Artikel 2016

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Gepfefferte Spanier

Barei | Say Yay!

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Jaaa, das könnte endlich mal was werden! Bárbara Reyzábal González-Aller, die sich erfreulicherweise einfach nur Barei nennt, gewann Anfang Februar die heimische Vorentscheidung souverän mit dem für spanische Verhältnisse recht untypischen Kracher “Say yay!”. Ihre Erfolgsformel: Keine große Gesten, kein sonst so typisches, aufgesetztes Pathos, kein über gefühlte zwanzig Minuten lang gezogener Schrei – konträr zum bislang gerne bevorzugten Muster grazilen Diventums stampfte sich die 33-jährige in ihren Winterchucks über die Studiobühne und bewies, dass sie fighten kann und eine ordentliche Portion Pfeffer im Arsch hat.

Messerscharf erkannt hatten das damals sogleich zwei zu Rate gezogene iberische Jurys (TVE wollte sein Schicksal wohl partout nicht mehr alleinig in die Hände der launischen Televoter legen), die der zappeligen Sängerin Top-Wertungen gaben. Und damit lagen sie richtig, denn seit Jahrzehnten liebt auch die ESC-Gemeinde die auf den Sieg brennenden Senoras. Mittlerweile – drei Monate später – ist die temperamentvolle Spanierin nicht nur eine heiße Konkurrentin des französischen Topfavoriten Amir, sie scheint auch dessen beste Freundin geworden zu sein. Den eurovisionaer freut so viel herzliche, kollegiale Verbundenheit, daher drückt er den beiden südeuropäischen Buddies ganz dicke die Daumen. Ach, und den leiderprobten, heißblütigen spanischen ESC-Anhängern wäre ein ESC-Erfolg in einer vor Freude überkochenden Globen-Arena – wie auch allen anderen in eurovisionärer Voraussicht auf ein Schönwetterfestival 2017 – wahrhaftig zu wünschen!

Bestes Mal (u.a.): Massiel | La la la

Letztes Mal: Edurne | Amanecer


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Tricksende Slowenen

ManuElla | Blue and red

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Nashville ist neuerdings ein Vorort von Ljubljana, setzen die Slowenen doch in diesem Jahr auf (zugegebenermaßen europäisierte) Countrymucke. Die 27-jährige ManuElla, Castingerfahren und mehr als glückliche Gewinnerin der nationalen Vorauswahl EMA, entschied sich für dieses in Eurovisionskreisen eher unpopuläre amerikanische Musikgenre. Dementsprechend chancenlos sehen sie die ESC-Auguren, wohl auch, weil die Arme ihren Beitrag vor heimischer Kulisse mit einem peinlichen Kinzer-Trickkleidwechsel garnierte. Was jedoch 1978 bei Ireen Sheer noch für ein anerkennendes Ooh und Aah sorgte, haut heutzutage keinen Fan mehr vom Plüschsofa. Noch schlimmer: die Verwendung solch antiquierter Showelemente (man denke nur an das moldawische Haarteil vor zwei Jahren in Kopenhagen) gilt mittlerweile als anrüchig, implizieren sie doch immer, dass selbst die Künstlerin weiß, wie schauderhaft ihr Lied eigentlich ist.

Schade, denn der eurovisionaer liebt den unaufgeregten slowenischen Beitrag zwar nicht so sehr wie zuletzt die Balkankönigin Maraaya, mag ihn aber und hofft, dass findige Stylingberater das Performancedefizit von Fräulein Brečko bis Stockholm noch in den Griff kriegen werden.

Bestes Mal: Nusa Derenda | Energy

Letztes Mal: Maraaya | Here for you


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Zuckende Serben

Sanja Vučić ZAA | Goodbye (Shelter)

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Ist es gleich eine ganze Band? Oder doch eine Sängerin? Warum singt die Frau mit aufgesetztem Akzent in Englisch, wo sie doch ihrer wunderschönen Muttersprache freien Lauf lassen könnte? Und wieso zuckt sie dabei so ekstatisch? Der eurovisionaer stellt sich ob der serbischen Einsendung Fragen über Fragen und findet weder Antworten, noch einen rechten Zugang zu dem nun zu beurteilenden Werk. Doch ist ein irritierter Zuhörer bei unserem Lieblings-Tralala-Wettbewerb, der in der Regel gerne einfach zu durchschauende Muster honoriert, nicht bereits ein Todesurteil für einen jeden Beitrag?

