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Hätte – Wäre – Fahrradkette

Man glaubt es kaum, aber selbst die heimische ESC-Blase ist für Überraschungen gut. Setzt sich doch gestern die etwas schnodderig wirkende Isabella Levina Lueen gegen den im Vorfeld favorisierten und deswegen wohl furchtbar unglücklich dreinschauenden Axel Feige durch. Und kann dabei auch noch mehr als passabel singen!

Und doch – glücklich macht sie die deutschen Fans nicht, die nunmehr den schwarz-rot-goldenen Hattrick beim Song Contest befürchten, nachdem sie – auf einer Welle des Defätismus reitend – Deutschland den dritten letzten Platz in Folge prognostizieren.

Wie kann das passieren? Es liegt nicht an Levina. Verglichen mit ihren vier Mitstreitern, die allesamt besser in einer Karaokebar, denn in einer Vorentscheidung aufgehoben gewesen wären, musste sie ganz einfach glänzen. Es war nämlich die erste Runde mit den Coversongs (und hier irrte sich der eurovisionaer im Vorfeld ganz böse), die wir rückblickend als Glücksfall bezeichnen dürfen. Dort wagte sich Levina an Adeles überlebensgroßes „When we were young“ heran und empfahl sich dem geneigten Publikum für höhere Contest-Ehren.

Doch dann musste sich die tapfere Bewerberin durch die beiden vom NDR zur Wahl gestellten Songs für Kiew quälen und das Drama nahm seinen Lauf. Herr Schreiber hätte es die Kombattanten fünfzig mal singen lassen können – „Wildfire“ und „Perfect Life“ waren und sind mit keinem Arrangement der Welt ESC-Hits, sondern allemal ganz okaye Albenfüller. Und dass die so ganz und gar nicht funky aufspielende Heavytones-Kapelle ihr Scherflein zur Katastrophe beitrug – schmeißen wir schnell das Mäntelchen des Schweigens drüber (schließlich hat sich der Blogger an anderer Stelle schon weiß Gott genug über deren mehr als überflüssige Anwesenheit aufgeregt).

Am Tag danach wird in den Fanforen wild diskutiert. Hätte sie doch bloß und wäre doch nicht – alles Makulatur. Selbst wenn der NDR plötzlich eine Überarbeitung des Titels andeutet (und so sein eigenes Konzept vollends in Frage stellen würde) – es wird nichts helfen. An dem Song ist nach ESC-Maßstäben nichts mehr zu retten, mag er auch genug Radioeinsätze und ausreichend Downloads generieren. Wieder einmal wird eine recht interessante Sängerin mit seicht dahinplätscherndem 08/15-Pop ins Verderben nach Kiew geschickt werden.

Gäbe es nicht Wichtigeres auf der Welt, einem jahrzehntelangen Fan wie dem eurovisionaer könnte es die Tränen in die Augen treiben. Schafft es der verantwortliche NDR doch schon seit Jahren, den ESC-Karren mit voller Wucht gegen die Wand zu fahren. Alljährlich werden andere, nicht den Hauch von Innovation versprühende Formate erprobt, werden die ach so wichtigen Major-Plattenfirmen hofiert und kübelweise durchschnittliche Radiomucke über die stets hoffenden Fans ausgeschüttet. Währenddessen hat es sich eine kleine Clique in der Redaktion des NDR ganz kuschelig gemütlich gemacht, zaubert sie doch seit gefühlten Ewigkeiten den immer gleichen deutschen ESC-Eintopf auf den Tisch. Den öden Warm-Upper von der Reeperbahn, das wenig Varianten kennende Kommentar-Gemurmel des einstmals ehrenwerten Herrn Urban, die Abschiebehaft der Song-Contest-Semis auf irgendwelche Spartenkanäle. Und. Und. Und.

Es reicht. Den Verantwortlichen – und damit leider auch der smarten Levina – ist für Kiew kein Glück zu wünschen, damit dieses Gemurkse endlich mal ein Ende hat. Denn eins hat das gestrige Vorentscheidungsfanal eindrucksvoll bewiesen: der ESC verfügt in diesem Land – auch außerhalb der Kölner Fernsehstudios – über ein eigentlich beachtliches Potenzial: über eine wunderbar enthusiastische, treue Fanbase; über Social-Media-Kanäle, die randvoll mit eurovisionären Diskussionen sind; selbst über eine heimische Presse, die (erinnern wir uns an die Lena-Euphorie) nur darauf wartet, ein Eventfeuerwerk wie zum Beispiel im festivalverwöhnten Schweden zu entzünden. Diese Reserven wird die bestehende NDR-Mannschaft niemals nutzen.

