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Schwarz ist bunt genug

Ecken und Kanten wurden uns versprochen, mehrfach war von einem radikalen Neuanfang die Rede. Was das Eine mit dem Anderen und zu guter Letzt mit der gestrigen Live-Sendung „Unser Lied für Lissabon“ zu tun hatte, erschließt sich selbst nicht auf den vierten Blick. Denn die war einfach nur grottenschlecht.

Deren Sieger – ein guter Repräsentant für alles Konformistische der Branche, angefangen bei seinem Namen: Er, Michael Schulte aus Buxtehude, schwimmt aalglatt und radiotauglich, wenn auch abseits der großen Majorlabels, durch das Paralleluniversum der vorgeblich verkannten Youtube-Stars. Dort postet er rührselige Popliedchen, die millionenfach gelikt werden. Auch gestern Abend erreichte er seine Zuhörerschaft und versetzte sie in einen Zustand, den viele als emotional ergreifend beschreiben. Und das ist beim deutschen Vorentscheid die halbe Miete. Dass er während der Show selbst eher unbeteiligt wirkte, seinen Auftritt mit plakativen LED-Claims und stimmlichen Wacklern garnierte – kein Thema. Vorerst.

Denn der NDR liegt sich vor lauter Glückseligkeit erst einmal wieder selbst in den Armen. Und mit ihm die deutschen Fans. Denn es kann nicht sein, was nicht sein darf. Jeder weiß: Noch einen Rang am Ende der ESC-Tabelle dürfte die Nation wohl kaum verkraften. Also fühlt man sich ein wenig sheeranesk (funktioniert mit Blick auf die Charts todsicher) und in der Tradition des portugiesischen Vorjahressiegers stehend. Perfekt.

Fernsehtechnisch dagegen gar nicht perfekt war der Abend eine einzige Katastrophe. Angefangen bei einem lausigen Skript, das nicht nur mittels zwölfundachtzig Schnelldurchläufen wie Gummi in die Länge gezogen wurde. Auch die müden Einspieler, einfallslose Kameraarbeit, ein angestaubtes Bühnenbild, gähnend langweilige Lichteffekte, hin zu einer unterirdischen Moderationsleistung (die gar den eurovsionaer nötigte, sich die ins Exil verbannte Barbara Schöneberger zurückzuwünschen) – in toto schlicht unprofessionell.

Ähnlich wie die flapsigen, jedoch völlig überflüssigen Kommentare von Kult-Urban und Rate-Elton zu den Beitragen unserer europäischen Mitstreiter. Eine ganz schräge Nummer: Ausgerechnet die Deutschen, die notorischen Loser in der ESC-Gemeinde, legen eine dickdreiste Überheblichkeit an den Tag, die bei den NDR-Funktionären nicht erst seit gestern zu beobachten ist. Und womöglich auch ein Grund, warum heimische Einreichungen gerne mal mit Null Punkten abgestraft werden (was dann der besagte Kult-Peter gar nicht versteht).

Zurück zum gestrigen Abend, an dem es – regelmäßige Leser dieses Blogs werden sich jetzt irritiert die Augen reiben – auch sehr wohl Lichtblicke gab. Zu ihnen gehörten die europäische Jury und das bislang stets unerklärbare Eurovisionspanel (von dem wir seit gestern wissen, dass es nichts anderes als die per Demoskopie bestimmten, repräsentativen Zuschauer der Reiberschen Vorentscheide der Achtziger sind). Schließlich verhinderten sie die piefig-peinlichen Resultate der über die Jahre eingelullten deutschen Televoter, bei denen Ryk und Darcy allein natürlich kaum eine Chance gehabt hätten.

Übrigens. Einzig der Weltenbummler Xa4 (so nennen ihn pubertierende ESC-Maniacos gerne mal) zauberte ansatzweise den Meyer-Landrutschen Geist aus dem tristen Fernsehstudio vor die heimischen Bildschirme. Leider waren letztendlich dann aber doch die Haare wahlweise zu lang oder zu fettig, die Beine zu dünn oder das Liedgut zu kantig. Immerhin ein verdienter zweiter Platz.