Sanja Vučić ist optisch eine Type, beileibe keine schlechte Sängerin (allenfalls übertreibt sie es manchmal mit der Modulation), der Titel auch nicht von schlechten Eltern – wenngleich in serbisch viel genehmer – und doch weiß die Sängerin mit ihrer Kunst nicht zu berühren. Nach ihrem Auftritt wird der Globen nicht vor Vergnügen quitschen, die Jurymeute mit Punktabzug drohen und der bierseelige Televoter längst einen fetten Haken auf der ESC-Liste gemacht haben. Vermutet der Hausherr. Und weiter im Programm!

Bestes Mal: Marija Šerifović | Molitva

Letztes Mal: Bojana Stamenov | Beauty never lies


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Enttäuschende Schweizer

Rykka | The last of our Kind

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Da hat die Kreuzlinger Bodensee-Arena wohl auch schon spektakulärere Show-Events als das Schweizer Vorentscheidungsfinale beherbergt, bei dem Mitte Februar Not auf Elend traf (als deutscher Fan weiß man, wie sich das anfühlt…). Das Rennen machte letztlich mal wieder eine Kanadierin. Und prompt wurden Erinnerungen an die fabulöse Celine Dion wach, die 1988 mit Minipli-Wuschelkopf und zwischenzeitlich verschönertem Riesenzinken den Engländern den sicher geglaubten Sieg mit einem klitzekleinen Punkt Vorsprung vor eben jener Nase wegschnappte.

Nun schreiben wir 2016, doch der nordamerikanische Import Rykka hat leider so gar nichts mit der Titanic-Diva gemein. Die sprichwörtlichen Welten liegen zwischen den stimmlichen Qualitäten der Chanteusen und auch der Beitrag selbst wird das Attribut „ESC-Klassiker“ niemals in Anspruch nehmen dürfen. Die sympathischen Schweizer sollten daher gehörige Schwierigkeiten bekommen, sich den Einzug ins Finale zu erkämpfen – mehr als das, gar eine Top-10-Platzierung, wäre vielleicht bei einem Model-, nicht aber einem Gesangswettbewerb in Reichweite. Und so bricht’s dem eurovisionaer fast das Herz, weiß er doch um seine eidgenössische Leserschaft, der aufs Neue versprechen muss: Im nächsten Jahr wird alles besser!

Bestes Mal (u.a.): Céline Dion| Ne partez pas sans moi

Letztes Mal: Mélanie René | Time to shine


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Rausschmiss! Rumänien hat die ESC-Rechnung nicht bezahlt

16 Millionen Schweizer Franken! So viele Schulden hat der rumänische Sender TVR seit 2007 bei der EBU aufgetürmt. Briefe des Gläubigers hat man in Bukarest wohl schon gar nicht mehr aufgemacht, so dass EBU-Generaldirektorin Ingrid Deltenre zum letzten Mittel griff: TVR wird aus dem öffentlich-rechtlichen Sendernetznetzwerk Europas ausgeschlossen. Folge: keine Fußball-EM, keine Olympischen Sommerspiele und kein ESC in der Flimmerkiste. Und für den rumänischen Vertreter Ovidiu Anton selbstverständlich auch keine Teilnahme in Stockholm. Nachvollziehbar, dass sich der Künstler in einem Alptraum wähnt.

„Ohne Göd ka Musi!“ schreibt der österreichische Twitterkollege und richtig – so sind nun mal die Regeln. Dass sich TVR – und vermutlich einige andere Sender in Europa – seit beinahe zehn Jahren damit durchmogeln konnte, sollte nachdenklich stimmen. Jetzt auf die böse EBU zu schimpfen, weil man ja auch drei Wochen noch hätte warten können, ist dumm und kurzsichtig. Schließlich hat die eigene Sendeanstalt den Verrat am Sänger begangen, wußte der Sender doch seit langem um seine Zahlungsunfähigkeit.

In das „Je suis Roumanie“ mag der eurovisionaer daher nicht einstimmen, zumal sich der Verlust des schauderlichen „Moments of Silence“ in Grenzen hält. So wird man unliebsame Beiträge los.


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Überdrehte Schweden

Frans | If I were sorry

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Der Frans kann’s und folgt dem Måns.

Mehr Banalitäten müsste man zum diesjährigen schwedischen Beitrag eigentlich nicht absondern. Aber Vorsicht, wir sprechen von Schweden! Dem Geburtsland unserer Ikone Agnetha! Der Heimat des uns verzückenden Mellos! Dem Innovator des verpieften Eurovision Song Contest in Person des vom Schlagergott entsandten Christer Björkman!