Oder, wie es die stets loyale Barbara Schöneberger gestern ganz nebenbei richtig formulierte: Macht den Eurovision Song Contest endlich richtig groß in Deutschland!


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Unsere beiden Songs

Nicht nur Lena Meyer-Landrut wird heute Abend ein Déjà-vu erleben, weiß sie doch, was passiert, wenn die Heavytones einen potentiellen ESC-Song in die Finger kriegen. Doch anders als vor sieben Jahren, als die Combo „Satellite“ in die Mangel nahm und der treue Vorentscheidungszuschauer auf der Basis der Live-Versionen eine schwere Wahl treffen musste, glänzt das dieser Tage nicht nur an dieser Stelle heftig kritisierte Format „Unser Song“ ausnahmsweise mit einer lobenswerten Vorabveröffentlichung aller 2017-er Studioversionen. Der Blogger empfiehlt: reinhören! Denn offensichtlich liegen bei manchen Arrangements Welten zwischen Live- und Studiofassung.

Weiterhin problematisch allerdings bleibt der Umstand, dass heute nur fünf der zehn Lieder überhaupt ihre TV-Premiere erleben werden (dem dösigen NDR-Wertungsmodus sei Dank). Wer die Eurovisionscommunity kennt, der ahnt: Fetter Ärger dürfte vorprogrammiert sein, wenn sich nach der ersten nächtlichen Euphorie morgen herausstellen sollte, dass ein ganz besonderes Juwel erst gar nicht in die Zwischenauswahl kam. Wobei – so dolle ist die Wahl zwischen Pest und Cholera das musikalische und gesangliche (Sonder-)Angebot letztlich nun auch wieder nicht.

Der eurovisionaer wünscht einen hoffentlich KURZweiligen Fernsehabend!


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Präfaktisches Wissen zu „Unser Song 2017“

  • Am 9. Februar geht’s um 20.15 Uhr los.
  • Die gesamt Show dauert 3 Stunden.
  • Die mittlerweile jedem ESC-Fan zwischen Hammerfest und Gibraltar vertraute Barbara Schöneberger moderiert den Wahnsinn in Zahlen.
  • 5 Kandidaten (Yosefin Buohler, Axel Maximilian Feige, Felicia Lu Kürbiß, Isabella „Levina“ Lueen, Helene Nissen) wollen unser Star für Kiew werden.
  • Den gesamten Abend über kommentiert die Jury (Lena Meyer-Landrut, Tim Bendzko, Florian Silbereisen) jeden einzelnen Auftritt, um die Zuschauer zu beeinflussen. Offiziell hat ihre Stimme aber keine Relevanz.
  • Jeder Anruf kostet den entscheidungsfreudigen Zuschauer 14 ct.
  • Die beim Blogger schlecht gelittenen Heavytones begleiten die Sänger und Sängerinnen live im Kölner Studio.
  • In Runde 1 covern die 5 Teilnehmer einen Song ihrer Wahl (egal, ob Eurovision oder sonst ein Kram), 2 sind sofort raus, ehe es überhaupt um den ESC-Beitrag geht.
  • Ab jetzt gibt es 2 brandneue Melodien für Kiew, die der NDR für teures Geld eingekauft hat.
  • Nach voraussichtlich 45 Minuten sackt die Quote der Sendung in den Keller.
  • Die 2 Songs heißen „Wildfire“ und „Perfect Life“.
  • Lindy Robbins, Dave Bassett und Lindsey Ray haben „Perfect Life“ verbrochen. Der Song liegt ihnen besonders am Herzen.
  • Zwischendurch singen die unvermeidliche Ruslana, Conchita und Nicole Grand-Prix-Klassiker
  • Die internationale ESC-Community darf mitwerten, allerdings gilt ihr Votum nur als Empfehlung für den deutschen Televoter.
  • Runde 2: 3 Kandidaten singen den ersten Titel in verschiedenen Versionen, 1 Sänger scheidet aus.
  • Hinter „Wildfire“ stehen die Norwegerin Marit Larsen, Greg Holden und Tofer Brown. Sie behaupten „ihr Lied sei ein kleines Juwel“.
  • Weil Ruslana ewig Lang die Schönheiten der Ukraine lobpreist, wird die Sendezeit um 2 Stunden überzogen. Nicole muss ihren Tisch beim Italiener absagen.
  • Runde 3: 2 Kandidaten singen den zweiten Song.
  • Runde 4: Das Televoting hat entschieden, welcher Sänger mit welchem Song aus Runde 3 und 4 am besten gefallen hat. Diese beiden (Songs oder Sänger) dürfen jetzt im klassischen Superfinale noch einmal ran; der Zuschauer entscheidet, welches Paket ihm am besten gefällt.
  • Nach dem ganzen Theeeee-ater, Theater stehen Titel und Interpret für Kiew fest (sofern er / sie nicht zurückzieht).
  • Wenn nicht ein Wunder geschieht, wird der Song beim ESC abschmieren und nicht einmal ein Radiohit in Deutschland werden.
  • Nach diesem ausgeklügelten, aber von niemandem mehr nachvollziehbaren Vorentscheidungsmodus streicht der NDR vollends die Segel. Ab 2018 darf sich dann der WDR um den blöden ESC-Scheiß kümmern.
Foto: eurovision.de


