Tag Archives: Vorentscheid

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Eurovisionia im Rausch

Europa singt sich in einen Vorentscheidungsrausch! Sage und schreibe 31 nationale Sender haben bislang bestätigt, dass sie mittels eines TV-Vorentscheids nach ihrem Beitrag für Lissabon fahnden wollen. Und es können noch mehr werden, wenn beispielsweise Kroatien seine traditionelle Dora oder Spanien die Anfang der Nuller erfolgreiche Operación Triunfo wiederbeleben sollten.

So oder so zeichnet sich ein heißer Winter für ESC-Nerds ab, will er an kalten Februarabenden via Webstream bei gleich mehreren Entscheidungsshows den Überblick behalten. Vorsorglich hat der eurovisionaer deswegen mal alle bislang feststehenden Termine gelistet und verspricht hiermit feierlich – solange er nicht abermals von einer penetranten ESC-Lustlosigkeit gepackt wird – diese brav zu aktualisieren.

Grafik: eurovisionaer


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Radikaler Neuanfang im ESC-Labor!

Preisfrage: Wenn es ein Narrativ gebraucht hätte, den monatelang schweigsamen eurovisionaer wieder an die Tastatur zu locken, was wäre das wohl gewesen? Grübel, grübel und studier… Richtig, der NDR hat dieser Tage die deutsche Vorentscheidung neu erfunden und jubelt lauthals ob des radikalen Neuanfangs. Viele intensive Gespräche habe man geführt, alle bisherigen Modelle auf den Prüfstand gestellt, den Laden kräftig durchgewischt und externen Rat und Kritik eingeholt. Fortan gelte: Nichts soll so bleiben, wie es in den letzten Jahren war.

Der über die Jahre leidgeprüfte deutsche ESC-Fan reibt sich verdutzt die Augen, mag seinen Ohren kaum trauen und wähnt sich bereits im süßen Melodifestivalenhimmel, als er sich kurz zwickt und beschließt, das Kleingedruckte zu lesen.

Internationaler soll es werden, denn eine 20-25-köpfige europäische Expertenjury wird künftig dem zuletzt überforderten Televoter sagen, wo es beim ESC langgeht. Damit nicht genug: es braucht noch ein gar 100-köpfiges Europa-Panel! Das rekrutiert der Sender – genau – über den gerade so heißen Scheiß, die Sozialen Netzwerke. Unglaubliche 10000 Nutzer sollen kontaktiert werden, bis man letztendlich mittels Big-Data-Analyse die ESC-verrückte finnische Hausfrau und den kroatischen, Balladen liebenden Postboten an der Leine hat. Aber aufgepasst, ins Panel kommen nur Deutsche! Wie jetzt? Die Hausfrau und der Postbote tun also nur so, als kämen sie aus Turku bzw. Zadar? Die Erklärung folgt auf dem Fuße: Das Europa-Panel ausschließlich mit Deutschen zu besetzen, funktioniert deswegen so gut, weil es billiger ist… „weil wir in den letzten vier Jahren mit unseren Stimmen beim Song-Contest-Televoting am nächsten am jeweiligen Endergebnis gelegen haben“.

Ach so. Hat bei unseren eigenen Kandidaten ja nicht so doll geklappt… Schwamm drüber.

Das Panel hat übrigens die ganze Arbeit am Hals. In NDR-Sprech heißt das „Wir binden unser Publikum von Beginn an in den Entscheidungsprozess mit ein!“ Will sagen, es sortiert vor: Diejenigen, die sich ab sofort bis kommenden Montag online bewerben. Hoppla, jetzt muss es schnell gehen! Aus jenem Pool nämlich werden treffsicher fünf Talente herausgefischt, die vom NDR im Anschluss ein auf den Leib geschriebenes Lied erhalten, das sie den Fernsehzuschauern Wochen später mehr oder minder authentisch präsentieren dürfen. Sendetermin? Kommt noch. Dauer? Mal sehen. Moderation? Bar… äh, noch nicht entschieden.

Uff, das war jetzt vielleicht ein wenig verwirrend – und trotzdem kommt uns das innovative Konstrukt, dieser radikale Neuanfang doch irgendwie bekannt vor…

Mal abgesehen vom ominösen Panel und der Expertenjury, die nunmehr international statt silbereisig daher kommt, gleicht das Konzept verdächtig dem letztjährigen Auswahlmodus. Auch wenn damals das Geld für lediglich zwei Finalsongs auf fünf Teilnehmern reichte. Aber nein, nein, nein… kontert der NDR: Es können sich ja nicht nur kleine mit der Handycam gefilmte You-Tube-Sternchen bewerben. Selbst gestandene Künstler seien eher bereit, sich der Endauswahl zu stellen, wenn sie erstmal die hinter verschlossenen Türen zelebrierte Europa-Panel-Entscheidung erfolgreich überstanden hätten. Mmmm.

