohl eher eine Art Staatsbegräbnis, denn eine rauschende Party geworden.

Wenn nun also zwei Kerle respektive zwei Frauen signalisieren, dass man die Wiener Straßen gefahrlos überqueren darf, ist das eine verspielte Geste der Anerkennung, die niemand überinterpretieren, aber auch nicht unter den Teppich der gesellschaftlichen Belastbarkeit kehren sollte. Danke!

Foto: Reuters


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Er ist wieder da

home ed 2015Jajaja… der eurovisionaer war ein wenig abgetaucht. Doch in dieser komischen Zwischensaison – nach den nervenaufreibenden nationalen Vorentscheidungen im März und vor dem großen europäischen Finale im Mai – passiert ja eh nicht soo viel. In Amsterdam, neuerdings gar in London, singen die ganz Unverdrossenen probehalber um die Wette, der NDR macht Internet-Songchecks, Ann-Sophie darf bei Stefan Raab kurz ihren Beitrag vor-schreien und der Chef du Blog selbst ergattert noch Tickets für Wien. Alles im allem – nicht der Rede wert!

Und – sollen wir ernsthaft darüber diskutieren, ob der schöne Måns seine Comicmännchen in Wien zeigen darf oder eben nicht und ob der NDR einen Austragungs-Deal mit den Australiern gemacht hat, sollten diese den ESC 2015 gewinnen? Heiße Luft, die derzeit niemanden  interessiert.

Bevor also das wirkliche ESC-Fieber Mitte Mai ausbricht, gibt es noch ein Event, das in den offiziellen Kalendern fehlt. Der eurovisionaer vergnügt sich mit seinen engsten Freunden bei der nun schon fast traditionellen Preparty, der Home Edition, die seit ihrer Einführung Anno 2011 alle zwei Jahre am 30. April stattfindet. Tage und Nächte hat er sich um die Ohren geschlagen, um seinen Gästen kommenden Donnerstag eine halbwegs fabulöse Video-Show mit Opening- und Interval-Act sowie den heißesten Kandidaten der Saison 2015 in gewohnt alkohollastiger Atmosphäre präsentieren zu können. Vor wenigen Minuten nun wurden die letzten Daten ausgespielt, die obligatorische Getränke-Mitbringliste geschrieben und morgen soll – dem jahreszeituntypischen Regen und Sturm zum Trotz – die EU-Fahne gehisst werden. Geschafft!

Die Entschuldigung für das Fernbleiben vom Bloggen ist somit hoffentlich angenommen.

Grafik: eurovisionaer


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Die Reihenfolge des Auftritts…

… wurde heute ausgelöst… äh… festgelegt – alles takko!

startreihenfolge

Grafik: eurovisionaer / EBU


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…und das auch noch!

Wer kennt das nicht? Der Rechner hängt sich auf, fährt ohne Ankündigung plötzlich runter oder will auch sonst partout nicht das, was der Benutzer von ihm verlangt. Über Tage hat der eurovisionaer versucht, im Zuge überbordender Rankomania sein kleines Top40-Video zum Start der heißen ESC-Phase von besagtem PC rendern zu lassen, um es anschließend im weltweit bekannten Portal zur Schau zu stellen. Lag es nun am Inhalt, am vielleicht zu eigenartigen Geschmack des Produzenten? Niemand weiß es genau, denn heute klappte es dann plötzlich und unerwartet! In maßloser Freude über dieses eigentlich alltägliche Gelingen möchte der Chef die werte Leserschaft an selbiger teilhaben lassen und wünscht – noch ein wenig entnervt – gute Unterhaltung!


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Wir sind erledigt

Vergangenen Montag war Schluss mit lustig, denn die EBU gierte nach Gewissheit und alle 40 Teilnehmerstaaten des 60. Eurovision Song Contests mussten beim traditionellen Treffen der Delegationsleiter ihre 2015-er Bewerbungen termingerecht vorlegen. Noch zwei Abende zuvor hatten die Skandigrößen Norwegen und Schweden überschwänglich die letzten nationalen Endausscheidungen der Saison zelebriert und schicken nun ihre – absehbar aussichtsreichen – Kandidaten auf die Reise nach Wien. Eben dort hatte die Alpenrepublik bereits am Freitag die Wurst-Nachfolge geregelt und einigte sich in Kümmertschen Televotingsphären auf eine sehr unaufgeregte, schöne Piano-BALLADE. Ja, „Le Chef du Blog“, sonst gar kein glühender Verehrer der gezügelten, ruhigen Töne, nimmt das Wort in den Mund, bei dem viele andere die Augen verdrehen und vom Schnarchfestival schwadronieren. Und er wiederholt sich, wenn er sagt: 2015 ist ein sehr guter Jahrgang. Ihr wisst das.

