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Sparsame Iren

Nicky Byrne | Sunlight

Video Web

Wirkliche Karrierechancen bietet das irische Fernsehen: Nicky Byrne, der in den letzten drei Jahren noch den Punkteaufsager beim ESC machte, darf für sein Heimatland endlich auch auf die große Eurovisionsbühne! Keine allzu große Überraschung, denn über eine mögliche Teilnahme des schmucken Ex-Westlife-Sängers wurde seit längerem öffentlich spekuliert, eben wegen seiner langjährigen Geschäftsbeziehung zu RTE. Nun also wird der unverschämt knackig gebliebene Boybandstar in Stockholm die radiofreundliche 08/15-Popnummer „Sunlight“ zum Besten geben, für die er neben Wayne Hector und Ronan Hardiman auch als Autor verantwortlich ist – und der heimatliche TV-Sender spart sich die Kosten für eine nationale Vorentscheidung.

Schade eigentlich, denn RTE verzichtete damit erstmals seit 2008 auf sein bewährtes Miniformat „Eurosong – The late late Show“, das dem eurovisionaer besonders in den letzten beiden Jahren ein außerordentlich kultiges Vorentscheidungsvergnügen bereit hatte. Doch nach den eher durchschnittlichen Ergebnissen der jüngsten Vergangenheit wurde es wohl Zeit, etwas Neues zu wagen, so der verantwortliche HoE John McHugh:

„Der internationale Wettbewerb entwickelt sich ständig weiter und RTÉ muss flexibel bleiben, wenn wir vorankommen wollen. Für viele andere Länder hat sich die Direktnominierung als Schlüssel zum Erfolg erwiesen, daher denken auch wir, dass sie uns in diesem Jahr die besten Möglichkeiten eröffnet.“

Ob Irland den ambitionierten Schweden in Sachen Rekordsieger eins auswischt und 2016 den dann achten ESC-Triumph einfährt, darf – Erfolgsformel hin oder her – jedoch ernsthaft bezweifelt werden.

Bestes Mal (u.a.): Johnny Logan | Hold me now

Letztes Mal: Molly Sterling | Playing with Numbers


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Irelande douze Points

Eins muss man den Iren lassen, sie wissen, wie man aus einem sturzlangweiligen Abend eine fette Party macht! Ausgangspunkt: Das kleine Studio der „Late, late Show“. Es dient wie in jedem Jahr als Austragungsstätte des nationalen Finales „Eurosong“, bei dem aus wenigen handverlesenen Wettbewerbsbeiträgen der Hammersong für Wien gefischt werden soll. Traditionsgemäß darf bei diesem Pflichttermin natürlich niemals Linda Martin fehlen, die als Chefin eines Expertenpanels verknöcherter Altstars die Kandidatenvorträge routiniert kommentiert und selbstredend alljährlich aufs Neue lamentiert, dass die bösen Osteuropäer die Eurovision gekapert hätten und nichts mehr so sei wie in den guten, alten, goldenen Tagen, als Irland einen Sieg nach dem anderen einfahren konnte. Ihr zur Seite sekundieren die offensichtlich stadtbekannte Drag-Queen Miss Panti Bliss (wohl auch, um Petra Mede eines Besseren zu belehren, wer denn nun die Tunte im Haus sei), irgendeine Radiomoderatorin sowie der leibhaftige Phil Coulter, Mastermind der Steinzeit-Evergreens „Congratulations“ und „Puppet on a String“.

Dann endlich werden die fünf hoffnungsvollen Talente, die RTE im Vorfeld in offensichtlich wochenlangen Castings ausgesucht hatte, auf eben jene Jury losgelassen. Die argumentiert zuerst noch recht höflich, dann aber reisst auch den Mentoren der Geduldsfaden und sie lassen kein einzig gutes Haar mehr an der öden, international chancenlosen Auswahl 2015. Lediglich Darling Linda bemüht sich zwischendrin um ein paar warme Worte, der geschulte „Eurosong“-Fan jedoch kann ihr die Verzweiflung ansehen, wie hier mit ihrem eurovisionären Erbe umgegangen wird. Was also anstellen mit diesem verkorksten Abend?