Ok, wie unschwer zu erkennen ist, nervt den Blogwart die nunmehr ausufernde schwedische Dominanz im eurovisionären Kosmos – und der arme Frans muss drunter leiden. Öööh, nein! Egal, woher die beiden gerade kommen, Song und Interpret sind und bleiben hochnotpeinlich, weil sie sich vordergründig hip und zeitgemäß geben, letztlich aber außer einer schicken Verpackung rein gar nichts zu bieten haben. Und dafür sollen die schnöden ESC-Besserwisser beim Heimspiel bitte einmal, einmal nur so richtig abgestraft werden. Danke.

Bestes Mal (u.a.): ABBA| Waterloo

Letztes Mal: Måns Zelmerlöw | Heroes


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Säuselnde San-Marinesen

Serhat | I didn’t know

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Nach einigen Jahren der Siegelschen Fremdherrrschaft hat sich der Zwergstaat San Marino einstweilen an einen türkischen Medienclan verraten und verkauft, der nicht allein den obligatorischen fetten Scheck, sondern sogleich einen eigenen Künstler namens Serhat in die unsägliche Allianz einbrachte. Traumhaft. Ein in seiner Heimat erfahrener Megastar, der die erfolglosen Jahre, als man sich mit einer drittklassigen Sängerin zufrieden gab, vergessen lassen sollte.

Schade nur, dass man bei dem Deal weniger Augen- und Ohrenmerk auf den USP des Pakets, den Song, legte, denn “I didn’t know” dürfte als einer der bizarrsten, will sagen, grottenpeinlichsten Beiträge in die ESC-Wettbewerbsgeschichte eingehen. Punkt. Dieses vernichtende Urteil fällt der ausnahmsweise mal hartherzige eurovisionaer, selbst wenn er bei dem Titel eine stilistische, strafmildernde Nähe zu der von ihm seit Kindertagen verehrten und für ihr Säuseln weltbekannt gewordene Amanda Lear ausmachen kann. Doch auch dieser Umstand wird ihn nicht dazu verleiten, sich das – von der sanmarinischen Delegation in einem Anfall von Panik nunmehr auf Disco umgetrimmte – Machwerk erneut zu Gemüte zu führen, hat er doch seit der ersten Sichtung des dazugehörigen Videos Alpträume ob der akustischen Nötigung durch den Monokel-geschmückten grenzdebilen Dschinn.

Bleibt nur zu hoffen, dass für die kleine, angeblich älteste Republik der Welt am Ende dieses Schmierentheaters zwar kein Ruhm, aber wenigstens genügend Knete übrig bleibt, damit nicht auch noch die heimatlichen Jurystimmen an die vermutlich meistbietenden Azeris verhökert werden müssen …

Bestes Mal: Valentina Monetta | Maybe (Forse)

Letztes Mal: Anita Simoncini & Michele Perniola | Chain of Lights


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Siegeswillige Russen

Sergey Lazarev | You are the only One

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Hurra! Was zu Beginn einer jeden ESC-Saison der letzten fünf Jahre in nahezu allen europäischen Fanforen betratscht wurde, sollte im Dezember 2015 endlich wahr werden! Der TV-Sender RTR ließ verlauten, der großartige Sergey Lazarev solle das erfolgsverwöhnte Russland beim Eurovision Song Contest 2016 vertreten. Umgehend wurden Heerscharen von Komponisten, Textern, Choreografen und Stylingberater eingekauft, um dem smarten Superstar das für den Sieg nötige Material auf den etwas mopsigen, aber formvollendeten Körper zu zimmern.

Prompt ging das seit mehreren Jahren bekannte Russland-Bashing los, denn was zuletzt mit dem zweiten Platz für die in Tränen aufgelöste Polina grade noch vermieden werden konnte, ist und bleibt ein Dauerproblem. Solange der Sieger das nächste Festival ausrichten darf, will kein Fan die Russen auf dem Siegerpodest sehen, weil niemand (aus bekannten Gründen) nach Moskau oder St. Petersburg reisen will. Da ist es auch egal, welchen Topstar die Verantwortlichen ins Rennen schicken. 2016 wird also erneut gegen einen Song Stimmung gemacht, den die devote Anhängerschaft von Herzen lieben würde, käme er doch bloß aus Schweden. Tut er aber nicht und das verhasste Putin-Reich gehört – verdientermaßen, weil es auf eine verlogene Friedens-Hymne verzichtet – trotzdem mal wieder zu den heißesten Favoriten des Jahrgangs.