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Der NDR hat gefunden

„Heureka!“ rief der Unterhaltungskoordinator der ARD, Thomas Schreiber, nachdem sich vor wenigen Tagen das im stillen Kämmerlein tagende Gremium des NDR auf die fünf glücklichen, aber bislang unbekannten Kandidaten für den deutschen Vorentscheid 2017 geeinigt hatte.

Hätte ihn doch die plötzliche, freudige Erkenntnis schon Monate zuvor ereilt, als es darum ging, ein neuartiges Konzept für die diesjährige Vorauswahl zu entwickeln! Denn man muss kein notorischer Miesepeter sein, um das Format, was uns nun am 09. Februar erwartet, sagen wir mal mit Argwohn zu betrachten.

Nach den internationalen Pleiten in 2015 und 2016 (Deutschland stand bekanntermaßen zweimal in Folge auf dem letzten Platz des Tableaus) sollte alles besser werden. Vergessen war der hochnotpeinliche und letzten Endes gescheiterte Versuch, mit Xavier Naidoo einen Etablierten der nationalen Musikszene zu verpflichten. Vergessen ebenso die über mehrere Jahre praktizierte Einbindung der Major-Plattenfirmen, die die Veranstaltung vornehmlich dazu missbrauchten, Alben- oder Ticketverkäufe ihrer Künstler zu pushen, an der Marke ESC aber wenig Interesse zeigte.

Da war es naheliegend, in Erinnerungen an die glorreichen Tage zu schwelgen, als ein junges Mädchen aus Hannover die gesamte Nation in einen Song-Contest-Freundentaumel versetzte. Bääääm! – schon war die Lösung für 2017 geboren: Eine Castingshow soll’s richten. Nicht der allseits bekannte Künstler, sondern das eigentliche Herzstück des Wettstreits – das Liedgut – rückt in den Mittelpunkt der heimischen Vorbereitung. Grundsätzlich löblich.

Mittlerweile wissen wir, dass der NDR ganze zwei Songs auf dem europäischen Markt ersteigerte. Diese ZWEI Songs werden jene nun ausgewählten Talente am 9. Februar in unterschiedlichen Versionen zu Gehör bringen. That’s it – eine Formel, die einen anstrengenden Fernsehabend verspricht.

Hinzu kommt, dass – schaut man sich in einem Anfall von Masochismus die schauderlichen Speed-Dating-Interviews auf eurovision.de an – es zwar keinem der Finalkandidaten an gesanglichen Qualitäten mangelt, wohl aber an einer ordentlichen Portion Persönlichkeit. Und machen wir uns nichts vor, gerade Individualität war es, mit der das eher durchgeknallte Fräulein Lena damals in Köln und später in Oslo für Aufmerksamkeit sorgte.

2017 dagegen verspricht biedere bundesdeutsche Normalität und keine Wiederholung des 2010er Glücksgriffs. Einzig die erstmals in einer nationalen Vorausscheidung eingesetzte Eurovisions-App könnte noch für Überraschungen sorgen. Mit ihr dürfen im Netz zuschauende ESC-Fans aus ganz Europa zwar nicht mit entscheiden, wohl aber ein hoffentlich profundes Meinungsbild abgeben.

Mögen sie uns also einen glorreichen Ausweg aus diesem absehbar wenig glamourösen Vorentscheidungsdilemma weisen!

Grafik: eurovisionaer


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Deutschland im Mittelmaß

Jamie-Lee | Ghost

Video Web

Auch wenn es unbeirrte Fans tausendmal wiederholen… eine zweite Lena haben wir in Stockholm leider nicht am Start. Denn die viel zitierten Parallelen funktionieren nicht wirklich. Anders als das charismatische Fräulein Meyer-Landrut ist und bleibt die kleine Jamie-Lee ein The-Voice-Kunstprodukt, das den ESC allenfalls als karriereverlängernde Maßnahme mitnimmt. Der viel beschworene Hannover-Mythos? Scheibenkleister! Frau Kriewitz stammt aus Springe, von dort fährt man schon ne gute halbe Stunde in die niedersächsische Metropole. Und das Wichtigste: Ein Blick in die heimischen Charts genügt, um zu sehen, dass „Ghost“ die Deutschen weit weniger flasht als das legendäre „Satellite“.