Ungefähr zeitgleich haben in Montenegro die dortigen ESC-Verantwortlichen wohl Nachhilfe in PR von den ewigen Spätzündern Russland und Aserbaidschan erhalten, denn sie legten in Genf zwar brav ihre CD auf den Tisch, baten aber um einen späteren Veröffentlichungstermin gegen Ende der Woche. Es war vorhersehbar, dass diese windige Strategie, ein wenig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, im Zeitalter diverser Internet-Leaks wenig Erfolg versprechend war. Bereits am Dienstag war der (typisch balkanesische) Beitrag dann auch in der Tube – und die avisierten 15 Minuten Ruhm entpuppten sich als laues mediales Strohfeuer.

Der eurovisionaer hatte derweil genügend Erledigungen im echten Leben zu tätigen, buchte außerdem einen Flug nach Wien und überlegte, womit er sich denn nun in den zwei Monaten bis zum Grande Finale die ESC-Zeit vertreiben könnte. Und natürlich machte er das, was alle Fans so lieben: mit den Freunden, die sein Hobby teilen, Ratschen bis zum Umfallen, wer denn nun zum Schluss ganz oben stehen könnte und warum wer über- oder unterbewertet ist. Ihr kennt das.

Und ganz Krone-Schmalzig wie er manchmal ist, nervte ihn eine plötzliche kleine Netz-Diskussion, die ebenso unnötig ist, wie das in diesen Stunden Schlagzeilen machende Stinkefingergate. Darf ausgerechnet Russland ein Friedenslied zur Eurovision schicken? Selbstverständlich antwortet heutzutage beinahe ein Jeder mit einem entschlossenen „Natürlich nicht!“ Und schon notiert sich der mittlerweile globalpolitisierte ESC-Fan in seinem Kalender für den 23. Mai „Buhen bei Russland“. Geht das also schon wieder los? Der eurovisionaer, der ja schon des Öfteren kundgetan hat, was er von einem solchen Quatsch hält, erinnert deshalb nur kurz an den Hauptdarsteller dieser Affäre, den Song „A Million Voices“. Von der putinschen Chargé d’Affaires Polina Gagarina (welch ein wunderschöner Name übrigens…) vorgetragen, ist er jedoch – Friedensbotschaft hin oder her – einfach viel zu belanglos, als dass man einen Pieps über ihn verlieren sollte. Heute nicht und auch nicht in neun Wochen in der Stadthalle.

Blicken wir in diesem kleinen Resümee der letzten Tage daher lieber auf jene Ereignisse, die uns stattdessen in der österreichischen Hauptstadt erfreuen werden. Unsicher, ob es den anderen Anoraks noch nicht aufgefallen ist, bemerkt der Blogger heuer zum Beispiel, wie der einstige Schlagerwettbewerb zu einem einzigen Gockel-Contest verkommt. Positiv formuliert: Vieles spricht dafür, dass wir in Wien hautnah – und das im wahrsten Sinne des Wortes –  die Wahl zum „Sexiest ESC-Man Alive“ miterleben dürfen. In der Folge ist nicht nur mit einer Flut der legendären Sockenpunkte zu rechnen. Auch der eine oder andere frisch gekürte eurovisionare Liebling wird zweifelsohne im schon an allen Ecken und Enden sprießenden Frühling 2015 Leben in die hier zuletzt ein wenig verwaiste Rubrik bringen. Da bekommt das viel zitierte „schön Hören“ eine ganz neue Bedeutung.

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Fotos: SBS, Monika Navrátilová, Stina Kase, Ziga Culiberg, Per Kristiansen, EBU. Grafik: eurovisionaer


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Der schlimmste ESC evah?

Der Wiener Song Contest nimmt Konturen an. Bis zum heutigen sonnigen Dienstag haben 3/4 aller teilnehmenden Nationen ihre Auswahl für den Jubiläumswettbewerb getroffen, folglich biegen wir nach etlichen Super-Saturdays entspannt auf die Zielgerade ein, da am kommenden Montag offizieller Einsendeschluss ist und alle Beiträge gemeldet sein müssen. Währenddessen steigt im Fanlager nahezu stündlich die Anspannung, mit welchen – guten oder bösen – Überraschungen wohl noch zu rechnen ist.