Bestes Mal: Dima Bilan | Believe

Letztes Mal: Polina Gagarina | A Million Voices


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Schauderliche Rumänen

Ovidiu Anton | Moments of Silence

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Ganz frech vorneweg: Für Rumänien könnte es erstmals seit Einführung der Semifinals eng werden, aus diesen erfolgreich in die schicke Samstagabendshow zu ziehen. Der per Vorentscheidung ermittelte Ovidiu Anton, ein kleiner dicklicher … ähm… Rocksänger, der offensichtlich seit seiner Kindheit eine gewisse Seelenverwandtschaft zum unvergessenen Freddie Mercury verspürt, soll es mit seiner Truppe in Schweden richten. Um mit den Worten des von uns nicht verehrten Xaviers zu sprechen: Das wird kein leichter Weg!

Denn die schauderliche Nummer weiß einfach nicht, wo sie hin will: ab in die Karaoke-Bar oder lieber ins Laienschauspiel? Erst, wenn man die rosaroten ESC-Ohrstöpsel zieht, ist die Einordnung ganz einfach: Bukarest malträtiert uns mit osteuropäischem Trash, den wahrscheinlich selbst Schwerhörige nicht als Musik bezeichnen würden und der alle bösen Vorurteile der vereinigten ESC-Haterschaft bestens bedient. Das Problem: selbst im 21. Jahrhundert sammeln solche Lieder ESC-Punkte wie blöde. Egal, der eurovisionaer, vor drei Jahren mit dem von ihm maßlos unterschätzten Cesar gehörig auf die Nase gefallen, wird aus Schaden nicht klug und behauptet erneut, dass die in der Regel überbewerteten Rumänen in diesem Jahr endlich draußen bleiben müssen. Denn das wäre mal wirklich ein verdienter Moment der Ruhe!

Update: Tatsächlich müssen die Rumänen dieses Mal draussen bleiben! Hierzu: Rumänien hat die ESC-Rechnung nicht bezahlt!

Bestes Mal: Paula Seling & Ovi | Playing with Fire

Letztes Mal: Voltaj | De la Capat


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Eigensinnige Polen

Michał Szpak | Color of your Life

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Bar jeder Vernunft (wie sich erst später herausstellte) vermeldete der polnische TV-Sender TVP im Januar, dass er seinen Kandidaten 2016 ausnahmsweise nicht – wie von allen angenommen – hinter verschlossenen Türen bestimmen werde. Statt dessen wurde am 05. März ein kurzerhand aus dem Ärmel geschüttelter Vorentscheid zelebriert, für den sich etliche nationale Größen, unter ihnen gar die heilige “The Voice” Edyta Gorniak (ESC 1994), angemeldet hatten. Ihr zur Seite – und spontaner Liebling aller Hardcorefans von Lissabon bis Wladiwostok – die eine Generation jüngere Margaret, eine Mischung aus Castingsternchen und veritabler Sängerin. Alle, wirklich alle Experten waren überzeugt, einen Zweikampf zwischen den beiden werde es geben.

Doch dann zogen die siegessicheren Diven verdammt lange Gesichter, denn überraschenderweise gewann der harmlos osteuropäische Schmusepop “Color of your Lifevom Warschauer Wolle Petry von Michael Szpak und eben nicht die in die Jahre gekommene Powerballade oder der hüftsteif vorgetragene Möchtergern-Rihanna-Abklatsch. Dieser Vorentscheidungsnervenschocker führte nicht nur zu einem spitzen, nicht enden wollenden Aufschrei in allen Fanforen, er ist außerdem für die Überschrift “Dümmer geht’s nimmer” wie gemacht, da Polen – in freudiger Erwartung eines tatsächlichen Smashers – schon vorzeitig als Topfavorit auf den ESC-Gesamtsieg gewettet wurde – doch das war vor eben jener samstagabendlichen Entscheidung. Seitdem pendeln sich die Quoten wieder im Mittelmaß ein, unterschätzen sollte man den langhaarigen Mädchenschwarm jedoch auch in Stockholm nicht.

Bestes Mal: Edyta Gorniak| To nie ja!

Letztes Mal: Monika Kuszyńska | In the Name of Love


Der eurovisionaer schmeißt nix weg - den verstaubten alten Kram gibt's hier...