Und trotzdem: nach dem völlig mißglückten Naidoo-Coup und der an Peinlichkeit kaum zu überbietenden Vorentscheidungsalternative Alex Diehl ist die kleine Mangafee eine okaye Wahl. Schließlich wird sie mit definitv mehr Punkten als die zuletzt kläglich gescheiterte und vom ESC-Hof mit Schimpf und Schande verjagte Ann-Sophie nach Hause fahren dürfen (dem neuen EBU-Wertungsprozedere sei Dank). Und das ist in diesem Jahr alles, was für uns Deutsche zählt. Schämen müssen wir uns also nicht – Mittelmaß ist ja auch ganz schön.

Bestes Mal: Lena Meyer-Landrut | Satellite

Letztes Mal: Ann Sophie | Black Smoke


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Wer wird ULFS?

Es ist soweit. Heute Abend will der NDR das unsägliche Naidoogate vergessen lassen und schickt daher zehn mehr oder weniger etablierte Künstler in das Rennen um das deutsche Ticket für den Eurovision Song Contest 2016.

Aus Erfahrung klug geworden, verzichten die Organisatoren gänzlich auf irgendeine Jury (über die im Anschluss garantiert eine wild gewordene Horde von Social-Media-Usern hergefallen wäre) und legen das Schicksal der Veranstaltung einzig in die Hände der Zuschauer. Diese dürfen per Telefon, SMS und erstmals auch per App für ihre Favoriten abstimmen. Und das gleich zweimal, denn die drei Erstplatzierten werden erneut in ein Superfinale geschickt, über das dann der endgültige Televotingsieger bestimmt wird. Sollte ausnahmsweise alles glatt gehen (jeder Künstler musste eine Erklärung unterschreiben, bloß keinen Kümmert zu machen) ist der Zauber, durch den die unverwüstliche Barbara Schöneberger geleitet, um 22.15 Uhr vorbei.

Und ob dann tatsächlich das Manga-Sternchen Jamie-Lee als glückliche Gewinnerin fest stehen sollte, wie es ihre aufgeregten Fanboys seit Monaten in die Welt krähen, oder doch die Meat-Loaf-Gedächtnis-Bombastnummer – wir werden am Ende dieser beispiellos peinlichen deutschen Vorentscheidungssaison endlich Gewissheit haben und einen Deckel auf das Drama der vergangenen Monate machen dürfen.

Alex Diehl – Nur ein Lied
… beweist, wie schnell man in den erlauchten Kreis deutscher Vorentscheidungsteilnehmer aufgenommen werden kann. Als spontane Reaktion auf die Terroranschläge in Paris hatte der bayerische Singer-/Songwriter im November letzten Jahres sein Nicole-Gedächtnis-Rührstück „Nur ein Lied“ geschrieben, flugs mit der Handykamera aufgenommen und auf Facebook hochgeladen.

Avantasia – Mystery of a blood red rose
… reklamieren handgemachte Rockmusik für sich, versteigern sich dann aber eher in Bombastklänge, an denen der selige Jim Steinman seine helle Freude hätte. Sänger Tobias Sammet ist der Kopf der erfahrenen Band, die bereits internationale Charterfolge aufweisen kann. Ob das Experiment gelingt, die Rockfraktion mit dem ESC zu versöhnen, wird sich zeigen. Möglicherweise erleben wir lediglich eine moderne Variante von Dschingis Khan.

Ella Endlich – Adrenalin
… war eingefleischten Schlagerfans bislang als studierte Musicalkünstlerin und Interpretin der Titelmelodie des Films „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ bekannt. Nun aber hat sie offensichtlich nachsitzen und pausenlos Helene-Fischer-Hits anhören müssen, denn ihren Beitrag „Adrenalin“ kann sie seitdem nicht mehr von „Atemlos“ unterscheiden. Dem Publikum heute Abend wird es wahrscheinlich ähnlich gehen.

Gregorian – Masters of chant
… wurde aus der NDR-Schublade „Irgendwas mit Verkleidung“ gezogen. Nach den Priestern, Seeleuten, Mittelaltergaucklern und Mongolen werden nun halt Mönche auf die Bühne geschoben. Dem eurovisionaer unbegreiflich, können sie mit diversen Gold- und Platinauszeichnungen gar auf stattliche Erfolge als Coverband bekannter Hits verweisen. Dem Himmel sei dank, dass sie für die heutige Entscheidung keinen weiteren Chartbuster verwursten dürfen, sondern – den ESC-Regeln entsprechend – ein eigenes Chorwerk an den Start bringen müssen.