Im Grunde genommen verkauft uns der NDR also den alten Kram in neuen Tüten, einzig mit der Ausnahme, dass er die Verantwortung nun auf ein vordergründig basisdemokratisch legitimiertes Entscheidergremium schieben kann. Doch unter uns ESC-Schwestern gesprochen, bleibt ihm denn überhaupt etwas anderes als die Castingnummer übrig? Nach drei selbst verschuldeten Final-Pleiten in Folge dürfte sich landauf, landab derzeit wohl schwerlich ein halbwegs ernstzunehmender Musiker, der das Etikett „deutsche ESC-Hoffnung“ tragen möchte, finden lassen. Statt dessen wird gecastet, bis das hochgelobte Panel schlapp macht, Ladenhüter Liedgut, das sonst niemand hören möchte, eingekauft und im hauseigenen NDR-Versuchslabor so lange gemixt, bis die Reagenzgläser kurz davor sind zu platzen und irgendeine abgestandene Eurovisionsplörre entstanden ist.

Doch wer weiß, ähnlich synthetisch hergestellte Produkte überraschten in der ESC-Historie immer mal wieder – zuletzt die vom eurovisionaer auch heute noch geliebte Lena Meyer-Landrut, deren Erfolg gleichsam formelhaft zusammengezimmert wurde. Ob es uns und dem NDR zu wünschen wäre?

Grafik: eurovisionaer


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Hätte – Wäre – Fahrradkette

Man glaubt es kaum, aber selbst die heimische ESC-Blase ist für Überraschungen gut. Setzt sich doch gestern die etwas schnodderig wirkende Isabella Levina Lueen gegen den im Vorfeld favorisierten und deswegen wohl furchtbar unglücklich dreinschauenden Axel Feige durch. Und kann dabei auch noch mehr als passabel singen!

Und doch – glücklich macht sie die deutschen Fans nicht, die nunmehr den schwarz-rot-goldenen Hattrick beim Song Contest befürchten, nachdem sie – auf einer Welle des Defätismus reitend – Deutschland den dritten letzten Platz in Folge prognostizieren.

Wie kann das passieren? Es liegt nicht an Levina. Verglichen mit ihren vier Mitstreitern, die allesamt besser in einer Karaokebar, denn in einer Vorentscheidung aufgehoben gewesen wären, musste sie ganz einfach glänzen. Es war nämlich die erste Runde mit den Coversongs (und hier irrte sich der eurovisionaer im Vorfeld ganz böse), die wir rückblickend als Glücksfall bezeichnen dürfen. Dort wagte sich Levina an Adeles überlebensgroßes „When we were young“ heran und empfahl sich dem geneigten Publikum für höhere Contest-Ehren.

Doch dann musste sich die tapfere Bewerberin durch die beiden vom NDR zur Wahl gestellten Songs für Kiew quälen und das Drama nahm seinen Lauf. Herr Schreiber hätte es die Kombattanten fünfzig mal singen lassen können – „Wildfire“ und „Perfect Life“ waren und sind mit keinem Arrangement der Welt ESC-Hits, sondern allemal ganz okaye Albenfüller. Und dass die so ganz und gar nicht funky aufspielende Heavytones-Kapelle ihr Scherflein zur Katastrophe beitrug – schmeißen wir schnell das Mäntelchen des Schweigens drüber (schließlich hat sich der Blogger an anderer Stelle schon weiß Gott genug über deren mehr als überflüssige Anwesenheit aufgeregt).

Am Tag danach wird in den Fanforen wild diskutiert. Hätte sie doch bloß und wäre doch nicht – alles Makulatur. Selbst wenn der NDR plötzlich eine Überarbeitung des Titels andeutet (und so sein eigenes Konzept vollends in Frage stellen würde) – es wird nichts helfen. An dem Song ist nach ESC-Maßstäben nichts mehr zu retten, mag er auch genug Radioeinsätze und ausreichend Downloads generieren. Wieder einmal wird eine recht interessante Sängerin mit seicht dahinplätscherndem 08/15-Pop ins Verderben nach Kiew geschickt werden.

Gäbe es nicht Wichtigeres auf der Welt, einem jahrzehntelangen Fan wie dem eurovisionaer könnte es die Tränen in die Augen treiben. Schafft es der verantwortliche NDR doch schon seit Jahren, den ESC-Karren mit voller Wucht gegen die Wand zu fahren. Alljährlich werden andere, nicht den Hauch von Innovation versprühende Formate erprobt, werden die ach so wichtigen Major-Plattenfirmen hofiert und kübelweise durchschnittliche Radiomucke über die stets hoffenden Fans ausgeschüttet. Währenddessen hat es sich eine kleine Clique in der Redaktion des NDR ganz kuschelig gemütlich gemacht, zaubert sie doch seit gefühlten Ewigkeiten den immer gleichen deutschen ESC-Eintopf auf den Tisch. Den öden Warm-Upper von der Reeperbahn, das wenig Varianten kennende Kommentar-Gemurmel des einstmals ehrenwerten Herrn Urban, die Abschiebehaft der Song-Contest-Semis auf irgendwelche Spartenkanäle. Und. Und. Und.