Das hat einen simplen Grund: Die Anhängerschaft vermisst schmerzlich den einen oder anderen Uptempo-Song, den fetten Dance-Kracher, den Disco-Brüller schlechthin, und gerät zusehends in Panik, die 2015-er Ausgabe könne ein einziges Schnarchfest werden. Wir ertrinken in einem Meer von Balladen, skandieren sie und fordern Happy-Schlager, bis dass die ESC-Schwarte kracht. Allein – niemand erhört diese verzweifelten Rufe! Schnell macht dann ein Urteil die Runde, das als Ultima Ratio alljährlich gerne ausgekramt wird, um mit dieser schier ausweglosen Situation umzugehen. Die Fans ergeben sich ihrem Schicksal und behaupten schlichtweg: Das wird der allerschlimmste ESC der Neuzeit überhaupt!

Zugegeben, ein bißchen mehr gute Laune hätte Wien schon verdient. Ist also Europa einer (den Jurystimmen geschuldeten) kollektiven Depression verfallen und will es unsere österreichischen Gastgeber mit weinerlichen Klageliedern an den Rand des Wahnsinns treiben? Der eurovisionaer, der selbst ja schon einige ESC-Jahre auf dem Buckel hat, geht schnurstracks mal gedanklich die Grand-Prix-Historie durch und schreckt bei der Erinnerung an den 96-er Wettbewerb in Oslo qualvoll zusammen. Denn inmitten der eh schon lahmen Neunziger war das zweifellos der Jahrgang, der die heutzutage nörgelnden ESC-Jungspunde wohl allesamt in den Selbstmord getrieben – zumindest aber für Tiefschlafanfälle in der damals noch nicht etablierten Standing-Area gesorgt hätte. Dagegen konnte selbst die seinerzeit noch als Insidertipp gehandelte Party des Hausherrn kaum anstinken, da der Abend – trotz guten Zuredens und einer Fülle an alkoholischen Getränken – zu einer Mischung aus live übertragenem Staatsbegräbnis und Pyjama-Kuschel-Event mutierte.

Davon sind wir 2015 weit entfernt. Im Gegenteil, behauptet der eurovisionaer mal vorlaut, verfügt die bisher bekannte Wiener Melange über einen überdurchschnittlich hohen Qualitätsfaktor. Leicht gesagt, wenn seine diesjährigen Favoriten Estland und Slowenien ausnahmsweise gar bei den Wettbüros punkten. Aber hey, ist jemandem schon mal aufgefallen, dass uns heuer der ganze absurde, hochnotpeinliche Suzy-Tanja-Axel-Hirsoux-Miracle-Attention-Wild-Soul-Quatsch vollkommen abgeht? Also, locker bleiben, spätestens in drei Wochen haben sich eh alle den diesjährigen Katalog schön gehört und werden bereits Mitte April aus lauter Vorfreude den heiligen Abend schwerlich abwarten können. Foto: Danpape

Update: Um sich von der anstrengenden Posterei kurz zu erholen, klickt der Blogger gedankenverloren den soeben frisch eingetroffenen Loic-Nottet-Belgien-Link. Herrgottsakra! Noch so ein absofuckinglutely geiler Song! I werd narrisch!


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USFÖ – Wir sind die Dramaqueen Europas

dramaqueen usfö

leer
Hoppla, da hat sich der eurovisionaer aber gewaltig geirrt, als er die diesjährige deutsche Vorentscheidung USFÖ im Vorfeld als absehbar unspektakulär abtat… Weit gefehlt, zum Tausch erlebten wir hautnah den Gipfel deutscher Live-Fernsehunterhaltung, der fortan wohl in keinem ESC-Rückblck fehlen darf.

„Ich bin ein kleiner Sänger“ sprach der Sieger Andreas Kümmert, lehnte das gerade gewonnene Wienticket ab und entschwand von der Bühne. Mehr Drama ging kaum und selbst die forsche Barbara Schöneberger war einen Moment lang sprachlos, bevor sie aus Mangel an Alternativen mal eben die Zweitplatzierte Ann Sophie beauftragte, im Mai in die österreichische Hauptstadt zu reisen.