Jamie-Lee Kriewitz – Ghost
… ward hochgelobt und gewann im Dezember den Wettbewerb „The Voice Of Germany“. Überraschenderweise schaffte sie im Anschluss mit ihrem Siegertitel „Ghost“ nur Platz 11 der heimischen Verkaufscharts und tourt seitdem mit der Voice-Clique durch Deutschland. Das erklärt vielleicht, warum sie für den ESC keinen neuen Song eingereicht hat. Oder fehlt der 17-jährigen Künstlerin vielleicht doch ein längerer Atem?

Joco – Full moon
… sind zwei studierte Schwestern, die vorgeben, Indie-Pop zu machen und gleichsam damit angeben, ihr im vergangenen Jahr erschienenes Debut-Album „Horizon“ in den Abbey Road Studios London aufgenommen zu haben. Das dürfte in der ESC-Welt allerdings nur lahmes Schulterzucken hervorrufen, folglich gilt ihr Titel „Full Moon“ schon im Vorfeld als Aspirant auf den letzten Platz.

Keøma – Protected
… ist ein deutsch-australisches Duo, dessen Debüt-Album ebenfalls soeben erschienen ist. Gitarre, Bass, Synthies und Gesang sind die Grundzutaten ihrer Musik, mit der sie ein weltoffenes und modernes Deutschland repräsentieren wollen. „Protected“ ist wunderschön chillig und folglich für nächtliche Autofahrten hervorragend geeignet, es dürfte jedoch leider im bunten ESC-Angebot hoffnungslos untergehen. Oder?

Laura Pinski – Under the sun we are one
… ist das neue Mäuschen von Ralph Siegel, der erstmals seit 2005 wieder zu einer deutschen Vorentscheidung eingeladen wurde. Das findet der eurovisionaer ganz lieb vom NDR, auch wenn das musikalische Schaffen des Grand-Prix-Urgesteins mittlerweile niemanden mehr vom Hocker haut. So auch das gewohnt hymnisch-sülzige Tralala „Under the sun we are one“, das die Düsseldorferin, die – man glaubt es kaum – angeblich gar schon einmal im Supertalent-Finale stand, heute zum besten geben will.

Luxuslärm – Solange Liebe in mir wohnt
… kommen aus Iserlohn, was die Band, die sich gerne wie Silbermond anhören möchte, verdächtig unhip erscheinen lässt. Doch immerhin haben die Musiker um Sängerin Jini Meyer bereits eine ECHO-Nominierung, die „1LIVE Krone“ sowie den vierten Platz beim Bundesvision Song Contest im Gepäck, da müssen sie sich wohl auch nicht mehr vor dem ESC fürchten. Und selbst wenn es in der Vorentscheidung schief gehen sollte, so wird der exponierte Fernsehauftritt für gehörige Promotion des gerade veröffentlichten neuen Albums sorgen. Danke Universal für so viel Uneigennützigkeit!

Woods of Birnam – Lift me up (from the Underground)
…ist ein Projekt des Schauspielers Christian Friedel (u. a. „Das weiße Band“) und Musikern der Gruppe Polarkreis 18, dem One-Hit-Wonder aus dem Jahr 2008. Ausgerechnet Til Schweiger haben sie ein wenig Bekanntheit zu verdanken, gehörten sie doch zum Soundtrack seines Films „Honig im Kopf“. Auf ewig lässt sich davon aber wohl auch nicht leben und so wagen sich die intellektuellen Softrocker zum deutschen Song Contest. Allerdings – eine Direktnominierung wäre in diesem Fall wohl sinnvoller gewesen, denn für den internationalen ESC durchaus kompatibel, dürften sie entsprechend der Televoting-Gewohnheiten der bundesdeutschen Fernsehzuschauer die erste ULFS-Runde nicht überstehen.

Grafik: eurovisionaer


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Alles ist gut

Die liebe Seele hat Ruh! Was nach dem Naidoo-Disaster kaum einer für möglich gehalten hätte, ist wahr geworden: der NDR und die deutsche ESC-Anhängerschaft sind auf alle Ewigkeit für’s Erste ausgesöhnt!

Zuerst wurde geshitstormt was das Zeug hielt, Song-Contest-Teilnahme und Verschwörungstheorien eines Mannheimer Sängers gingen so rein gar nicht zusammen (fand auch der eurovisionaer). Dann wurde gemeckert, dass der NDR das nach nur zwei Tagen ebenfalls so sah. Anschließend wurde gequengelt, dass Alternativkonzepte für eine 2016-er Vorentscheidung so lange auf sich warten ließen. Und zwischendurch die Schose mit der gefakten Liste (für die der NDR aber nix konnte…). Doch nun ist alles gut.