Es reicht. Den Verantwortlichen – und damit leider auch der smarten Levina – ist für Kiew kein Glück zu wünschen, damit dieses Gemurkse endlich mal ein Ende hat. Denn eins hat das gestrige Vorentscheidungsfanal eindrucksvoll bewiesen: der ESC verfügt in diesem Land – auch außerhalb der Kölner Fernsehstudios – über ein eigentlich beachtliches Potenzial: über eine wunderbar enthusiastische, treue Fanbase; über Social-Media-Kanäle, die randvoll mit eurovisionären Diskussionen sind; selbst über eine heimische Presse, die (erinnern wir uns an die Lena-Euphorie) nur darauf wartet, ein Eventfeuerwerk wie zum Beispiel im festivalverwöhnten Schweden zu entzünden. Diese Reserven wird die bestehende NDR-Mannschaft niemals nutzen.

Oder, wie es die stets loyale Barbara Schöneberger gestern ganz nebenbei richtig formulierte: Macht den Eurovision Song Contest endlich richtig groß in Deutschland!


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Unsere beiden Songs

Nicht nur Lena Meyer-Landrut wird heute Abend ein Déjà-vu erleben, weiß sie doch, was passiert, wenn die Heavytones einen potentiellen ESC-Song in die Finger kriegen. Doch anders als vor sieben Jahren, als die Combo „Satellite“ in die Mangel nahm und der treue Vorentscheidungszuschauer auf der Basis der Live-Versionen eine schwere Wahl treffen musste, glänzt das dieser Tage nicht nur an dieser Stelle heftig kritisierte Format „Unser Song“ ausnahmsweise mit einer lobenswerten Vorabveröffentlichung aller 2017-er Studioversionen. Der Blogger empfiehlt: reinhören! Denn offensichtlich liegen bei manchen Arrangements Welten zwischen Live- und Studiofassung.

Weiterhin problematisch allerdings bleibt der Umstand, dass heute nur fünf der zehn Lieder überhaupt ihre TV-Premiere erleben werden (dem dösigen NDR-Wertungsmodus sei Dank). Wer die Eurovisionscommunity kennt, der ahnt: Fetter Ärger dürfte vorprogrammiert sein, wenn sich nach der ersten nächtlichen Euphorie morgen herausstellen sollte, dass ein ganz besonderes Juwel erst gar nicht in die Zwischenauswahl kam. Wobei – so dolle ist die Wahl zwischen Pest und Cholera das musikalische und gesangliche (Sonder-)Angebot letztlich nun auch wieder nicht.

Der eurovisionaer wünscht einen hoffentlich KURZweiligen Fernsehabend!


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Präfaktisches Wissen zu „Unser Song 2017“

  • Am 9. Februar geht’s um 20.15 Uhr los.
  • Die gesamt Show dauert 3 Stunden.
  • Die mittlerweile jedem ESC-Fan zwischen Hammerfest und Gibraltar vertraute Barbara Schöneberger moderiert den Wahnsinn in Zahlen.
  • 5 Kandidaten (Yosefin Buohler, Axel Maximilian Feige, Felicia Lu Kürbiß, Isabella „Levina“ Lueen, Helene Nissen) wollen unser Star für Kiew werden.
  • Den gesamten Abend über kommentiert die Jury (Lena Meyer-Landrut, Tim Bendzko, Florian Silbereisen) jeden einzelnen Auftritt, um die Zuschauer zu beeinflussen. Offiziell hat ihre Stimme aber keine Relevanz.
  • Jeder Anruf kostet den entscheidungsfreudigen Zuschauer 14 ct.
  • Die beim Blogger schlecht gelittenen Heavytones begleiten die Sänger und Sängerinnen live im Kölner Studio.
  • In Runde 1 covern die 5 Teilnehmer einen Song ihrer Wahl (egal, ob Eurovision oder sonst ein Kram), 2 sind sofort raus, ehe es überhaupt um den ESC-Beitrag geht.
  • Ab jetzt gibt es 2 brandneue Melodien für Kiew, die der NDR für teures Geld eingekauft hat.
  • Nach voraussichtlich 45 Minuten sackt die Quote der Sendung in den Keller.
  • Die 2 Songs heißen „Wildfire“ und „Perfect Life“.
  • Lindy Robbins, Dave Bassett und Lindsey Ray haben „Perfect Life“ verbrochen. Der Song liegt ihnen besonders am Herzen.
  • Zwischendurch singen die unvermeidliche Ruslana, Conchita und Nicole Grand-Prix-Klassiker
  • Die internationale ESC-Community darf mitwerten, allerdings gilt ihr Votum nur als Empfehlung für den deutschen Televoter.
  • Runde 2: 3 Kandidaten singen den ersten Titel in verschiedenen Versionen, 1 Sänger scheidet aus.
  • Hinter „Wildfire“ stehen die Norwegerin Marit Larsen, Greg Holden und Tofer Brown. Sie behaupten „ihr Lied sei ein kleines Juwel“.
  • Weil Ruslana ewig Lang die Schönheiten der Ukraine lobpreist, wird die Sendezeit um 2 Stunden überzogen. Nicole muss ihren Tisch beim Italiener absagen.
  • Runde 3: 2 Kandidaten singen den zweiten Song.
  • Runde 4: Das Televoting hat entschieden, welcher Sänger mit welchem Song aus Runde 3 und 4 am besten gefallen hat. Diese beiden (Songs oder Sänger) dürfen jetzt im klassischen Superfinale noch einmal ran; der Zuschauer entscheidet, welches Paket ihm am besten gefällt.
  • Nach dem ganzen Theeeee-ater, Theater stehen Titel und Interpret für Kiew fest (sofern er / sie nicht zurückzieht).
  • Wenn nicht ein Wunder geschieht, wird der Song beim ESC abschmieren und nicht einmal ein Radiohit in Deutschland werden.
  • Nach diesem ausgeklügelten, aber von niemandem mehr nachvollziehbaren Vorentscheidungsmodus streicht der NDR vollends die Segel. Ab 2018 darf sich dann der WDR um den blöden ESC-Scheiß kümmern.
Foto: eurovision.de


