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Radikaler Neuanfang im ESC-Labor!

Preisfrage: Wenn es ein Narrativ gebraucht hätte, den monatelang schweigsamen eurovisionaer wieder an die Tastatur zu locken, was wäre das wohl gewesen? Grübel, grübel und studier… Richtig, der NDR hat dieser Tage die deutsche Vorentscheidung neu erfunden und jubelt lauthals ob des radikalen Neuanfangs. Viele intensive Gespräche habe man geführt, alle bisherigen Modelle auf den Prüfstand gestellt, den Laden kräftig durchgewischt und externen Rat und Kritik eingeholt. Fortan gelte: Nichts soll so bleiben, wie es in den letzten Jahren war.

Der über die Jahre leidgeprüfte deutsche ESC-Fan reibt sich verdutzt die Augen, mag seinen Ohren kaum trauen und wähnt sich bereits im süßen Melodifestivalenhimmel, als er sich kurz zwickt und beschließt, das Kleingedruckte zu lesen.

Internationaler soll es werden, denn eine 20-25-köpfige europäische Expertenjury wird künftig dem zuletzt überforderten Televoter sagen, wo es beim ESC langgeht. Damit nicht genug: es braucht noch ein gar 100-köpfiges Europa-Panel! Das rekrutiert der Sender – genau – über den gerade so heißen Scheiß, die Sozialen Netzwerke. Unglaubliche 10000 Nutzer sollen kontaktiert werden, bis man letztendlich mittels Big-Data-Analyse die ESC-verrückte finnische Hausfrau und den kroatischen, Balladen liebenden Postboten an der Leine hat. Aber aufgepasst, ins Panel kommen nur Deutsche! Wie jetzt? Die Hausfrau und der Postbote tun also nur so, als kämen sie aus Turku bzw. Zadar? Die Erklärung folgt auf dem Fuße: Das Europa-Panel ausschließlich mit Deutschen zu besetzen, funktioniert deswegen so gut, weil es billiger ist… „weil wir in den letzten vier Jahren mit unseren Stimmen beim Song-Contest-Televoting am nächsten am jeweiligen Endergebnis gelegen haben“.

Ach so. Hat bei unseren eigenen Kandidaten ja nicht so doll geklappt… Schwamm drüber.

Das Panel hat übrigens die ganze Arbeit am Hals. In NDR-Sprech heißt das „Wir binden unser Publikum von Beginn an in den Entscheidungsprozess mit ein!“ Will sagen, es sortiert vor: Diejenigen, die sich ab sofort bis kommenden Montag online bewerben. Hoppla, jetzt muss es schnell gehen! Aus jenem Pool nämlich werden treffsicher fünf Talente herausgefischt, die vom NDR im Anschluss ein auf den Leib geschriebenes Lied erhalten, das sie den Fernsehzuschauern Wochen später mehr oder minder authentisch präsentieren dürfen. Sendetermin? Kommt noch. Dauer? Mal sehen. Moderation? Bar… äh, noch nicht entschieden.

Uff, das war jetzt vielleicht ein wenig verwirrend – und trotzdem kommt uns das innovative Konstrukt, dieser radikale Neuanfang doch irgendwie bekannt vor…

Mal abgesehen vom ominösen Panel und der Expertenjury, die nunmehr international statt silbereisig daher kommt, gleicht das Konzept verdächtig dem letztjährigen Auswahlmodus. Auch wenn damals das Geld für lediglich zwei Finalsongs auf fünf Teilnehmern reichte. Aber nein, nein, nein… kontert der NDR: Es können sich ja nicht nur kleine mit der Handycam gefilmte You-Tube-Sternchen bewerben. Selbst gestandene Künstler seien eher bereit, sich der Endauswahl zu stellen, wenn sie erstmal die hinter verschlossenen Türen zelebrierte Europa-Panel-Entscheidung erfolgreich überstanden hätten. Mmmm.

Im Grunde genommen verkauft uns der NDR also den alten Kram in neuen Tüten, einzig mit der Ausnahme, dass er die Verantwortung nun auf ein vordergründig basisdemokratisch legitimiertes Entscheidergremium schieben kann. Doch unter uns ESC-Schwestern gesprochen, bleibt ihm denn überhaupt etwas anderes als die Castingnummer übrig? Nach drei selbst verschuldeten Final-Pleiten in Folge dürfte sich landauf, landab derzeit wohl schwerlich ein halbwegs ernstzunehmender Musiker, der das Etikett „deutsche ESC-Hoffnung“ tragen möchte, finden lassen. Statt dessen wird gecastet, bis das hochgelobte Panel schlapp macht, Ladenhüter Liedgut, das sonst niemand hören möchte, eingekauft und im hauseigenen NDR-Versuchslabor so lange gemixt, bis die Reagenzgläser kurz davor sind zu platzen und irgendeine abgestandene Eurovisionsplörre entstanden ist.

Doch wer weiß, ähnlich synthetisch hergestellte Produkte überraschten in der ESC-Historie immer mal wieder – zuletzt die vom eurovisionaer auch heute noch geliebte Lena Meyer-Landrut, deren Erfolg gleichsam formelhaft zusammengezimmert wurde. Ob es uns und dem NDR zu wünschen wäre?

Grafik: eurovisionaer


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Es is der da…

thomas d flickr teliko82Das Grundkonzept zur deutschen Vorentscheidung 2012 steht. Trotz des Abgangs von Stefan Raab wird ähnlich wie im ersten Durchlauf 2010, in dem Das Erste, ProSieben sowie diverse Radiosender Lena Meyer-Landrut suchten und fanden, nun „Unser Star für Baku“ gecastet.

Neuer Jury-Präsident wird Thomas D, der mit seiner Band „Die Fantastischen Vier“ und als Solokünstler zahlreiche Musikpreise, u. a. fünf Mal den „Echo“, erhalten hat. Er wird wie Raab in den Vorjahren als über allem schwebender Jury-Präsident und inhaltlich verantwortlicher Musik-Produzent das Jury-Team leiten. Und er nimmt ganz offensichtlich seine Sache ernst:

Präsident wollte ich schon immer werden! Bei diesem musikalischen Groß-Projekt mit dabei zu sein ist eine fantastische Aufgabe, auf die ich mich sehr freue und die ich sehr ernst nehme. Außerdem sehe ich besser aus als Stefan Raab.

Dann kann ja nix mehr schief gehen… Ob das Castingformat erneut den erwünschten Erfolg beim Song-Contest einfahren wird, oder die Teilnahme von „Ich bin Lena, ich bin 18 und ich komme aus Hannover“ sich doch auf lange Sicht als einzigartiger Glücksfall erweisen wird, soll sich dann zeigen. Aber so lange sich hierzulande national erfolgreiche Acts – anders als in vielen osteuropäischen Teilnehmerstaaten – dem Wettbewerb weiterhin verweigern, bleibt uns wohl nichts anderes übrig.

Wer also mal ein Star in Aserbaidschan werden will, kann sich ab sofort bewerben: Anmeldeformulare für die Castings in Köln können im Internet auf www.eurovision.de und www.tvtotal.de aufgerufen werden.

Foto: Flickr / Teliko82


Der eurovisionaer schmeißt nix weg - den verstaubten alten Kram gibt's hier...