Monthly Archives: Mai 2014

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Da war doch noch was… Der ESC und die große Politik

Schande! Nein, nicht, weil Valentina im dritten Anlauf das Finale gepackt hat… Viel hinterfotziger nach Meinung des eurovisionaers das Verhalten zahlreicher Fans, als Dienstagabend in der B&W Hallerne der russische Finaleinzug bekannt gegeben wurde. Gleich ein kakophonisches Konzert von Buhrufen schallte durch die Kopenhagener Arena, denn offensichtlich wurde dieses Halbfinalergebnis in Fankreisen so gar nicht goutiert. Man mag ja auch streiten, ob die Zopf-Nummer auf der Wippe wirklich so funky war – das hätte man sich aber bei mindestens acht anderen Beiträgen ebenso fragen können. Ganz eindeutig ging es den Miesmachern nicht um musikalische Kriterien, sondern um handfeste Politik. Der seit Wochen Europa beherrschende Ukraine-Konflikt zog damit auch in die heile Eurovisionswelt ein.

Nun könnte man sagen, wen verwundert’s, wenn doch die Propagandamaschinerie der westlichen ebenso wie östlichen Medien und Regierungen seit Wochen auf Hochtouren läuft? Muss eine solch penetrante Gehirnwäsche nicht nahezu automatisch in Buhrufen münden, die dann im Rahmen einer Live-Unterhaltungssendung quer über den Kontinent ausgestrahlt werden? Die das Ideal von Völkerverständigung und friedlichem Miteinander bei einem harmlosen Gesangswettbewerb konterkarieren? Doch warum gibt sich der gemeine Eurovisionsfan, dessen Leidenschaft doch eher die große Geste oder schicke Abendroben sind, plötzlich vordergründig so politisiert?

2009, als während des Festvials auf Moskaus Straßen eine Schwulenparade gewaltsam aufgelöst wurde, waren viele konsequenterweise einfach zu Hause geblieben, die anderen jedoch feierten sich durch rauschende Euroclubpartys und schwärmten von der russischen Gigantomanie des Song Contests. Letztes Jahr in Malmö, als Putin gerade einen weiteren Stapel Anti-Homosexuellen-Gesetze erließ, schwärmte die Community von den Friedensbotschaften der russischen Sängerin Dina Garipova.

Heute, 2014, leisten die Medien ganze Arbeit, wenn es darum geht, Agitation zu betreiben. Natürlich mag es zweifellos genügend Gründe geben, Russlands Haltung in der Ukraine-Krise zu kritisieren. Doch in der Vergangenheit betonten gerade jene, die jetzt lautstark Missmut äußern, dass der Eurovision Song Contest nicht als politische Plattform mißbraucht werden dürfe. Richtig so! Im besonderen die schwule Community, zu der der eurovisionaer ja selbst gehört, könnte darauf achten, den respektvollen, vorurteilsfreien Umgang miteinander zu praktizieren und sich nicht vor irgendeinen Meinungskarren spannen zu lassen, um dessen angebliche political Correctness unbedacht aufzusaugen.

Dicke Eier in der Hose haben – gerne, aber nicht, weil es gerade mal angesagt ist, Russland zu bashen. Wenn man keinen Schimmer hat, was außerhalb der Schlagerwelt vor sich geht bzw. seine Meinung aus der BILD bezieht, sollte man besser einfach den Mund halten. Das allein hätte am Dienstagabend als Statement ja schon genügt!

Foto: EBU / Sander Hestermann


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Aus 16 mach 10

Potzblitz, wer hätte das gedacht, Valentina, das immer wiederkehrende Murmeltier des ESC, hat es endlich geschafft! Maybe lag es daran, dass unser Liebling Ralph erst persönlich auf die Bühne musste, damit San Marino der allererste ESC-Finaleinzug glückt. Grandios die Niederländer, die jetzt am Samstag gar den Vorjahreserfolg von Anouk überbieten können. Ganz großes Kino! Etwas weniger herausragend Ungarn, aber wie erwartet ebenfalls oben dabei. Der Rest war eurovisionäres Mittelmaß oder schlicht zum Davonlaufen, wie z.B. die nervtötende Endlosschleife aus Portugal und Mamas Junge Axel aus Belgien. Gut, dass die perfekte TV-Inszenierung der Dänen so vieles übertüncht und das maue musikalische Angebot in den Hintergrund rückt. Übermorgen dann das vom Papier stärkere Semifinale zwei. Gute Nacht Europa!