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Der NDR hat gefunden

„Heureka!“ rief der Unterhaltungskoordinator der ARD, Thomas Schreiber, nachdem sich vor wenigen Tagen das im stillen Kämmerlein tagende Gremium des NDR auf die fünf glücklichen, aber bislang unbekannten Kandidaten für den deutschen Vorentscheid 2017 geeinigt hatte.

Hätte ihn doch die plötzliche, freudige Erkenntnis schon Monate zuvor ereilt, als es darum ging, ein neuartiges Konzept für die diesjährige Vorauswahl zu entwickeln! Denn man muss kein notorischer Miesepeter sein, um das Format, was uns nun am 09. Februar erwartet, sagen wir mal mit Argwohn zu betrachten.

Nach den internationalen Pleiten in 2015 und 2016 (Deutschland stand bekanntermaßen zweimal in Folge auf dem letzten Platz des Tableaus) sollte alles besser werden. Vergessen war der hochnotpeinliche und letzten Endes gescheiterte Versuch, mit Xavier Naidoo einen Etablierten der nationalen Musikszene zu verpflichten. Vergessen ebenso die über mehrere Jahre praktizierte Einbindung der Major-Plattenfirmen, die die Veranstaltung vornehmlich dazu missbrauchten, Alben- oder Ticketverkäufe ihrer Künstler zu pushen, an der Marke ESC aber wenig Interesse zeigte.

Da war es naheliegend, in Erinnerungen an die glorreichen Tage zu schwelgen, als ein junges Mädchen aus Hannover die gesamte Nation in einen Song-Contest-Freundentaumel versetzte. Bääääm! – schon war die Lösung für 2017 geboren: Eine Castingshow soll’s richten. Nicht der allseits bekannte Künstler, sondern das eigentliche Herzstück des Wettstreits – das Liedgut – rückt in den Mittelpunkt der heimischen Vorbereitung. Grundsätzlich löblich.

Mittlerweile wissen wir, dass der NDR ganze zwei Songs auf dem europäischen Markt ersteigerte. Diese ZWEI Songs werden jene nun ausgewählten Talente am 9. Februar in unterschiedlichen Versionen zu Gehör bringen. That’s it – eine Formel, die einen anstrengenden Fernsehabend verspricht.

Hinzu kommt, dass – schaut man sich in einem Anfall von Masochismus die schauderlichen Speed-Dating-Interviews auf eurovision.de an – es zwar keinem der Finalkandidaten an gesanglichen Qualitäten mangelt, wohl aber an einer ordentlichen Portion Persönlichkeit. Und machen wir uns nichts vor, gerade Individualität war es, mit der das eher durchgeknallte Fräulein Lena damals in Köln und später in Oslo für Aufmerksamkeit sorgte.

2017 dagegen verspricht biedere bundesdeutsche Normalität und keine Wiederholung des 2010er Glücksgriffs. Einzig die erstmals in einer nationalen Vorausscheidung eingesetzte Eurovisions-App könnte noch für Überraschungen sorgen. Mit ihr dürfen im Netz zuschauende ESC-Fans aus ganz Europa zwar nicht mit entscheiden, wohl aber ein hoffentlich profundes Meinungsbild abgeben.

Mögen sie uns also einen glorreichen Ausweg aus diesem absehbar wenig glamourösen Vorentscheidungsdilemma weisen!

Grafik: eurovisionaer


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Zurück in die Zukunft

Hoppla, da bahnt sich ja eine Sternstunde der deutschen TV-Unterhaltung an! Thomas Schreiber höchstpersönlich hat den Fluxkompensator angeschmissen und beamt sich als ehrwürdiger Dr. Emmett Brown aus der aus bundesdeutschen Sicht eurovisionsseligen Lena-Meyer-Landrut-Ära punktgenau zum 09. Februar 2017. Dann nämlich findet, wie der NDR gestern voller Stolz mitteilte, die nationale Vorentscheidung „Unser Song 2017“ statt.

Sie wird, wie der Sender auf seinem Sprachrohr eurovision.de offenherzig zugibt, als ein „Zurück zur Castingshow“ überschrieben und passt damit hervorragend zur reaktionären gesellschaftspolitischen Stimmung des Landes, wo man in anderen Kontexten ebenfalls wehmütig an die Zeit zurückdenkt, als alles noch besser war. In Eurovisionssprech übersetzt heißt das: Nach zwei letzten Plätzen im internationalen Vergleich besinnen wir uns auf unser glorreiches Jahr, als sich das forsche Fräulein aus Hannover in einem Heer mitstreitender Trantüten von Woche zu Woche in die Herzen der Zuschauer sang und letztlich gar den ESC-Pott nach Hause brachte. Damals im Frühsommer 2010, waren das noch goldene Zeiten!

