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Da war doch noch was… Der ESC und die große Politik

Schande! Nein, nicht, weil Valentina im dritten Anlauf das Finale gepackt hat… Viel hinterfotziger nach Meinung des eurovisionaers das Verhalten zahlreicher Fans, als Dienstagabend in der B&W Hallerne der russische Finaleinzug bekannt gegeben wurde. Gleich ein kakophonisches Konzert von Buhrufen schallte durch die Kopenhagener Arena, denn offensichtlich wurde dieses Halbfinalergebnis in Fankreisen so gar nicht goutiert. Man mag ja auch streiten, ob die Zopf-Nummer auf der Wippe wirklich so funky war – das hätte man sich aber bei mindestens acht anderen Beiträgen ebenso fragen können. Ganz eindeutig ging es den Miesmachern nicht um musikalische Kriterien, sondern um handfeste Politik. Der seit Wochen Europa beherrschende Ukraine-Konflikt zog damit auch in die heile Eurovisionswelt ein.

Nun könnte man sagen, wen verwundert’s, wenn doch die Propagandamaschinerie der westlichen ebenso wie östlichen Medien und Regierungen seit Wochen auf Hochtouren läuft? Muss eine solch penetrante Gehirnwäsche nicht nahezu automatisch in Buhrufen münden, die dann im Rahmen einer Live-Unterhaltungssendung quer über den Kontinent ausgestrahlt werden? Die das Ideal von Völkerverständigung und friedlichem Miteinander bei einem harmlosen Gesangswettbewerb konterkarieren? Doch warum gibt sich der gemeine Eurovisionsfan, dessen Leidenschaft doch eher die große Geste oder schicke Abendroben sind, plötzlich vordergründig so politisiert?

2009, als während des Festvials auf Moskaus Straßen eine Schwulenparade gewaltsam aufgelöst wurde, waren viele konsequenterweise einfach zu Hause geblieben, die anderen jedoch feierten sich durch rauschende Euroclubpartys und schwärmten von der russischen Gigantomanie des Song Contests. Letztes Jahr in Malmö, als Putin gerade einen weiteren Stapel Anti-Homosexuellen-Gesetze erließ, schwärmte die Community von den Friedensbotschaften der russischen Sängerin Dina Garipova.

Heute, 2014, leisten die Medien ganze Arbeit, wenn es darum geht, Agitation zu betreiben. Natürlich mag es zweifellos genügend Gründe geben, Russlands Haltung in der Ukraine-Krise zu kritisieren. Doch in der Vergangenheit betonten gerade jene, die jetzt lautstark Missmut äußern, dass der Eurovision Song Contest nicht als politische Plattform mißbraucht werden dürfe. Richtig so! Im besonderen die schwule Community, zu der der eurovisionaer ja selbst gehört, könnte darauf achten, den respektvollen, vorurteilsfreien Umgang miteinander zu praktizieren und sich nicht vor irgendeinen Meinungskarren spannen zu lassen, um dessen angebliche political Correctness unbedacht aufzusaugen.

Dicke Eier in der Hose haben – gerne, aber nicht, weil es gerade mal angesagt ist, Russland zu bashen. Wenn man keinen Schimmer hat, was außerhalb der Schlagerwelt vor sich geht bzw. seine Meinung aus der BILD bezieht, sollte man besser einfach den Mund halten. Das allein hätte am Dienstagabend als Statement ja schon genügt!

Foto: EBU / Sander Hestermann


Der eurovisionaer schmeißt nix weg - den verstaubten alten Kram gibt's hier...