Eben jener NDR, der noch im November zum Gespött der Nation geworden war, legte gestern ein Teilnehmerverzeichnis auf den Tisch, mit dem er nahezu alle Wünsche der Fans auf einmal erfüllte. Das süße Manga-Girlie Jamie-Lee wollt Ihr? Sollt ihr kriegen! Ordentliche Sendezeit? Erledigt: zwei Stunden! Die Barbara soll’s wieder richten? Gebongt! Schlager? Gerne! Ralph Siegel aus’m Exil holen? Na gut! Einzig die von einigen Hardcore-Nervensägen als Göttin angebetete Helene fehlt. Entschuldigt, denn das wäre wohl zu viel des Guten gewesen.

Nun reicht das musikalische Spektrum vom Bombastrock über Indiesounds bis hin zum lang verschmähten Tralala. Fragt sich nur, warum der NDR früher für eine weniger abwechslungsreiche Ausbeute nahezu sechs Monate Vorbereitungszeit einkalkulierte. Schwamm drüber.

Denn der Rest ist wie immer: Mit der Meldung der hoffnungsvollen Kandidaten werden mal wieder nur vier der insgesamt zehn Beiträge veröffentlicht. Die anderen Songs, äh… Lieder, sollen der Öffentlichkeit kleckerweise präsentiert werden. Und: Erneut ist die Redaktion vom Wohlwollen der Plattenfirmen, deren Promotionterminen und Single- oder LP-Veröffentlichungen abhängig. Doch was soll man anderes erwarten, wenn Brainpool-Hipster gemeinsam mit den Label-Managern abhängen? Eine ohrenschmalzerweichende musikalische Granate, die in irgendeiner Schublade nur darauf gewartet hat, endlich zum trendigen ESC entsandt zu werden?

Einzig das vorsichtig als innovativ zu betitelnde Konzept, Ideen zur Inszenierung der Künstlerauftritte von Studenten der deutschen Film- und Kunsthochschulen einfließen zu lassen, verdient Beachtung. Denn augenscheinlich hat es sich mittlerweile selbst bis Hamburg herumgesprochen, dass der im vergangenen Jahr siegreiche Måns Zelmerlöw ohne seine Comic-ClipArt-Installation zwar mehrere Blumentöpfe, nicht aber unbedingt den ESC gewonnen hätte.

Doch bei so viel Glückseligkeit allerorten will auch der eurovisionaer keine miese Stimmung verbreiten. Er stellt heute um 19.12 Uhr lediglich fest, dass er den Hype um eine kleine TVOG-Gewinnerin nicht nachvollziehen und die Ergriffenheit für einen kalkulierten Pseudo-Polit-Protest-Song nicht teilen mag. Bleibt ihm (vorerst) nur die pompöse Meat-Loaf-Gedächtnis-Nummer, die leider satte 35 Jahre zu spät kommt. Sei’s drum.

Foto: Pixabay


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Hurra, wir bekommen einen kleinen ULF!

Anfang der Woche hat sich der Naidoo-posttraumatisierte NDR aus der Deckung getraut und so etwas wie eine Pressemitteilung fabriziert. Inhalt: so gut wie keiner, denn vornehmlich zeigt sich der Sender genervt, dass mittlerweile gelangweilte ESC-Fans eigene Teilnehmerlisten im Netz verbreiten. Und diese dann auch noch so geschickt frisieren, dass selbst die deutsche Journaille darauf hereinfällt. Der Rest der Hamburger Info lässt sich in wenigen schlappen Stichworten wie folgt zusammenfassen:

Was wir nun sicher wissen:

  • Es wird einen öffentlichen Vorentscheid geben.
  • Dieser findet am 25. Februar 2016, einem Donnerstag, irgendwo in Köln statt.
  • Das Erste zeigt die Show „ULFS – Unser Lied für Stockholm“ live ab 20.15 Uhr und legt aus lauter Freude gar noch einen Livestream oben drauf.
  • Weitere Breaking-News wird der gestresste NDR in Kürze bekanntgeben.

Was wir nicht wissen:

  • Welcher Künstler hat ein wenig Medienaufmerksamkeit nötig bzw. konnte nach der Kümmertschen Devise „Melde dich erst einmal an und dann schauen wir weiter“ überredet werden?
  • Wie viele willige Teilnehmer wird es überhaupt geben? 6? 10? 28?
  • Wer verkauft uns die Schose? Funktioniert das NDR-Netzwerk und muss die unermüdliche Barbara Schöneberger erneut ran?
  • Gibt es ein Televoting oder wird zum Ende der Sendung der ARD-Rundfunkrat sein Votum abgeben?