Und um auch den letzten Depp in diese Wohlfühlatmosphäre vergangener Tage zu versetzen, muss die deutsche ESC-Ikone, die sich zuletzt nur noch Sorgen um ihre schönen Haare machte, erneut ran. Nicht als Sängerin, so weit geht die treue Verbundenheit dann doch nicht. Aber als Mentorin, die nunmehr im Vorfeld des Castings auch das letzte deutsche Talent von der heimischen Youtube-Kamera weg ins altbekannte Kölner Studio zerren soll.

Denn aus dreißig Freiwilligen siebt eine Fachjury – beteiligt ist übrigens Raab-TV – Anfang Dezember die fünf Glücklichen aus, die sich an jenem eurovisionären Turning-Point, dem besagten 09. Februar, im Rahmen einer dreistündigen TV-Show, welche selbstverständlich von Madame Schöneberger verkalauert wird, dem Urteil der Fernsehzuschauer stellen dürfen. Untermalt werden die musikalischen Auftritte der ESC-Aspiranten von der seit der Raabs-Frühverrentung arbeitslos gewordenen Schaudercombo „The Heavytones“. Und zwischendurch wird ein braves Dreiergremium – eben jene Frau Meyer-Landrut, Volksmusikausverkäufer Florian Silbereisen sowie Softpopbubi Tim Bendzko – nichtssagende Kommentare absondern, die aufgrund ihrer Belanglosigkeit allerdings nicht in die Bewertung einfließen dürfen.

Fehlt noch das Wichtigste: unser Lied! Da wird es in der Presseinfo etwas schwammig. Laut NDR ermittelt besagte Hausjury aus den Einreichungen nationaler und internationaler Produzenten verschiedene Vorschläge und würfelt diese unter den Bewerberinnen aus. Oder so ähnlich. Geht es nach Herrn Schreiber ist der Winnersong jedenfalls so maximalcool wie „If I were sorry“, den 2017 ein hochnäsiger Oberschulhipster aus Berlin-Friedrichshain ins Mikro murmelt. Voila!

Es ist ein Graus, die Eurovisionsredaktion übertrifft sich alljährlich mit innovativen Konzepten, doch ewig neunmalkluge Fans wie der eurovisionaer nölen ohne Unterlass. Zugegeben – auf ein schrilles Indieteilnehmerfeld nach Art des Eesti Lauls zu hoffen, wäre zu viel verlangt, ist sich doch die deutsche Künstlerszene zu fein für den ESC. Direktnominierung ist auch doof, also bleiben nur die Castingsternchen. Und wer weiß, vielleicht ist unter ihnen ja tatsächlich ein zweiter Glücksfall. Vielleicht bewahren uns die via Votingapp zugeschalteten internationalen Fans als „Stimmungsbarometer“ vor dem Schlimmsten. Und vielleicht flutscht dem für seinen eintönigen Geschmack stadtbekannten Vorab-Komitee zufällig mal ein Knallersong in die Endrunde. Schon wäre die deutsche ESC-Welt wieder heil.

Aber bitte: die Heavytones, die es mühelos schaffen, wirklich jeden guten Song kaputt zu arrangieren? Die dauerpräsente Barbara Schöneberger, deren Moderationsdrops im nunmehr vierten Jahr in Folge gelutscht sein dürfte? Eine Expertenjury, die keine Funktion hat? Die Brainpoolstudios, die den Charme eines mies organisierten Abiballs versprühen?

Nein danke, das ist nicht der längst überfällige Neuanfang und es steht zu befürchten, dass der hochintelligente Fluxkompensator den Schwindel durchschauen und die erfolgreiche Zeitreise ganz einfach verweigern wird.

Grafik: eurovisionaer


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Wer wird ULFS?

Es ist soweit. Heute Abend will der NDR das unsägliche Naidoogate vergessen lassen und schickt daher zehn mehr oder weniger etablierte Künstler in das Rennen um das deutsche Ticket für den Eurovision Song Contest 2016.

Aus Erfahrung klug geworden, verzichten die Organisatoren gänzlich auf irgendeine Jury (über die im Anschluss garantiert eine wild gewordene Horde von Social-Media-Usern hergefallen wäre) und legen das Schicksal der Veranstaltung einzig in die Hände der Zuschauer. Diese dürfen per Telefon, SMS und erstmals auch per App für ihre Favoriten abstimmen. Und das gleich zweimal, denn die drei Erstplatzierten werden erneut in ein Superfinale geschickt, über das dann der endgültige Televotingsieger bestimmt wird. Sollte ausnahmsweise alles glatt gehen (jeder Künstler musste eine Erklärung unterschreiben, bloß keinen Kümmert zu machen) ist der Zauber, durch den die unverwüstliche Barbara Schöneberger geleitet, um 22.15 Uhr vorbei.