ARM Armenien Aram mp3 Not alone
 SWE Schweden Sanna Nielsen Undo
 ICE Island Pollapönk No Prejudice
 RUS Russland Tolmachevy Sisters Shine
 AZB Aserbaidschan Dalira Start a Fire
 UKR Ukraine Maria Yaremchuk Tick-Tock
 SNM San Marino Valentina Monetta Maybe
 NL Niederlande The Common Linnets Calm after the Storm
 MNE Montenegro Sergej Ćetković Moj Svijet
 HUN Ungarn Kallay Saunders András Running


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Heute erstes Semifinale in Kopenhagen

Es ist so weit, in der B&W Hallerne in Kopenhagen geht es heute Abend ab 21 Uhr darum, wer von den 16 Teilnehmern ins Finale des Eurovision Song Contest 2014 einziehen darf. Nachdem seit Beginn der Proben vor einer Woche die Experten täglich aufs Neue vortrefflich spekulierten, welcher Backdrop, welche Geste und welches Kostüm Erfolg versprechend ist, wird es also endlich, endlich, endlich ernst. Erst gestern – beim Jury-Semifinale – das bereits über die Wertungen des eurovisionären Preisgerichts entscheidet – kam es zu einem folgenschweren Zwischenfall, von dem mein Bloggerkollege Oliver Rau bei Aufrecht gehn wunderbar unaufgeregt berichtet. Andernorts, vor allem in der dänischen Hauptstadt, scheint dagegen eine kollektive Hysterie ausgebrochen zu sein, die erfahrungsgemäß nach dem heutigen Event ein erstes Ventil finden wird.

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leer
Noch aber wird im Pressezelt Kokon der akkreditierten Fanboys getippt und gewertet, was das Zeug hält (s. Grafik) und auch ich habe mich bekanntermaßen an dieser Stelle mit verschiedenen Polls bei Laune gehalten. Trotzdem – die Erfahrung hat es uns gelehrt, Rechenschieberei und Wunschdenken funktionieren nur bedingt bei unserem Lieblingswettbewerb.

Bleibt also die Frage, welcher Beitrag bleibt musikalisch hängen, auch wenn er vielleicht nicht mit Höchstwertungen überschüttet werden sollte? Dass ich mich dem Armenien-Schweden-Hype so gar nicht anschließen mag, habe ich ja schon des Öfteren kund getan. Unanständig entspannt und wahrhaftig schön ist hingegen eigentlich nur ein Lied im heutigen Angebot, findet der Eurovisionär. „Calm after the Storm“ vom niederländischen Duo „The Common Linnets“ verzichtet auf den ganzen Firlefanz und setzt statt dessen auf eine traumhafte Melodie, die man sich wahrscheinlich auch noch in sechs Monaten anhören mag. Reicht ja. Ob dann noch wichtig ist, dass Europa ebenso entscheidet – Nebensache! Ach, und die lustige lettische Geigerin ist einen Blick wert – vielleicht erleben wir mit ihr noch eine faustdicke Überraschung. Sicher ist nur, in wenigen Stunden werden alle esc-istentiellen Fragen beantwortet.

Für die ewiggestrigen Couchpotatoes überträgt EinsPlus in die Flimmerkiste zu Hause, hippe Zeitgenossen schauen online und schwimmen durch den Social Stream des NDR. Na denn…

Foto: Sergio


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Eurovisionäre Nachhilfe: 05. Mai 1990

1990Der ESC-Jahrgang 1990, ein Klassiker! Selten zuvor gab es so viele Songs, die meine private Playliste anführten und auch ohne den Contest hätten bestehen können. Selbst heute, fast 25 Jahre später, weiß ich eigentlich gar nicht, wo ich mit meinen Lobeshymnen anfangen soll… Sicher bei Israel und seiner wundervollen Rita, die mich auf Jahre – was sag ich! – Jahrzehnte danach in schönen wie auch gleichermaßen traurigen Momenten begleitete. Die spanischen Azucar Moreno, denen zwar auf ewig diese dumme Playback-Panne anhängt, die aber auch einen Orkan Modernität in den ollen Wettbewerb gebracht hatten. Frankreich, das den Altmeister Gainsbourg ausgegraben und mit ihm ein erneutes Husarenstück abgeliefert hatte. Oder die Türkei, die erstmals in der ESC-Historie die eigene Melancholie erfolgreich in Noten umsetzen konnte. Die liebenswert stelzige Dänin, der traurige Belgier sowie die gastgebenden Jugos, die kurz vor Schluss noch einmal verrückte Sachen machen wollten. Anders als heute war da selten die Skip-Taste im Spiel, wenn ich der (damals noch nicht offiziellen) CD gelauscht habe und einen wahrhaftig eurovisionären Flash verspürte.