Das irische Auditorium – gepusht von unzähligen Einspielern, die an die grandiosen Siegertitel der Vergangenheit erinnern – schaltet angesichts der erneut absehbaren nationalen Katastrophe kurzerhand in den Feiermodus und singt sich ganz einfach den Frust von der Seele. Zuerst im Rahmen einer Art Pub-Quiz, bei dem lokale Größen Songcontest-Klassiker mit Unterstützung des mittlerweile rasenden Publikums anstimmen müssen, was selbst den eurovisionaer nach anfänglicher Skepsis köstlich amüsiert.

Und um dem noch eins drauf zu setzen, schiebt RTE gleich ein Sing-Off hinterher. Zwei Zuschauer, Norman und Pat, augenscheinlich ergebene Eurovisionsanhänger, schmettern für jeweils ihre Publikumshälfte – was wohl ? – natürlich „Hold me now“, um – festhalten, verehrte Leserschaft! – einen Haufen Beauty-Produkte zu gewinnen. Das Studio tobt, längst ist niemand mehr auf seinen Sitzen und selbst Linda fühlt sich – ganz Norma Desmond – wie in eine längst vergangene Zeit gebeamt.

Doch gerade, als man sich als anonymer Beobachter beim Wunsch ertappt, dieses unglaubliche Happening möge jetzt noch Stunden so weitergehen, wird mal eben schnell das lästige Tagesgeschäft abgewickelt, wegen dessen – eigentlich – alle hier sind. Die Jurys der Provinzen verteilen hastig ihre Punkte, die Televoter geben ihren Senf dazu und – schwupps! – ist die kleine Molly zur Siegerin des Abends erkoren. Die darf noch kurz ihre eher einschläfernde Reprise vortragen, während das schlagartig wieder nüchterne Publikum aus den schönsten Träumen heraus nun auf den harten Boden der Wirklichkeit plumpst und das Studio anschließend vermutlich gesenkten Hauptes verlässt. Tja, hätte es einen Wettbewerb um den stimmungsvollsten Veranstalter des demnächst anstehenden ESC-Jubiläums gegeben, Irland hätte ihn an diesem Abend haushoch gewonnen!


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Irischer Bitchfight zu später Stunde

Traditionell verstecken die Iren ihre Eurosongauswahl in der piefigen “Late Late Show”, die alljährlich einer immer gleichen Dramaturgie folgt: Mit fachkundigen Gästen, garantiert eine ist seit gefühlten 351 Jahren Linda Martin, wird über die fünf auf der kleinsten Bühne der Welt präsentierten Beiträge gelabert, als gäbe es kein Morgen mehr. Dabei werden die Chancen im internationalen Wettbewerb bis ins kleinste Detail ausgelotet, das Studiopublikum signalisiert danach durch müdes Klatschen sowas wie Zustimmung, und dazwischen werden Klassiker der guten alten Zeit wie „Making your Mind up“ eingespielt. Kurz vor Mitternacht dann, wenn wahrscheinlich auch der letzte Mitbürger sanft entschlummert ist und Dauergast Linda ein seit Jahren gleiches Medley zum Besten gegeben hat, wird die oder der Unglückliche präsentiert, die oder der sich bis Ende Mai die Schmach der längst nicht mehr erfolgsverwöhnten Insulaner antun darf…

So kuschelig und schön hätte es auch 2014 werden können, ja wenn… ein Mentor nicht plötzlich mittendrin einem der Gäste – Louis Walsh – Voreingenommenheit zu einem der wettbewerbenden Künstler unterstellt hätte. Wort für Wort steigt erkennbar die Galle bei unserer Euro-Blasphemie witternden Linda hoch und schwupp… plötzlich gehen die irischen Gäule mit ihr durch! Sie geht ab wie eine verpuffte Rakete, rast durchs Studio auf den bösen Störenfried zu, die Arme in die Hüfte stemmend und beschimpft ihn wiederum als kleinen Wicht. Köstlich! Das Klatschvieh johlt vor Freude ob dieser erfrischenden Ablaufänderung und binnen Sekunden herrscht eine Stimmung wie in einem südosteuropäischen Parlament unter Vorsitz von Silvio Berlusconi.

Leider geht schnell danach wieder alles seinen altbekannten Gang, Provinzen und Televoter verteilten ihre Punkte und ein weiterer, bei weitem nicht so temperamentvoller irischer Song wird gefunden: Can-linn feat. Casey Smith singt Heartbeat in Kopenhagen, aber wer wird sich daran noch erinnern?


Der eurovisionaer schmeißt nix weg - den verstaubten alten Kram gibt's hier...