Und jetzt haben wir den Salat! Denn deutlicher konnte man uns wohl gestern nicht vor die Nase halten, was passiert, wenn der NDR mit den Major Labels kungelt und ihnen zur Beruhigung des eigenen schlechten Gewissens eine Wildcard auf den Hals hetzt. USFÖ stellte von Anfang an ein Format dar, das nur unterschwellig auf die Suche nach einem passenden Beitrag für den Eurovision Song Contest ausgerichtet war. Mit Sängern, die sich zwei Songs so nebenbei aus dem aktuellen Album pulen oder Songwritern, die erst einmal überzeugt werden müssen, einen Titel für den Wettbewerb freizugeben. Mit jungen Radiowellen, die Beiträge aussuchen, die sie niemals im laufenden Programm spielen werden und Managern respektive Plattenfirmen, bei denen der Verkauf von Tonträgern und Konzerttickets an erster Stelle steht.

Wie folgerichtig, dass nach allem Hin und Her ausgerechnet die Sängerin (welche übrigens am allerwenigsten an dem ganzen Schlamassel schuld ist) schlussendlich zum ESC geschickt wird, die sich wohl als Einzige aus freien Stücken um die Eintrittskarte in den Schlagerzirkus beworben hatte. Mit diesem peinlichen Abschluss hat der NDR der fortan als „zweite Wahl“ stigmatisierten Sängerin Ann Sophie, aber auch dem deutschen Song Contest einen Bärendienst erwiesen. „Ihr seid das neue Weißrussland!“ spotten die internationalen ESC-Anhänger und für diejenigen, die den heimischen wie auch internationalen Wettbewerb schon immer affig fanden, schaufelte das gestrige Chaos nur Wasser auf die Mühlen.

Wie albern das komplizierte, sich über drei Runden erstreckende Wertungssystem  tatsächlich ist, hat Kümmerts Rückzug nachdrücklich aufgezeigt, denn es gab von Beginn der Sendung an keine Chance für einen weiteren Nachrücker. So blieb der messerscharf denkenden Frau Schöneberger – ohne Kontakt zur Regie – in der Tat nichts anderes übrig, als die verdutzte Ann Sophie spontan zur Gewinnerin zu küren. Vorschlag: Schenken wir uns doch fortan das ganze Showspektakel und fragen wir die Babsi im nächsten März einfach direkt, wen sie sich dann so ausgeguckt hat.

Sicher, schon die alte Zarah wusste: Davon geht die Welt nicht unter – schließlich haben wir keine Eurovisionsregierung für die nächsten vier Jahre gewählt, die dann doch Schiss kriegt und sofort wieder abtritt. Ärgerlich ist es aber schon, wenn Verantwortliche des NDR gleich nach der Sendung noch von einer grandiosen Show reden, keiner das Wort Wettbewerbsverzerrung in den Mund zu nimmt oder die angeblich 78% Kümmert-Televoter erwähnt, die ihr Geld für Nüsse ins Nirwana verschickt haben.

Noch ein paar abschließende Gedanken zu Andreas Kümmert. Ohne mit dessen Werk und Vita ins letzte Detail vertraut zu sein, fragt sich der eurovisionaer, wie es einem ehemaligen Castingshow-Sieger erst in den letzten Sekunden dämmern kann, was möglicherweise nach einem Vorentscheidungssieg auf ihn zukommen könnte.

Statt dessen wird er nun als labiler Künstler dargestellt, der Respekt für seine persönliche Entscheidung verdient. Bei allem Verständnis – wo war denn sein Respekt und seine Fairness gegenüber den anderen Mitbewerbern, insbesondere gegenüber Frau Feser und den Damen Laing, die vielleicht auch ganz gerne Finalluft geschnuppert hätten? Und ist es zynisch festzustellen, dass sein Song zwischenzeitlich das avisierte Marketingziel erreicht hat, wenn er auf Rang 5 der tagesaktuellen Verkaufscharts steht?

Nein, da geht dem Hausherrn der Hut hoch und er gibt in diesem Fall ganz freimütig und gerne den kleinkarierten ESC-Fan, dem mal wieder nichts recht zu machen ist. Dabei hatte er sich einfach nur auf einen halbwegs unterhaltsamen Fernsehabend mit Bier und Mettbrötchen gefreut…

Grafik: Flickr / deiby (Blurred)


Der eurovisionaer schmeißt nix weg - den verstaubten alten Kram gibt's hier...