il90Der 05. Mai war heiß! Wie gewohnt hatte ich nachmittags Günter Krenzens Pop-Report verfolgt und die Songs des Abends studiert, während ich in besagtem Jahr erstmals so richtig auf ESC-Party machen wollte. Dementsprechend ewig lang war ich damit beschäftigt, möglichst viel Platz in dem winzigen Kühlschrank meiner 3-qm-Küche zu schaffen, um irgendwo Unmengen an Sektflaschen deponieren zu können. Damals war es in, bei Festivitäten dieses Zeugs zu trinken! Heutzutage käme das zwar niemandem mehr in den Sinn, dennoch erinnere ich nostalgische Bilder, frohgelaunt aus einer Art Getränkefeinkosthandel kistenweise angeblich hauseigenes Perlgesöff geschleppt zu haben. Dieses galt es also zu verstauen und zu kühlen, um es den Gästen bestmöglich temperiert anbieten zu können, das Warten auf die abendliche Bescherung nutzte ich folglich recht pragmatisch. Es war eine komische Zeit, Deutschland war den Winter zuvor in etwas wiedervereinigt worden, das ich nie kennengelernt hatte, und jetzt eben zu allem Überfluss noch heiß. Ein Sommer Anfang Mai halt.

e90Gegen 20 Uhr war es dann vollbracht, die Eurovisionsgirlande (prust!!!) hing und die Käse-Lauch-Suppe, die es damals auf jeder zweiten Feier gab, war gekocht. Doch zu einer Zeit, als Eurovisionsparties nahezu unbekannt waren, ließen sich Außenstehende noch beeindrucken und innerhalb einer halben Stunde waren alle vortrefflich angetrunken und in bester Stimmung. Mit dem cremigen Etwas auf dem Löffel verfolgten wir den Siegeszug der Italiener, die sehr hoffnungsfroh die nahende Einheit Europas besangen, was den damals noch ausschließlich wertenden Jurys wahrscheinlich runter gegangen war wie das sprichwörtliche Öl. Toto Cutugno hatte Jahre zuvor bereits in Mitteleuropa durch eine Single namens „L’Italiano“ auf sich aufmerksam gemacht (die schmetterte ich Mitte der Achtziger so manche Nacht mit meinem lieben Freund Herrn B), nun also gewann er den „Grand Prix“ und ein weiteres Jahr später gar sollte er den Song Contest moderieren, was aber besser ein böser Traum geblieben wäre und zu jenem Zeitpunkt – dem ESC-Gott sei Dank! – noch niemanden interessierte.

i90Vielmehr ging es, als das Gesinge gegen Mitternacht gelaufen war, darum, dass unser Partysieger die Gemeinde zumindest teilweise an seiner fetten 45 Deutschmark-Wettprämie (nur er hatte den Toto erahnt…) teilhaben ließ. Ob der vorherrschenden Hitze wurde er einstimmig beauftragt, Eiskrem zu besorgen, was sich in den Jahren danach – wie süß! – zu einem festen Ritual entwickeln sollte. Seine Pappenheimer kennend, kam er dann wenig später unter großem Hallo mit der einst trendigen Langnese-Kreation „Sekt-Cooler“ von der Tanke zurück und gab der Partymeute damit den noch fehlenden letzten, ultimativen Kick. Sternhagelvoll zog sich diese nämlich anschließend auf meinen Miniatur-Balkon zurück, demolierte meinen neuen, heißgeliebten Liegestuhl und ließ die Nacht zum Tag werden. Trotzdem müsste ich jetzt lügen, wenn ich behauptete, dass ich mich von diesem Treiben widerwillig entfernt hätte – kurzum: es war ein wunderbarer Abend!

Toto machte anschließend seinen verdienten Weg in die deutschen Charts, wo die heimischen Vertreter Kovac und Kempers mit ihrer Siegel-Hymne von Beginn an nichts zu suchen hatten. Und ich träumte den Rest des Jahres weiter von der israelischen Rita und so manchem, quatsch – einem speziellen! – Partygast (die Testosterone halt!). Diese Wunschvorstellungen jedoch sollten sich erst zwölf Monate später – rechtzeitig zur nächsten ESC-Sause – endgültig entladen. Aber das ist eine andere Geschichte…

scoreboard 1990

Foto Scoreboard & Logo: EBU


Der eurovisionaer schmeißt nix weg - den verstaubten alten Kram gibt's hier...