… trotz eines lächerlichen Votingsystems á la NDR, aus dem alle Spannung nach ein paar Minuten entwichen war und die Grazien Natia und Ivy unfreiwilligerweise (?) als Verliererinnen vorführte, so dass Letztere wahrscheinlich mehr als einmal ihren vorschnellen Umzug von New York nach Berlin bitter bereute.

Machen wir also einen Strich unter die norddeutschen ESC-Bemühungen und ziehen ein Fazit.

Der eurovisionaer meint: Nun reicht es dann auch mit dem NDR! Unabhängig vom Abschneiden in Lissabon (was zum jetzigen Zeitpunkt gar niemand ernsthaft einordnen könnte), das nationale TV-Format und der überwiegende Teil der gestern vorgestellten Lieder waren handwerklich unter aller Kanone. Seit Jahren bekommen wir dieselben Versprechungen und später die gleiche Soße in Schattierungen von grau präsentiert, während sich irgendein schamloser Unterhaltungsredakteur dafür vor laufenden Fernsehkameras auch noch auf die matschige Schulter klopft.

Gebt den deutschen Vorentscheid einfach in die Hände von mutigen und kreativen Köpfen, denn diese gibt es definitiv auch unter öffentlich-rechtlichen Dächern. Macht nicht auf dicke Hose, sondern liefert – die deutschen Fans, von denen viele Euch seit Jahren trotz allem Unfug stets aufs Neue die Treue halten, haben es verdient.

PS: Alternativer Lösungsvorschlag – Portugal heischt in diesem Jahr um Aufmerksamkeit mit einem Lied ohne Titel. Wie wäre es, wenn Deutschland einfach mal auf das Lied verzichtet und drei Minuten Stille präsentiert? Nach den zuletzt gemachten Erfahrungen wäre Europa womöglich begeistert.


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Der NDR meldet Vollzug

Drei The Voice-Kandidaten, zwei Singer-Songwriter, einmal Schlager: Es hätte weiß Gott schlimmer kommen können! Heute veröffentlichte der NDR die (von quengelnden Fanboys sehnsüchtigst erwartete) Shortlist für den deutschen Vorentscheid 2018. Ob es für diese sechs Kandidaten einer internationalen Jury und eines 200-köpfigen Eurovisionspanels bedurft hätte, mag ernsthaft bezweifelt werden. Doch leider gibt es – wie schon an anderer Stelle vermutet – derzeit wohl wenige bis gar keine etablierten Musiker in Deutschland, die sich am Eurovision Song Contest die Finger verbrennen wollen. Sei’s drum, der dickste Brocken ist ob aller NDR-Vorfreude noch nicht aus dem Weg geräumt: Im Verlauf des Januars „werden in einem dreitägigen Song Writing Camp bis zu 15 nationale und internationale Texter, Komponisten und Produzenten gemeinsam mit den sechs Acts (hoffentlich gute – Anm. des Bloggers) Lieder entwickeln. Auf Grundlage dieses Materials wird im Anschluß entschieden, welcher Song für wen der richtige ist und wie er inszeniert werden kann“. Hallelujah, diese NDR-Sprech kennen wir schon seit einigen Jahren, aber irgendwann findet das blinde Huhn bekanntermaßen ja auch mal ein Korn.

Xavier Darcy
Der Singer/Songwriter aus München hat britische und französische Wurzeln. In diesem Jahr hat er sein Debüt-Album „Darcy“ veröffentlicht, das in den Top 50 der iTunes-Charts stand, vorher hatte er bereits zwei EPs herausgebracht. Er trat auf zahlreichen Festivals auf, war u. a. bei „Inas Nacht“ im Ersten zu Gast und spielte als Support bei Tourneen von Rea Garvey und Joris.