Und ob dann tatsächlich das Manga-Sternchen Jamie-Lee als glückliche Gewinnerin fest stehen sollte, wie es ihre aufgeregten Fanboys seit Monaten in die Welt krähen, oder doch die Meat-Loaf-Gedächtnis-Bombastnummer – wir werden am Ende dieser beispiellos peinlichen deutschen Vorentscheidungssaison endlich Gewissheit haben und einen Deckel auf das Drama der vergangenen Monate machen dürfen.

Alex Diehl – Nur ein Lied
… beweist, wie schnell man in den erlauchten Kreis deutscher Vorentscheidungsteilnehmer aufgenommen werden kann. Als spontane Reaktion auf die Terroranschläge in Paris hatte der bayerische Singer-/Songwriter im November letzten Jahres sein Nicole-Gedächtnis-Rührstück „Nur ein Lied“ geschrieben, flugs mit der Handykamera aufgenommen und auf Facebook hochgeladen.

Avantasia – Mystery of a blood red rose
… reklamieren handgemachte Rockmusik für sich, versteigern sich dann aber eher in Bombastklänge, an denen der selige Jim Steinman seine helle Freude hätte. Sänger Tobias Sammet ist der Kopf der erfahrenen Band, die bereits internationale Charterfolge aufweisen kann. Ob das Experiment gelingt, die Rockfraktion mit dem ESC zu versöhnen, wird sich zeigen. Möglicherweise erleben wir lediglich eine moderne Variante von Dschingis Khan.

Ella Endlich – Adrenalin
… war eingefleischten Schlagerfans bislang als studierte Musicalkünstlerin und Interpretin der Titelmelodie des Films „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ bekannt. Nun aber hat sie offensichtlich nachsitzen und pausenlos Helene-Fischer-Hits anhören müssen, denn ihren Beitrag „Adrenalin“ kann sie seitdem nicht mehr von „Atemlos“ unterscheiden. Dem Publikum heute Abend wird es wahrscheinlich ähnlich gehen.

Gregorian – Masters of chant
… wurde aus der NDR-Schublade „Irgendwas mit Verkleidung“ gezogen. Nach den Priestern, Seeleuten, Mittelaltergaucklern und Mongolen werden nun halt Mönche auf die Bühne geschoben. Dem eurovisionaer unbegreiflich, können sie mit diversen Gold- und Platinauszeichnungen gar auf stattliche Erfolge als Coverband bekannter Hits verweisen. Dem Himmel sei dank, dass sie für die heutige Entscheidung keinen weiteren Chartbuster verwursten dürfen, sondern – den ESC-Regeln entsprechend – ein eigenes Chorwerk an den Start bringen müssen.

Jamie-Lee Kriewitz – Ghost
… ward hochgelobt und gewann im Dezember den Wettbewerb „The Voice Of Germany“. Überraschenderweise schaffte sie im Anschluss mit ihrem Siegertitel „Ghost“ nur Platz 11 der heimischen Verkaufscharts und tourt seitdem mit der Voice-Clique durch Deutschland. Das erklärt vielleicht, warum sie für den ESC keinen neuen Song eingereicht hat. Oder fehlt der 17-jährigen Künstlerin vielleicht doch ein längerer Atem?

Joco – Full moon
… sind zwei studierte Schwestern, die vorgeben, Indie-Pop zu machen und gleichsam damit angeben, ihr im vergangenen Jahr erschienenes Debut-Album „Horizon“ in den Abbey Road Studios London aufgenommen zu haben. Das dürfte in der ESC-Welt allerdings nur lahmes Schulterzucken hervorrufen, folglich gilt ihr Titel „Full Moon“ schon im Vorfeld als Aspirant auf den letzten Platz.

Keøma – Protected
… ist ein deutsch-australisches Duo, dessen Debüt-Album ebenfalls soeben erschienen ist. Gitarre, Bass, Synthies und Gesang sind die Grundzutaten ihrer Musik, mit der sie ein weltoffenes und modernes Deutschland repräsentieren wollen. „Protected“ ist wunderschön chillig und folglich für nächtliche Autofahrten hervorragend geeignet, es dürfte jedoch leider im bunten ESC-Angebot hoffnungslos untergehen. Oder?

Laura Pinski – Under the sun we are one
… ist das neue Mäuschen von Ralph Siegel, der erstmals seit 2005 wieder zu einer deutschen Vorentscheidung eingeladen wurde. Das findet der eurovisionaer ganz lieb vom NDR, auch wenn das musikalische Schaffen des Grand-Prix-Urgesteins mittlerweile niemanden mehr vom Hocker haut. So auch das gewohnt hymnisch-sülzige Tralala „Under the sun we are one“, das die Düsseldorferin, die – man glaubt es kaum – angeblich gar schon einmal im Supertalent-Finale stand, heute zum besten geben will.

Luxuslärm – Solange Liebe in mir wohnt
… kommen aus Iserlohn, was die Band, die sich gerne wie Silbermond anhören möchte, verdächtig unhip erscheinen lässt. Doch immerhin haben die Musiker um Sängerin Jini Meyer bereits eine ECHO-Nominierung, die „1LIVE Krone“ sowie den vierten Platz beim Bundesvision Song Contest im Gepäck, da müssen sie sich wohl auch nicht mehr vor dem ESC fürchten. Und selbst wenn es in der Vorentscheidung schief gehen sollte, so wird der exponierte Fernsehauftritt für gehörige Promotion des gerade veröffentlichten neuen Albums sorgen. Danke Universal für so viel Uneigennützigkeit!