Was wir gar nicht erst hoffen wollen:

  • Brainpool ist für die Liedauswahl zuständig und offeriert uns 10 hoffnungsvolle Talente: verträumte Girlies, die von den Majors gerade unter Vertrag genommen wurden, weil sie eine Gitarre besitzen und erste Videos auf ihren Youtube-Kanal hochgeladen haben.
  • Damit die musikalische Ausgewogenheit halbwegs gegeben ist, hat ein kleines Schlagerlabel wahlweise noch eine Mittelalter-, Seefahrer- oder Priestercombo im Angebot.
  • Barbara ist nach dem letztjährigen Fiasko die Lust vergangen, ihr Gesicht noch einmal für so ein Gemurkse hinzuhalten. Daher muss mal eben kurzfristig irgendein Tagesschausprecher oder halt ne Lottofee die Moderation übernehmen. Notfalls steht Axel Bulthaupt zu Verfügung.
  • Helene mag sich die ganze NDR-Hudelei nicht mehr antun und sagt zähneknirschend in letzter Minute zu…
Foto: Evan-Amos


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„… alles sehr unglücklich gelaufen“

so fasst Volker Herres, Programmdirektor der ARD laut Welt am Sonntag das bundesdeutsche ESC-Drama um Xavier Naidoo zusammen:

„Xavier Naidoo hat mehrfach Äußerungen getätigt, die man nicht gutheißen kann und missbilligen muss. Ich hätte es begrüßt, wenn diese Diskussion ARD-intern hätte geführt werden können, bevor mit der Nominierung Fakten geschaffen wurden.“

Hätte, wäre, Fahrradkette. Fakt ist: Der NDR hat innerhalb von zwei Tagen ein mediales Schlamassel à la Grandeur aufs Parkett gelegt, von dem sich alle Beteiligten so schnell nicht erholen werden. Denn nachdem 48 Stunden lang die Sozialen Netzwerke ob der Auswahl Xavier Naidoos explodierten, rüsten seit der Rückrufaktion des NDR am frühen Samstagnachmittag nun die Naidoo-Befürworter verbal auf.

Ganz offensichtlich sind es besorgte Bürger, die jetzt den schändlichen Shitstorm der „Twitter-Hater“ als Ursprung des Dilemmas ausmachen und blitzschnell Vokabeln wie „Schwulenmafia“ bzw. „Gutmenschen“ in die Forentasten hauen. Fehlt eigentlich nur noch der mehrstimmige Abgesang auf die „Lügenpresse“.

Dumm nur, dass sie Ursache und Wirkung verwechseln, wenn sie dem angeblich linken Internet-Mob nun vorwerfen, dieser ignoriere demokratische Prozesse. Also noch einmal von vorne: Zu Beginn war es der Alleingang des NDR, Xavier Naidoo als Resultat einer Hinterzimmerentscheidung zu nominieren, der die ganze Aufregung ins Rollen brachte. Erst danach kam die für viele ESC-Fans unerträgliche Einsicht, dass gerade dieser Sänger sich nicht von rechtsradikalen und homophoben Verstrickungen klar distanzieren mochte. Und das in Zeiten, in denen die abendlichen Spaziergänge mancher Bürger dieses Landes zu einem scheußlichen Ritual geworden sind.

Allerspätestens an dieser Stelle hätte man kurz innehalten und überlegen können, ob wir uns mit dem auserkorenen Kandidaten wirklich einen Gefallen tun. Statt dessen wurde gewitzelt. Brauche ein Künstler eine politisch-korrekte, lupenreine Weste, wenn er doch eh nur drei Minuten trällern solle?

Natürlich braucht es die, denn der ESC ist längst auch ein Politkum, so unerhört das sein mag. Conchitas Bart, die plötzliche Ablehnung Russlands in den vergangenen zwei Jahren, die Diskussion um Baku als Veranstaltungsort sind hierfür nur einige Beispiele der jüngsten Wettbewerbshistorie. In Stockholm wären Naidoos verbale Entgleisungen, kaum aber sein Liedgut Thema der europäischen Presse gewesen – übrigens auch ohne Mitwirkung der hiesigen „Hater“.

Folglich ist es richtig gewesen, die Reißleine zu ziehen. Dass es überhaupt dazu kommen musste, unterstreicht die aus deutscher Sicht beispiellose ESC-Katastrophe. Mit beiden Entscheidungen sorgte der NDR dafür, dass der Song Contest hierzulande mittlerweile endgültig zur Lachnummer verkommen ist.

Da dürfte es wenig helfen, schnell einen anderen ARD-Sender oder gar das ZDF zu beauftragen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Was sich der Norddeutsche Rundfunk – und eben nicht der so genannte Twitter-Mob – da eingebrockt hat, muss er jetzt alleine auslöffeln. Und das könnte schwierig werden, schließlich dürfte der Großteil aller bislang halbwegs interessierten Künstler längst auf dem Baum sein, um in diesem Schmierentheater bloß nicht den Lückenfüller zu geben.