Ryk
Rick Jurthe studierte an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover Populäre Musik. In den vergangenen Jahren veröffentlichte er mehrere EPs, bis 2015 unter seinem alten Pseudonym FOXOS. Seit 2016 ist Ryk der musikalische Leiter und Komponist der europaweit erfolgreichsten Akrobatikshow „Feuerwerk der Turnkunst“. Er gewann mehrere renommierte Newcomer-Preise und spielte auf zahlreichen, auch internationalen Festivals.

Ivy Quainoo
Für ihr Debüt-Album bekam sie aus Berlin aus dem Stand heraus Gold, 2013 wurde sie mit dem Echo als „Beste Künstlerin Rock/Pop national“ ausgezeichnet und tourte im November 2017 zum dritten Mal mit ihrer Band in Deutschland. Ivy ist die bislang erfolgreichste Gewinnerin der deutschen Staffel von „The Voice of Germany“. Seit zwei Jahren lebt sie überwiegend in New York und studiert dort an der renommierten Schauspielschule The American Academy of Dramatic Arts.

Michael Schulte
Der Flensburger spielt vor einem riesigen Publikum – im Netz: Sein YouTube-Kanal hat mehr als 50 Millionen Views und knapp 200.000 Abonnenten. Ein Großteil seiner über 1,2 Millionen Spotify-Streamabrufe pro Monat kommt aus Schweden, Norwegen, England und den USA. Inzwischen hat der Singer/Songwriter  erfolgreich sieben Alben und EPs veröffentlicht.

Natia Todua
Die Georgierin ist nach Deutschland gekommen, um hier ihren Traum von einem Leben als Musikerin und Sängerin verwirklichen zu können. Sie arbeitet als Au-pair und gewann in diesem Dezember mit großem Abstand die jüngste Staffel von „The Voice of Germany“. Gemeinsam mit den fünf weiteren Sängerinnen und Sängern der Show ist sie derzeit auf bundesweiter Tour.

voXXclub
Fünf Sänger aus drei Ländern, ihre Mitglieder Florian Claus, Stefan Raaflaub, Korbinian Arendt, Christian Schild und Michael Hartinger mischen Traditionelles mit Modernem und hinterlegen dazu groovende Beats und Sounds – fertig ist die neue deutsche Volksmusik. Ihre Videos sind im Netz millionenfach geklickt, das Debüt „Alpin“ bekam Platin, dreimal waren sie für den ECHO nominiert.

Quelle: NDR-Pressetext
Foto: Universal Music / Severin Schweiger


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Vorentscheid im dicken B

Seit gestern ist es amtlich. Der deutsche Vorentscheid „Radikaler Neuanfang“ „Unser Lied für Lissabon“ findet am 22. Februar 2018 im Studio Berlin in Adlershof statt. Live ab 20.15 Uhr überträgt das Erste die Show, deren Moderation erstmals seit gefühlten 35 Jahren Barbara Schöneberger nicht übernehmen wird. Allerdings nur, weil sie an dem Abend schon was anderes vorhat. Wer für sie aus der zweiten Riege aufsteigt, steht noch nicht fest, der eurovisionaer hofft mal auf Sabine Heinrich.

Ebenso unklar ist weiterhin, wie viele Gesangstalente überhaupt an den Start gehen dürfen. Im Rahmen des unübersichtlichen Auswahlverfahrens fand vergangenes Wochenende ein halböffentliches Casting in Köln statt. Dabei wurden Ivy Quainoo, Voxxclub, der von fanatischen Fanboys fergötterte Ryk und die Band Steal A Taxi sowie eine undefinierte Anzahl weiterer Gesangstalente in der Domstadt gesichtet – ob sie jedoch das Ticket für die Zugfahrt nach Berlin bereits in der Tasche haben, will oder kann derzeit niemand beim NDR bestätigen.

Fortsetzung folgt.


Der eurovisionaer schmeißt nix weg - den verstaubten alten Kram gibt's hier...