Woods of Birnam – Lift me up (from the Underground)
…ist ein Projekt des Schauspielers Christian Friedel (u. a. „Das weiße Band“) und Musikern der Gruppe Polarkreis 18, dem One-Hit-Wonder aus dem Jahr 2008. Ausgerechnet Til Schweiger haben sie ein wenig Bekanntheit zu verdanken, gehörten sie doch zum Soundtrack seines Films „Honig im Kopf“. Auf ewig lässt sich davon aber wohl auch nicht leben und so wagen sich die intellektuellen Softrocker zum deutschen Song Contest. Allerdings – eine Direktnominierung wäre in diesem Fall wohl sinnvoller gewesen, denn für den internationalen ESC durchaus kompatibel, dürften sie entsprechend der Televoting-Gewohnheiten der bundesdeutschen Fernsehzuschauer die erste ULFS-Runde nicht überstehen.

Grafik: eurovisionaer


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Alles ist gut

Die liebe Seele hat Ruh! Was nach dem Naidoo-Disaster kaum einer für möglich gehalten hätte, ist wahr geworden: der NDR und die deutsche ESC-Anhängerschaft sind auf alle Ewigkeit für’s Erste ausgesöhnt!

Zuerst wurde geshitstormt was das Zeug hielt, Song-Contest-Teilnahme und Verschwörungstheorien eines Mannheimer Sängers gingen so rein gar nicht zusammen (fand auch der eurovisionaer). Dann wurde gemeckert, dass der NDR das nach nur zwei Tagen ebenfalls so sah. Anschließend wurde gequengelt, dass Alternativkonzepte für eine 2016-er Vorentscheidung so lange auf sich warten ließen. Und zwischendurch die Schose mit der gefakten Liste (für die der NDR aber nix konnte…). Doch nun ist alles gut.

Eben jener NDR, der noch im November zum Gespött der Nation geworden war, legte gestern ein Teilnehmerverzeichnis auf den Tisch, mit dem er nahezu alle Wünsche der Fans auf einmal erfüllte. Das süße Manga-Girlie Jamie-Lee wollt Ihr? Sollt ihr kriegen! Ordentliche Sendezeit? Erledigt: zwei Stunden! Die Barbara soll’s wieder richten? Gebongt! Schlager? Gerne! Ralph Siegel aus’m Exil holen? Na gut! Einzig die von einigen Hardcore-Nervensägen als Göttin angebetete Helene fehlt. Entschuldigt, denn das wäre wohl zu viel des Guten gewesen.

Nun reicht das musikalische Spektrum vom Bombastrock über Indiesounds bis hin zum lang verschmähten Tralala. Fragt sich nur, warum der NDR früher für eine weniger abwechslungsreiche Ausbeute nahezu sechs Monate Vorbereitungszeit einkalkulierte. Schwamm drüber.

Denn der Rest ist wie immer: Mit der Meldung der hoffnungsvollen Kandidaten werden mal wieder nur vier der insgesamt zehn Beiträge veröffentlicht. Die anderen Songs, äh… Lieder, sollen der Öffentlichkeit kleckerweise präsentiert werden. Und: Erneut ist die Redaktion vom Wohlwollen der Plattenfirmen, deren Promotionterminen und Single- oder LP-Veröffentlichungen abhängig. Doch was soll man anderes erwarten, wenn Brainpool-Hipster gemeinsam mit den Label-Managern abhängen? Eine ohrenschmalzerweichende musikalische Granate, die in irgendeiner Schublade nur darauf gewartet hat, endlich zum trendigen ESC entsandt zu werden?

Einzig das vorsichtig als innovativ zu betitelnde Konzept, Ideen zur Inszenierung der Künstlerauftritte von Studenten der deutschen Film- und Kunsthochschulen einfließen zu lassen, verdient Beachtung. Denn augenscheinlich hat es sich mittlerweile selbst bis Hamburg herumgesprochen, dass der im vergangenen Jahr siegreiche Måns Zelmerlöw ohne seine Comic-ClipArt-Installation zwar mehrere Blumentöpfe, nicht aber unbedingt den ESC gewonnen hätte.

Doch bei so viel Glückseligkeit allerorten will auch der eurovisionaer keine miese Stimmung verbreiten. Er stellt heute um 19.12 Uhr lediglich fest, dass er den Hype um eine kleine TVOG-Gewinnerin nicht nachvollziehen und die Ergriffenheit für einen kalkulierten Pseudo-Polit-Protest-Song nicht teilen mag. Bleibt ihm (vorerst) nur die pompöse Meat-Loaf-Gedächtnis-Nummer, die leider satte 35 Jahre zu spät kommt. Sei’s drum.