Bliebe als halbwegs vernünftige Lösung nur der komplette Rückzug, um dann – 2017 – mit unbelasteten Verantwortlichen und frischen Konzepten einen Neustart zu wagen. Allein, der EBU wiederum dürfte diese Variante nun gar nicht gefallen, schließlich ist Deutschland der potenteste Nettozahler der Veranstaltung. Fällt sein Beitrag weg, wird es für alle anderen viel teurer und damit für einige unmöglich, überhaupt noch teilzunehmen.

Tja, „unglücklich gelaufen“ ist in diesem Kontext wohl die Untertreibung der Saison.

Grafik. Vince / CC BY-ND 2.0


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Schön sind wir sowieso

Noch Tage nach der fetten Blamage ist die Zero-Points-Bauchlandung der deutschen Vertreterin Ann Sophie Thema der heimischen Berichterstattung. Doch das einhellige bundesrepublikanische Lamento über die ESC-Höchststrafe und die sich anschließende Selbstbeweihräucherung nerven den eurovisionaer mit jeder Zeile, die er liest. Pech habe sie, die nationale Hoffnung, gehabt, toll und professionell sei sie gewesen und der Song selbstredend von ausnehmender Qualität. Und trotzdem war das alles nicht gut genug für Europa?

Es ist erbärmlich, jetzt darüber zu streiten, wer von den beiden Null-Pointern, ob Österreich oder Deutschland, nun auf den letzten Platz gesetzt werden sollte. Es ist verräterisch, wenn sich plötzlich eine für unser Selbstverständnis typische Diskussion damit beschäftigt, ob das Punktesystem noch zeitgemäß ist, wo es uns doch lange Jahre einen feuchten Dreck geschert hat. Es werden Rechenspiele betrieben, die in ihrer Absurdität kaum zu unterbieten sind: Nur um den Preis, dass die deutsche Sirene bei irgendeinem irgendwo um einen unauffälligen Platz 20 gerankt wird und die nationale Schande offenbar ein wenig erträglicher ist? It sucks!

Ebenso wie der Urbansche Kommentar in jener Nacht, der erst die Blaupause für alle sich anschließenden Rechtfertigungsbemühungen einer aus deutscher Sicht von Anfang an verkorksten ESC-Saison abgab. Denn auch der vertraute ESC-Flüsterer stotterte sich wie gewohnt durch seine Kommentarkarten, um völlig erschrocken zu konstatieren, dass in dem 27-er Feld einfach viel zu wenige Punkte verteilt wurden, um die Deutschen in ihrer Gier nach internationaler Anerkennung halbwegs zu befriedigen. Dass die wieder einmal nichts gewagt hatten, dass die “modernen” Sounds, die er bei der lettischen Aminata noch hochtrabend (und recht gönnerhaft) gelobt hatte, bei der nationalen Vorentscheidung in Personae der Ladiesband Laing aber überhört bzw. abgestraft wurden – egal.

Statt dessen wurde in bekannt großmännischer Manier auf alles eingeprügelt, was sich noch schlechter als das heimische Angebot gerierte. Großbritannien, laut Herrn Urban die führende Popnation Europas, schickte statt eines angeblich in London an jeder Ecke zu findenden zeitgemäßen Popacts eine lahme Swingkopie in Österreichs Hauptstadt. Russland wußte er – ganz regierungskonform – als scheinheiligen Putinschen Friedensappell zu verunglimpfen, um sich kurze Zeit später über die mittlerweile ach so böse Song-Contest-typische Verquickung von Unterhaltung und Politik zu empören. Peinlich.

Der eurovisionaer hätte genügend Grund gehabt, in diese Ätzerei einzustimmen – scheiterten doch an jenem Finalabend all seine Favoriten aus Slowenien, Estland und Norwegen ebenso an ihren eigenen Ansprüchen wie auch die von Kümmerts Gnaden Getriebene. Doch was nutzt es, auf beleidigte Leberwurst zu machen oder die Besserwisserkeule zu schwingen? Nichts! Der ESC ist halt jedes Jahr auf’s Neue ein Spiel mit Gewinnern und Verlierern, das – niemals gerecht und stets von persönlichen Geschmäckern abhängig – trotzdem unbändigen Spaß macht.

Wer jedoch in diesem erlesenen Kreis hochdotierter Player einigermaßen sympathisch rüber kommen möchte, sollte sich vielleicht, lieber NDR, hinsichtlich der (subjektiv empfundenen) Ungerechtigkeiten dieser Welt bedeckt halten und sich in seinem Unmut zuallererst mal an die eigene Nase fassen.

Foto: eurovisionaer


Der eurovisionaer schmeißt nix weg - den verstaubten alten Kram gibt's hier...