Foto: Pixabay


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USFÖ – Wir sind die Dramaqueen Europas

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Hoppla, da hat sich der eurovisionaer aber gewaltig geirrt, als er die diesjährige deutsche Vorentscheidung USFÖ im Vorfeld als absehbar unspektakulär abtat… Weit gefehlt, zum Tausch erlebten wir hautnah den Gipfel deutscher Live-Fernsehunterhaltung, der fortan wohl in keinem ESC-Rückblck fehlen darf.

„Ich bin ein kleiner Sänger“ sprach der Sieger Andreas Kümmert, lehnte das gerade gewonnene Wienticket ab und entschwand von der Bühne. Mehr Drama ging kaum und selbst die forsche Barbara Schöneberger war einen Moment lang sprachlos, bevor sie aus Mangel an Alternativen mal eben die Zweitplatzierte Ann Sophie beauftragte, im Mai in die österreichische Hauptstadt zu reisen.

Und jetzt haben wir den Salat! Denn deutlicher konnte man uns wohl gestern nicht vor die Nase halten, was passiert, wenn der NDR mit den Major Labels kungelt und ihnen zur Beruhigung des eigenen schlechten Gewissens eine Wildcard auf den Hals hetzt. USFÖ stellte von Anfang an ein Format dar, das nur unterschwellig auf die Suche nach einem passenden Beitrag für den Eurovision Song Contest ausgerichtet war. Mit Sängern, die sich zwei Songs so nebenbei aus dem aktuellen Album pulen oder Songwritern, die erst einmal überzeugt werden müssen, einen Titel für den Wettbewerb freizugeben. Mit jungen Radiowellen, die Beiträge aussuchen, die sie niemals im laufenden Programm spielen werden und Managern respektive Plattenfirmen, bei denen der Verkauf von Tonträgern und Konzerttickets an erster Stelle steht.

Wie folgerichtig, dass nach allem Hin und Her ausgerechnet die Sängerin (welche übrigens am allerwenigsten an dem ganzen Schlamassel schuld ist) schlussendlich zum ESC geschickt wird, die sich wohl als Einzige aus freien Stücken um die Eintrittskarte in den Schlagerzirkus beworben hatte. Mit diesem peinlichen Abschluss hat der NDR der fortan als „zweite Wahl“ stigmatisierten Sängerin Ann Sophie, aber auch dem deutschen Song Contest einen Bärendienst erwiesen. „Ihr seid das neue Weißrussland!“ spotten die internationalen ESC-Anhänger und für diejenigen, die den heimischen wie auch internationalen Wettbewerb schon immer affig fanden, schaufelte das gestrige Chaos nur Wasser auf die Mühlen.

Wie albern das komplizierte, sich über drei Runden erstreckende Wertungssystem  tatsächlich ist, hat Kümmerts Rückzug nachdrücklich aufgezeigt, denn es gab von Beginn der Sendung an keine Chance für einen weiteren Nachrücker. So blieb der messerscharf denkenden Frau Schöneberger – ohne Kontakt zur Regie – in der Tat nichts anderes übrig, als die verdutzte Ann Sophie spontan zur Gewinnerin zu küren. Vorschlag: Schenken wir uns doch fortan das ganze Showspektakel und fragen wir die Babsi im nächsten März einfach direkt, wen sie sich dann so ausgeguckt hat.

Sicher, schon die alte Zarah wusste: Davon geht die Welt nicht unter – schließlich haben wir keine Eurovisionsregierung für die nächsten vier Jahre gewählt, die dann doch Schiss kriegt und sofort wieder abtritt. Ärgerlich ist es aber schon, wenn Verantwortliche des NDR gleich nach der Sendung noch von einer grandiosen Show reden, keiner das Wort Wettbewerbsverzerrung in den Mund zu nimmt oder die angeblich 78% Kümmert-Televoter erwähnt, die ihr Geld für Nüsse ins Nirwana verschickt haben.

Noch ein paar abschließende Gedanken zu Andreas Kümmert. Ohne mit dessen Werk und Vita ins letzte Detail vertraut zu sein, fragt sich der eurovisionaer, wie es einem ehemaligen Castingshow-Sieger erst in den letzten Sekunden dämmern kann, was möglicherweise nach einem Vorentscheidungssieg auf ihn zukommen könnte.

Statt dessen wird er nun als labiler Künstler dargestellt, der Respekt für seine persönliche Entscheidung verdient. Bei allem Verständnis – wo war denn sein Respekt und seine Fairness gegenüber den anderen Mitbewerbern, insbesondere gegenüber Frau Feser und den Damen Laing, die vielleicht auch ganz gerne Finalluft geschnuppert hätten? Und ist es zynisch festzustellen, dass sein Song zwischenzeitlich das avisierte Marketingziel erreicht hat, wenn er auf Rang 5 der tagesaktuellen Verkaufscharts steht?

Nein, da geht dem Hausherrn der Hut hoch und er gibt in diesem Fall ganz freimütig und gerne den kleinkarierten ESC-Fan, dem mal wieder nichts recht zu machen ist. Dabei hatte er sich einfach nur auf einen halbwegs unterhaltsamen Fernsehabend mit Bier und Mettbrötchen gefreut…

Grafik: Flickr / deiby (Blurred)


Der eurovisionaer schmeißt nix weg - den verstaubten alten Kram gibt's hier...